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Gastkommentar Pflegekräfte verdienen mehr!

Corona hat die Debatte über den Wert sozialer Dienstleistungstätigkeiten neu belebt – das muss jetzt Folgen bei der Entlohnung haben, fordert Ute Klammer.
18.06.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Ute Klammer ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen. Die Professorin ist auch stellvertretende Vorsitzende des Sozialbeirats, der die Bundesregierung in Fragen der Alterssicherung berät.
Die Autorin

Ute Klammer ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen. Die Professorin ist auch stellvertretende Vorsitzende des Sozialbeirats, der die Bundesregierung in Fragen der Alterssicherung berät.

Applaus zahlt keine Miete – deshalb sollen alle Altenpflegekräfte künftig nach Tarif bezahlt werden. Dies ist das Ziel der Pflegereform, die der Bundestag jüngst beschlossen hat. Ab September 2022 sollen nur noch Pflegeeinrichtungen zur Versorgung zugelassen werden – also mit der Pflegeversicherung abrechnen können –, die ihre Pflege- und Betreuungskräfte nach Tarif bezahlen.

Es ist ein neuer Anlauf, eine akzeptable Lohnuntergrenze für die „systemrelevante“ Branche zu schaffen – diesmal über den Weg der „Tariftreue“. Zuvor war im Februar der Versuch, per „Allgemeinverbindlichkeitserklärung“ zu einem flächendeckenden Branchenmindestlohn für die Pflege zu kommen, am Veto der Caritas gescheitert. Damit wurde eine historische Chance zur überfälligen Aufwertung sozialer Dienstleistungsberufe vertan.

Kaum wurden die neuen Pläne der Großen Koalition bekannt, folgte die reflexartige Kritik, der Staat solle sich nicht in die Tarifautonomie einmischen – etwa von Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einem Handelsblatt-Gastkommentar Ende Mai.

Tatsächlich ist die Tarifautonomie ein hohes Gut und zentraler Bestandteil des deutschen Systems der Arbeitsbeziehungen. Wer allerdings glaubt, der Verweis auf dieses hohe Gut reiche aus, auch künftig befriedigende Lösungen zu finden, ignoriert tiefgreifende Entwicklungen zulasten von Beschäftigten.

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    So geht seit Jahren die Tarifbindung in Deutschland zurück. Nur noch in 27 Prozent der Betriebe gelten Tarifverträge. Dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge arbeiteten im vergangenen Jahr schon 47 Prozent der westdeutschen und 57 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten in „tarifvertragsfreien“ Unternehmen.

    Diese Entwicklung hat mit der zurückgegangenen Durchsetzungsmacht von Gewerkschaften zu tun. Ebenso trugen aber auch die Arbeitgeberverbände mit ihrer Strategie der „Mitgliedschaft ohne Tarifbindung“ kräftig zur Tarifflucht bei.

    Der Markt wird das Problem niedriger Bezahlung nicht allein lösen können

    Gerade die Pflegebranche ist durch eine zersplitterte Tariflandschaft und vielfältige Verhandlungsarenen gekennzeichnet. Außerdem waren Pflegeberufe lange Zeit weiblich dominierte „Zuverdienerinnenberufe“, viele Pflegekräfte sind nicht gewerkschaftlich organisiert.

    Doch sollen sie deshalb auf eine faire Entlohnung verzichten? Der bisweilen zum Fetisch erhobene Markt wird das Problem niedriger Bezahlung in der Pflege jedenfalls nicht allein lösen können.

    Corona hat zwar die Debatte über den Wert sozialer Dienstleistungstätigkeiten neu belebt. Die viel beschworene „Systemrelevanz“ dürfte dazu beigetragen haben, dass in der Tarifrunde 2020 des öffentlichen Dienstes mit Lohnerhöhungen für Pflegekräfte um 8,7 Prozent und für Intensivpflegekräfte um zehn Prozent bis Ende 2022 ein durchaus respektabler Abschluss erzielt wurde. Sonderprämien kamen hinzu. Aber auch wenn diese Lohnsteigerungen zuletzt über dem Durchschnitt lagen, sind gerechte Pflegelöhne immer noch nicht in Sicht.

    Was wäre ein gerechter Lohn? Seit 1951 fordert die Kernarbeitsnorm der Internationalen Arbeitsorganisation „gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit“. Dieser Grundsatz ist auch im Recht der Europäischen Union verankert.

    Aber was bedeutet gleichwertige Arbeit konkret? Das lässt sich jetzt erstmals mit dem von uns entwickelten Comparable Worth-Index (CW-Index) genauer bestimmen. Das statistische Messinstrument ermöglicht es, verschiedene Berufe hinsichtlich ihrer Arbeitsanforderungen und -belastungen zu vergleichen.

