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Gastkommentar Simone Peter: Mängel im EEG-Entwurf – Wieso die Energiewende in Gefahr ist

Der aktuelle Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) greift zu kurz. Ohne Kurskorrektur droht schon bald eine Ökostromlücke.
03.11.2020 - 18:35 Uhr 1 Kommentar
Simone Peter ist Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie. Quelle: Peter Frischmuth/ argus [M]
Simone Peter

Simone Peter ist Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie.

(Foto: Peter Frischmuth/ argus [M])

Die Energiewende steht Kopf: Einerseits wird 2022 der Atomausstieg vollendet, und auch über den Spotmarkt vermarktete Strommengen von Kohlekraftwerken sind kaum noch rentabel – ein Markteffekt, der sich in der Coronakrise verstärkt hat. Andererseits stockt aber der Ausbau der erneuerbaren Energien. Im Stromsektor haben sie sich als tragende Säule etabliert, und der Bedarf wird angesichts der zunehmenden Kopplung der Sektoren Strom, Wärme, Verkehr und Industrie wachsen – für Elektromobilität, Wärmepumpen und grünen Wasserstoff. Daher droht ohne Kurskorrektur schon bald eine Ökostromlücke, denn der massive Einbruch bei der Windenergie und unzureichender Photovoltaikausbau treffen kommendes Jahr auf das großflächige Ausscheiden von Anlagen nach 20-jähriger Vergütung. Und auch die flexibel zuschaltbaren Quellen Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie brauchen mehr Schub.

Werden keine fairen Marktbedingungen mit der aktuellen EEG-Novelle geschaffen, werden die Ausbauziele für erneuerbare Energien und die Klimaziele 2030 weit verfehlt, wie auch das Umweltbundesamt jüngst feststellte. Zudem wird die Chance für eine konjunkturelle Belebung der Wirtschaft in einem global rasant wachsenden Markt für saubere Technologien vertan.

Problematische Regel zu negativen Preisen

Vor allem müssen die Ausbaupfade der erneuerbaren Energien an die reale Stromverbrauchsentwicklung bis 2030 angepasst werden. Diese basieren auf den Annahmen des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung, die den steigenden Stromverbrauch unterschätzen. Zusätzlicher Bedarf wie die Elektrolyse-Leistung aus der nationalen Wasserstoffstrategie ist beispielsweise noch nicht berücksichtigt. Um die Ziele für Klimaschutz und Energiewende zu erreichen, müssten bis 2030 jährlich knapp fünf Gigawatt (GW) Windenergie an Land (onshore), zwei GW Windenergie auf See (offshore), zehn GW Photovoltaik (PV), 0,6 GW Bioenergie und je 50 Megawatt Geothermie und Wasserkraft zusätzlich geschaffen werden. Dafür sind Marktbarrieren zu beseitigen und Flächen und Genehmigungen bereitzustellen.

Eine weitere Hürde ist die neue Regel zu negativen Preisen. Um dem Strommarkt der Zukunft näherzukommen, ist der Paragraf 51, nach dem nach sechs Stunden negativer Preise den Erneuerbaren keine Marktprämie mehr gewährt wird, zu streichen, denn er gefährdet die Wirtschaftlichkeit des Anlagenbetriebs.

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    Mit dem Vorschlag im EEG-Entwurf (Verkürzung auf eine Stunde) verschärft sich die Situation sogar noch. Bereits im Bericht zur Mindesterzeugungsleistung 2019 hat die Bundesnetzagentur explizit fossile Energieträger als Hauptverantwortliche für diese Entwicklung identifiziert. Hier könnte eine Sanktionierung konventioneller Einspeisung dazu beitragen, Flexibilitäten im Strommarkt zu schaffen und die Anzahl negativer Strompreisfenster zu reduzieren. Denn erneuerbare Energien müssen weiter Vorrang im Strommarkt haben.

    Weichenstellungen überdenken

    Auch andere Weichenstellungen im EEG-Entwurf sind zu überdenken. Dazu gehört die Einführung eines Ausschreibungssystems für Gebäude-PV-Anlagen ab 500 Kilowatt-Höchstleistung (kWp), die eines der wichtigsten Photovoltaik-Marktsegmente weitgehend ausbremst. Gleichzeitig soll der Eigenverbrauch von Solarstrom unterbunden werden. Der überwiegende Teil der heute installierten Gebäude-PV-Anlagen dient jedoch dazu, eigenerzeugten Solarstrom anteilig zu nutzen und damit unmittelbar an der Energiewende zu partizipieren. Statt einer Absenkung der Ausschreibungsgrenze würde eine Anhebung auf ein Megawatt den Solarmarkt wiederbeleben.

