Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Mit Ludwig Erhard in die Ökonomie nach Corona

Der Vater des Wirtschaftswunders hat uns die richtigen Leitlinien für den Umgang mit der Krise geliefert. Sie sind eine Chance, um Wohlstand für alle zu erreichen.
27.08.2020 - 21:39 Uhr Kommentieren
Sonja Stuchtey ist Aufsichtsratsvorsitzende der Alliance4Europe, Martin R. Stuchtey Professor für Ressourcenstrategie und -management an der Universität Innsbruck. Quelle: SystemIQ / Lukasz Kaminski
Die Autoren

Sonja Stuchtey ist Aufsichtsratsvorsitzende der Alliance4Europe, Martin R. Stuchtey Professor für Ressourcenstrategie und -management an der Universität Innsbruck.

(Foto: SystemIQ / Lukasz Kaminski)

Unsere Wirtschaft ist anfällig geworden. Corona markiert den größten Verlust von Wohlstand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber die Anfälligkeit unserer Volkswirtschaft ist keineswegs allein auf die Pandemie zurückzuführen. Wie sehr die weltweit bewunderte „Germany, Inc.“ aktuell zu kämpfen hat, lässt sich an einer ganzen Reihe deutscher Industrie-Ikonen, von Thyssen-Krupp über Daimler bis hin zur Deutschen Bank, ablesen.

Aber in jeder Krise liegt auch eine große Chance. So wirft der Corona-Schock eine grundsätzliche Frage auf: Wollen wir eine Wirtschaft, die vor gesundheitlichen, sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Schocks geschützt ist und daher als „resilient“, also widerstandskräftig gelten kann? Oder wollen wir einen Wirtschaftsansatz, der auf maximale Leistungserbringung und maximalen Leistungsaustausch ausgerichtet ist und insofern als effizient gilt?

Im Kern geht es bei der Neubestimmung des Verhältnisses von Effizienzökonomie und Resilienzökonomie um die Frage, wie wir uns als Volkswirtschaft und Gesellschaft für die nächsten 50 Jahre ausrichten wollen. Das letzte Mal, dass wir in Deutschland eine fundamentale Grundsatzentscheidung zu treffen hatten, war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals half uns Ludwig Erhard. Sein Denkansatz kann uns auch heute noch als Wegweiser dienen.

Deutschland, so beginnen wir im Rückblick auf die vergangenen 70 Jahre zu begreifen, hat der Resilienz von Wirtschaft und Gesellschaft ebenso viel zu verdanken wie der Effizienz. Erhards Wiederaufbauplan nährte sich aus den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, inklusive der Kriegserfahrung.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Um die richtige Balance zwischen Effizienz und Resilienz zu finden, suchte Erhard nach einem innovativen Weg jenseits der damals propagierten politischen Angebote, einer Planwirtschaft auf der einen Seite und einem Abstellen auf pure Marktmacht auf der anderen Seite.

    Erhards Innovation war die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft. Diese machte Marktprinzipien und den Wettbewerb zur Leitlinie, federte sie aber sozial ab. Soziale Schieflagen, das schloss Erhard aus der deutschen Geschichte, sind die zentrale Gefährdungsquelle für den neuen Wohlstand.

    Systematische Anreize für Fairness

    Beim Aufbau der Post-Corona-Wirtschaft ist die heutige Situation der Lage nach 1949 in struktureller Hinsicht ähnlich. Heute beruht die Neujustierung unseres gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Zielsystems auf der Einsicht, dass keine Entwicklung unser Wohlergehen mehr gefährdet als der Klimawandel. Dieser ist heute die vorrangige Gefährdungsquelle für den von Erhard propagierten Leitgedanken des „Wohlstands für alle“.

    Erhard hätte die Klimakrise von heute als Ergebnis einer auf die Spitze getriebenen Effizienzökonomie gedeutet. Und er hätte darauf hingewiesen, dass eine Volkswirtschaft, die keine hinreichenden Resilienzreserven hat, sehr krisenanfällig ist.

    Außerdem hätte Erhard aus seiner ordnungspolitischen Warte heraus festgestellt, dass eine allein auf dem Effizienzparadigma fußende Wirtschaft systematisch darauf baut, dass Unternehmen die sehr realen Kosten des Klimawandels an die Gemeinschaft weiterleiten, also externalisieren. Märkte, die ein derart unfaires Verhalten erlauben, haben aber in der Vorstellungswelt Erhards unser Vertrauen nicht verdient.

    Dementsprechend ging es ihm in der Nachkriegsphase ab 1949 darum, der vorherigen deutschen Tradition der Kartellbildung Einhalt zu gebieten. Auf unsere heutige Situation übertragen bedeutet das, systemische Anreize für Fairness zu schaffen. Mit Blick auf Unternehmen geht es darum, ihnen entsprechende Leistungsanreize für die enorme Transformation zu bieten, die es lohnend machen, die Risiken des Übergangs zu einer nachhaltigen Art des Wirtschaftens zu schultern.

    Angesichts dieser Herausforderung hätte Erhard aktuell erneut eine Doppelstrategie verfolgt. Nach rechts hin hätte er den Marktakteuren Auflagen gemacht, um sie von ihrer Praxis der unfairen „Externalisierung“ (also Übertragung an die Gesellschaft) der Kosten ihres wirtschaftlichen Agierens abzubringen.

    Ordnungspolitisch hätte er ihnen bei der Messung von Schadstoffausstößen und dergleichen auch einen sehr viel höheren Grad an Transparenz auferlegt. Und nach links hätte sich Erhard entschieden gegen jedwede planwirtschaftlichen Impulse zur Wehr gesetzt, insbesondere mit Blick auf eine staatliche Festlegung auf spezifische Technologien, Preise oder Mengen, ganz gleich, ob mit Blick auf die Automobilindustrie, die Energieversorgungswirtschaft oder andere Sektoren.

