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GastkommentarWir brauchen eine humane Marktwirtschaft im digitalen Zeitalter

Die technologische Transformation bedarf einer reformierten sozialen Gesellschaftsordnung. Sonst enden wir in der Sackgasse, warnen Thomas Sattelberger und Winfried Felser. 14.04.2021 - 10:17 Uhr Artikel anhören

Thomas Sattelberger ist Sprecher für Innovation, Bildung und Forschung der FDP-Bundestagsfraktion. Bei der Deutschen Telekom und bei Continental war er Personalvorstand.

Winfried Felser ist Internetunternehmer, Zukunftsforscher und Autor. Er hat das Fraunhofer-Anwendungszentrum für logistikorientierte Betriebswirtschaft in Paderborn mitgegründet.

Foto: imago/argum, Montage

Unser Leitbild, die Soziale Marktwirtschaft, braucht ein Update. Das United States Army War College beschrieb nach dem Ende des Kalten Krieges die multilaterale Welt als „volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig“. Jetzt katapultiert uns die Corona-Pandemie laut dem US-amerikanischen Zukunftsforscher Jamais Cascio in eine „zerbrechliche, ängstliche, nicht-lineare und unfassbare“ Welt.

Dabei hat die Soziale Marktwirtschaft uns über Jahrzehnte mit ihren Wohlstandszuwächsen für breite Bevölkerungsschichten wie ein Sommermärchen begleitet. Aber inzwischen reicht die alte „Soziale Marktwirtschaft“ nicht mehr, um neuen Wohlstand zu sichern. Schonungslos offenbart Covid-19 unsere Transformationsdefizite.

Derzeit ergeht es der Bundesrepublik wie der Lufthansa: Man befindet sich in einer Art Tiefschlaf und hat kein Zukunftskonzept zur Lösung drängender wirtschaftlicher und sozial-ökologischer Probleme. Stattdessen verbraucht man das Geld aus der Notenbank-Presse. Gleichzeitig schlägt aber auch die Stunde der Avantgarde-Unternehmen und - Nationen. Wer jetzt nicht den Turbo einlegt, wird immer weiter zurückfallen.

Was Deutschland braucht, ist ein „Wirtschaftswunder 2.0“. Dessen wohl wichtigstes Merkmal wäre eine neue, optimistische Zukunftserzählung. Paris, Peking und Washington haben das längst verstanden. Präsident Emmanuel Macron erklärt die Start-up-Nation Frankreich zur Chefsache , Chinas Führung setzt auf die gigantische „Neue Seidenstraße“, und US-Präsident Joe Biden facht die nationale Aufbruchstimmung an – ein „Make America Great Again“ unter neuen Vorzeichen. Für deutsche Ohren klingt das alles zu machtpolitisch-imperial. Doch damit muss jetzt Schluss sein.

Zu allen Zeiten hat es disruptive Vordenker neuer Gesellschaftsordnungen gegeben. Mitte des 18. Jahrhunderts beispielsweise die Franzosen Rousseau und Voltaire. Der eine wandte sich gegen Unmündigkeit und Abhängigkeit des ursprünglich freien Menschen. Der andere kämpfte dafür, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sein sollen. Ende des 18. Jahrhunderts waren utopische Sozialisten wie Henri de Saint-Simon und Charles Fourier Vorreiter genossenschaftlicher Wirtschafts- und Lebensmodelle, inklusive eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Und heute? Denker wie Manuel Castells, Jeremy Rifkin, Marilyn Waring und Frithjof Bergmann entwerfen visionäre Netzwerkgesellschaften, sie skizzieren die Circular Economy, plädieren für eine feministische Ökonomie und New-Work-Modelle. Diese Vordenker sind streitbare und umstrittene Augenöffner für künftige Welten.

Zu ihnen zählen auch Shoshana Zuboff, Thomas Piketty, Greta Thunberg und Alice Schwarzer. Sie alle sind frühe Warner, die gegen digitale Überwachungs-Irrwege eintreten, die wachsende soziale Ungleichheit kritisieren, existenzbedrohende Folgen der Klimaerhitzung anprangern und die immer noch oft verharmloste Diskriminierung von Frauen zum Thema machen.