    Bei der Windenergie fehlt einerseits weiterhin eine Strategie für die aus der Förderung fallenden Anlagen auf gut erschlossenen und akzeptierten Flächen, um den Ersatz alter durch neue, leistungsfähigere Anlagen zu gewährleisten; andererseits ist der Weiterbetrieb von aus der Vergütung fallenden Anlagen ab 2021 zu ermöglichen.

    Bei der Bioenergie ist die Südquote ersatzlos zu streichen, zumindest sollten die Volumina, die nicht an Gebote aus der Südregion vergeben werden, für Gebote aus anderen Regionen geöffnet werden. Denn auf die Flexibilitätsoption Biogas kann nicht verzichtet werden. Aus diesem Grund sind auch Wasserkraft und Geothermie zu stärken, indem der Zubau durch ein Aussetzen der Degression der Einspeisevergütung attraktiver gemacht wird.

    Grundsätzlich fehlt es dem EEG-Entwurf auch an Vorschlägen zur deutlichen Verbesserung der Akzeptanz. Um jetzt einen neuen Aufbruch für Klimaschutz, Innovation und sichere Energieversorgung auf Basis eines breiten Erneuerbare-Energien-Mixes zu starten, ist die größtmögliche Beteiligung von Kommunen und Bürgerschaft zu ermöglichen und die Eigenversorgung zu stärken. Auch dafür muss das EEG 2021 die Basis liefern.

    Mehr: In Deutschland werden wieder mehr Windräder gebaut.

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Simone Peter: Mängel im EEG-Entwurf – Wieso die Energiewende in Gefahr ist"

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    • Die wachsenden Im- und Exportsalden bei Strom sind ein starkes Anzeichen dafür, dass die nicht bedarfsgerechte Stromproduktion aus wetterabhängigen Umgebungsenergien erhebliche und ungelöste Probleme schafft. Weil es gerade diese sind, die nach Ansicht der Regierungskoalition in den kommenden Jahren stark ausgebaut werden sollen, lohnt ein genauerer Blick. Denn mit jedem zusätzlichen Ausbau an WAUE potenzieren sich deren Probleme. Was wir in diesem Jahr gesehen haben, ist also geradezu ein Reallabor für die Zukunft unserer Energieversorgung: Wir sehen heute an den Zahlen, was in einigen Jahren, wenn nach den Plänen der Bundesregierung 65% des Stroms aus Umgebungsenergien stammen sollen, zu erwarten ist.

      Ganz offensichtlich gibt es eine maximale Kapazität unseres Stromerzeugungssystems für die Aufnahme von WAUE. Den Zahlen nach zu urteilen, liegt diese Grenze bei etwa einem Drittel. Steigen die WAUE-Kapazitäten darüber an, reicht die in Deutschland vorhandene Flexibilität der Stromerzeugung nicht mehr aus, um die wetterbedingten Schwankungen aus Solar- und Windstromproduktion hierzulande auszugleichen. Mehr und mehr müssen Überschüsse im Ausland – teils gegen Geldzahlung – entsorgt und fehlende Kapazitäten dort einkauft werden. Während in Deutschland WAUE immer noch ausgebaut werden, werden mehr und mehr regelbare Kraftwerke abgeschaltet. Der WAUE-Ausbau bei gleichzeitigem Atom- und Kohleausstieg schiebt nun den WAUE-Anteil stark nach oben und sorgt dafür, dass wir von einem Netto-Stromexporteur nach und nach zu einem Importeur werden, sowie für zunehmende Zeiten mit Unter- oder Überdeckung des heimischen Strombedarfs.
      Die Problematik ist, dass Energiepolitik in Europa in nationaler Zuständigkeit liegt, wir das Ausland aber dringend benötigen, um die wetterbedingten Schwankungen aus Solar- und Windenergie auszugleichen. Die deutsche Regierung verschärft die Situation noch dadurch, dass sie versucht, die Nachbarn auf den deutschen Weg einzuschwören.

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