    Vom Menschen her gedachter Wohlstandsbegriff

    Zugleich hätte Erhard dem Staat überlassen, was des Staates ist. Aufgaben wie der Aufbau einer modernen, digitalisierten Infrastruktur, das Anschieben der großen Innovationsdurchbrüche sowie die Überwachung der Märkte durch starke Institutionen, um jedweden Missbräuchen von Marktmacht entgegenzuwirken, sind in den Augen Erhards essenzielle Staatsaufgaben.

    Zur Gretchenfrage für Konservative in der heutigen Zeit wird: Wie würde Ludwig Erhard den europäischen „Green Deal“ betrachten? Hätte er ihn als ordnungspolitischen Verstoß betrachtet, wie manche meinen? Oder hätte er in ihm einen ordnungspolitisch sauber konstruierten Marktrahmen erkannt?

    Auch wenn keiner die Interpretationshoheit über das Erhard’sche Denken besitzt, lässt sich diese Deutung wagen: Erhards Votum würde positiv ausfallen. Denn der europäische Green Deal strebt ordnungspolitisch genau das an, was Erhard wohlfahrtsökonomisch vorschwebte: Er definiert einen vom Menschen her gedachten Wohlstandsbegriff und übersetzt ihn in konkrete Klima-, Umwelt-, Gerechtigkeits- und Wohlstandsziele.

    Um die Marktakteure zu positivem und innovationsorientiertem Verhalten zu veranlassen, legt der Green Deal Folgendes als gesellschaftliches Ziel fest: „eine faire und wohlhabende Gesellschaft mit einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft, in der im Jahr 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden und das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt ist“.

    Dafür etabliert der von Ursula von der Leyen vorangetriebene Green Deal Abgaben für CO2-Emissionen und schafft klare Regeln für die Produzentenverantwortung. Darüber hinaus definiert er, was kritische Infrastruktur ist und daher staatlicher Förderung bedarf. Obendrein schafft der Umweltpakt der EU Transparenz über die CO2-Last von Produkten wie von Unternehmen und etabliert zudem klare Regeln für den Außenhandel.

    Natürlich versuchen viele Status-quo-orientierte Wirtschaftsinteressen, den Green Deal abzuschwächen beziehungsweise zu verschieben. Als Rechtfertigung weisen sie auf den Corona-Faktor hin. In Wirklichkeit geht es ihnen aber um ein Festklammern am alten Wirtschaftsmodell. Obendrein verlangen sie vielerlei staatliche Hilfen und auflagenfreie Investitionen.

    Die Wirtschaftstheorie jedoch, dass die Gewinne den privatwirtschaftlich organisierten Interessen gehören, die dabei entstandenen nachweisbaren und unzweifelhaften Schäden aber von der Allgemeinheit zu tragen sind, können und wollen wir uns als Gesellschaft nicht länger leisten. Dank moderner Messtechnologien müssen wir das auch nicht mehr. Getreu dem Verursacherprinzip gilt: Wer große Risiken eingegangen ist, muss deren Folgekosten auch tragen.

    Einklang aus Effizienz und Resilienz

    Außerdem ist der Staat kein Selbstbedienungsladen. Aus Sicht der Steuerbürger hat er das unbedingte Recht, ja die Verpflichtung, seine Hilfsgelder auch in Krisenzeiten so zu investieren, dass sie langfristig die maximale Rendite für die Gesellschaft erwirtschaften. Und das heißt in diesem Zusammenhang nicht bloß die Sicherung der Beschäftigung, sondern vor allem auch eine langfristige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, des Klimaschutzes und des Schutzes von Leben und Gesundheit.

    Aus dieser Sicht ist ganz klar, dass eine 1,5-Grad-kompatible, regenerative und vom massiven Ressourcenbedarf entkoppelte Wirtschaft staatliche Investitionen verdient, viele in überlebten Produktions- und Geschäftsmodellen verhaftete Altindustrien aber nicht.

    Ludwig Erhard hätte es sich beim Wiederaufbau nach dem Krieg leichter machen können, hat es aber nicht. Er hat das Erfordernis des schnellen Wiederaufbaus unter eine Systemidee gestellt. Seine damalige Herausforderung beim Balancieren von Effizienz- und Resilienzökonomie beantwortete er dadurch, dass er die soziale Frage neu stellte und diese in Form der Sozialen Marktwirtschaft mit den Geboten des Marktwettbewerbs in Einklang brachte.

    Heute stellt sich die sozial-ökologische Frage. Der Einklang aus Effizienz und Resilienz, der verlässliche Rahmen, das Einleiten einer Kehrtwende, die schnelle Gewährleistung von sicheren Einkommen – das war der Ansatz von Ludwig Erhardt in seinem Jahrhundertmoment, und das ist das Ziel des Green Deals heute.

    Ludwig Erhard hätte im europäischen Green Deal ein ambitioniertes, ordnungspolitisch fundiertes Programm aus einem neuen grünen Marktrahmen und einem auf nachhaltiges Wachstum angelegten Investitionsprogramm gesehen – und somit eine solide Chance für einen neuen „Wohlstand für alle“.

    Mehr: „Europas Finanzhilfen haben jegliches Maß verloren“

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Mit Ludwig Erhard in die Ökonomie nach Corona
    0 Kommentare zu "Gastkommentar: Mit Ludwig Erhard in die Ökonomie nach Corona"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%