Erhards Gnade der frühen Geburt

Unbedingt dazu gehört aber auch Ludwig Erhard, allerdings mit einem Update für das dritte Jahrtausend. Erhard verdankt es der Gnade der frühen Geburt (1897), dass seine Soziale Marktwirtschaft sich nicht mit digitalen Geschäftsmodellen, digitaler Arbeit sowie Chancengerechtigkeit und Existenzsicherung in der digitalen Ökonomie auseinandersetzen musste. Wer Erhards Ideen jedoch auf vier Pfeiler stellt und sie solide miteinander verbindet, hält sie auch im 21. Jahrhundert lebendig:

New Work und ihre soziale Absicherung! Der deutsche Mittelstand und seine Hidden Champions schaffen Arbeit – ihre DNA ist ständige Verbesserung auf der Basis von Verantwortungseigentum. In der digitalen Welt kommen Plattform-Ökonomie hinzu, Innovations-Cluster, Hidden-Deep-Tech-Champions und New-Business-Freelancing. So entsteht New Work, ein Variantenreichtum neuer Arbeitsformen.

Existenzsicherung in der digitalen Ära benötigt die Renaissance der Mitarbeiterbeteiligung: Stock-Options, Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung und soziale Absicherung in traditioneller wie neuer Währung. Genauso notwendig ist ein soziales Sicherungsnetz etwa für Crowdworker und Servicearbeiter in der Plattformökonomie.

Nachhaltigkeit! Dazu gehören strenge Antitrust-Regeln für (Internet-)Goliaths und staatliche Vorgaben, den Davids Raum zur unternehmerischen Entfaltung zu geben. Auch die Verantwortung für Lieferketten ist hier zu nennen, allerdings mit unbürokratischen Digitallösungen. Ökologie und Cleantech werden endlich ihre Chance bekommen, wenn Marktteilnehmer auch die externen Langzeitfolgen ihres Geschäftsmodells einpreisen müssen. Und wenn ESG-Standards (Environment, Social und Governance) bei der Rechnungslegung von Unternehmen gelten.

Chancengerechtigkeit! Deutschland ist ein reiches Land, hat aber zu wenig Aufsteiger. Wir müssen die soziale Kluft verringern, und zwar durch mehr Teilnahme und Teilhabe. Die Digitalisierung eröffnet diskriminierungsfreie und inklusive Chancen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt. Den geeigneten Rahmen bilden ein reformiertes erstes Bildungssystem und ein zweites für lebenslanges Lernen durch eine steuerfinanzierte „Bildungssparbüchse“. Praktische Erfahrungen und Kompetenzen müssen wichtiger sein als formale Abschlüsse.

Menschenzentrierte Arbeit! Wir brauchen eine erneuerte Sozialpartnerschaft mit Souveränität bei Arbeitszeit und -ort, weit über das Homeoffice hinaus. Flache Hierarchien und direkte Partizipation sind notwendig, damit abhängig Beschäftigte sich zu Corporate Citizens mit eigener Stimme wandeln können – frei nach dem Schlachtruf von Google-Mitarbeiter: „We are not just employees, we are owners.“

Digitale Freelancer brauchen nicht das Damoklesschwert der Scheinselbstständigkeit, sondern Freiheit für ihr Geschäftsmodell. Vielleicht braucht es arbeitsrechtlich auch einen hybriden Zwilling von Arbeitnehmer und Auftragnehmer. Menschenzentrierte Arbeit baut auf Technologie auf, die Menschen nicht ersetzt, sondern mit ihnen kooperiert.

Sozialismus light ist keine Alternative

Spätestens seit Karl Marx wissen wir: Technologischer Fortschritt ist ein dialektischer Prozess, er hat immer ein janusköpfiges Potenzial. In unserer Hand aber liegt es, die negativen Folgen des Fortschritts zu minimieren und die positiven Folgen zu maximieren. Dabei ist eine humane Marktwirtschaft allerdings nicht als Gemeinwohl-Ökonomie denkbar, die dem Wachstum abschwört.

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Auch Sozialismus light mobilisiert keine Potenziale, er verteilt sie nur schlecht. Keine Ideologie kann das Naturgesetz außer Kraft setzen, wonach Geld verdienen muss, wer es ausgeben will. Ökonomische Performance bleibt auch künftig ein Überlebensfaktor. Dabei ist Gewinn nicht Grund für wirtschaftliche Entscheidungen, sondern Tauglichkeitsbeweis und Bedingung künftigen Erfolgs.

Um ihn zu erzielen, müssen wir das Maschinenhaus Deutschland mit seinen verkrusteten arbeitspolitischen Abhängigkeitsbeziehungen hinter uns lassen. Humane Marktwirtschaft ist weder Raubtierkapitalismus noch Sozialwirtschaft. Sie lässt sich auch mit keinem digitalen Überwachungsstaat vereinbaren. Humane Marktwirtschaft atmet vielmehr den Geist einer digitalen Entrepreneurial Society.

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