    Pflegefachkräfte verdienen 90 Prozent weniger als Ingenieure

    Je höher das berufliche Anforderungsniveau ist, desto höher steigt der Punktwert im CW-Index. Krankenpflegefachkräfte beispielsweise erreichen 28 von maximal 32 möglichen Punkten – und damit exakt den Wert von ingenieurwissenschaftlichen Berufen.

    Nach dem Prinzip „gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ hätten beide Berufsgruppen also die gleiche Bezahlung verdient. Tatsächlich ist der durchschnittliche Bruttostundenverdienst der Ingenieure jedoch fast 90 Prozent höher als derjenige der Krankenpflegefachkräfte.

    Insofern erscheint die Forderung des Deutschen Pflegerats nach einem Einstiegsmonatslohn von 4000 Euro für Pflegefachkräfte alles andere als abwegig. Heute beträgt er im Durchschnitt etwa 2300 Euro.

    Wenig überraschend ist auch, dass die ungleiche Bezahlung gleichwertiger Arbeit einen klaren Geschlechterbias ausweist: Frauendominierte Berufe werden bei gleichwertigen Anforderungen fast durchgängig schlechter bezahlt als Männerberufe – auch wenn unterschiedliche Qualifikationsniveaus, Branchen oder Berufserfahrung berücksichtigt werden. Während der Frauenanteil bei den Krankenpflegefachkräften bei 85 Prozent liegt, dominieren in den Ingenieurberufen Männer mit 81 Prozent.

    Zwar ist das Prinzip „gleiches Entgelt bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit“ in Deutschland nur für Beschäftigte eines Arbeitgebers oder innerhalb des Geltungsbereichs eines Tarifvertrags rechtlich verankert, nicht auf volkswirtschaftlicher Ebene. In jedem Fall zeigen aber die Ergebnisse auf Basis des CW-Indexes, mit dem gut 90 Berufsgruppen bewertet wurden, dass wir von dem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt konstitutiven Prinzip der Leistungsgerechtigkeit in der Entlohnung weit entfernt sind.

    Es ist daher richtig, dass die Politik zur notwendigen Revitalisierung des Tarifsystems beiträgt, indem sie öffentliche Auftragsvergabe an Tariftreue koppelt. Dies sollte durch ein Bundestariftreuegesetz abgesichert werden, wie es mehrere Parteien im Wahlprogramm für die nächste Legislaturperiode vorsehen.

    Bessere Arbeitsbedingungen sind überfällig

    Mindestens ebenso wichtig wie Lohnerhöhungen wären für viele Pflegekräfte verbesserte Arbeitsbedingungen. Wer sich für Pflege als Beruf entscheidet, tut dies meist aus dem Wunsch heraus, mit Menschen arbeiten und ihnen helfen zu wollen.

    Die zunehmende Ökonomisierung des Pflegesektors und der demografische Wandel stehen diesem Wunsch jedoch oft diametral entgegen. Viele Pflegeeinrichtungen jonglieren mit einer minimalen Personaldecke. Entsprechend sind die Dienstpläne – immer wieder müssen Pflegekräfte für ausfallende Kollegen und Kolleginnen einspringen.

    Hinzu kommen gestiegene Dokumentationspflichten. Lücken werden durch Pflegekräfte aus Zeitarbeitsunternehmen überbrückt. Die Folge: Stammkräfte müssen noch mehr Dokumentationsaufgaben übernehmen, ihnen bleibt noch weniger Zeit für die Arbeit mit den Menschen. Die Belastungen führen dazu, dass viele Pflegekräfte schon nach wenigen Jahren aus dem Beruf aussteigen, was den Fachkräftemangel weiter verstärkt.

    Schon jetzt gibt es rund 40.000 unbesetzte Pflegestellen, davon etwa 24.000 in der Altenpflege. Es ist ein Teufelskreis, der angesichts der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung immer dramatischere Züge annimmt. Lange werden wir uns das nicht mehr leisten können.

    Der französische Gesellschaftstheoretiker Émile Durkheim erkannte schon Ende des 19. Jahrhunderts: Arbeitsteilung kann nur dann Quelle gesellschaftlicher Solidarität sein, wenn jeder Beitrag gemäß dem wahren Wert für die Gemeinschaft entlohnt wird. Es ist an der Zeit, diese Erkenntnis endlich in die Wirklichkeit umzusetzen.

    Die Autorin: Ute Klammer ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen. Die Professorin ist auch stellvertretende Vorsitzende des Sozialbeirats, der die Bundesregierung in Fragen der Alterssicherung berät.

    Mehr: Der Fachkräftemangel in der Pflege ist selbst verschuldet

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