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Gastkommentar Wohlstand und Umweltschutz sind kein Widerspruch

In der öffentlichen Debatte wird ein Kampf zwischen Klimaschutz und Industrie inszeniert. Deutschland muss zeigen, dass auch beides zusammen geht.
  • Christian Kullmann
18.12.2019 - 15:12 Uhr 1 Kommentar
Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Evonik AG.
Christian Kullmann

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Evonik AG.

Früher sprach man übers Wetter, um banal zu plaudern. Heute ist bei diesem Thema Vorsicht geboten. Denn in der allgemeinen Debatte tobt zwischen Wetter, Klima und Krise ein teils erbittert geführter Glaubenskrieg. Nur so weit besteht Einigkeit: Wir alle wollen für unsere Kinder einen lebenswerten Planeten erhalten. Weiter reicht der Konsens leider nicht.

Inszeniert wird ein Kampf zwischen Natur und Industrie. Die Bereitschaft, jenseits von Ideologie und Moral sachlich zu diskutieren, schwindet. Das Ergebnis: Bekenntnis-Weltmeisterschaften und symbolische Handlungen, immer neue Ideen für Verbote und Verzichte. Viel Vertrauen geht verloren, in der Politik und Industrie. Dabei ist gerade die Industrie der Schlüssel, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu realisieren.

Wenn wir in Deutschland nicht zeigen, dass Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wohlstand einhergehen, verlieren wir.

Ohne die Chemie geht es nicht, wir sind die Ingenieure der Zukunft. Kein Windrad dreht sich ohne unsere Technologie, kein Elektroauto fährt ohne unsere Produkte. Die Prediger von Verzicht mögen mit moralisierenden Verbotsforderungen Veränderungen in unserer Gesellschaft erzwingen wollen. Vorbild für die Welt werden wir damit nicht.

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Standort erkennen

    Während die Staatengemeinschaft diskutiert, haben viele Unternehmen längst die Initiative ergriffen. Wir setzen unsere Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie um, mit dem Anspruch, Treiber bei der Lösung drängender Zukunftsfragen zu sein. Unser Ziel ist dabei ambitionierter als der Plan der Bundesregierung für ganz Deutschland: Evonik wird die absoluten Emissionen zwischen 2008 und 2025 halbieren und den Umsatz mit nachhaltigen Produkten kräftig ausbauen.

    Chemische Produktion braucht viel Energie. Technologisch wäre es möglich, die Versorgung vollständig von fossil auf elektrisch umzustellen – und damit CO2-neutral. Aber nur theoretisch, denn grüner Strom ist in diesen Mengen weder verfügbar noch bezahlbar. Deshalb erforschen und entwickeln wir alternative Lösungen, für die Produkte unserer Kunden, für unsere Prozesse und für die Frage: Wohin mit dem CO2?

    Mit Produkten, die einen wichtigen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und verbesserter Ressourceneffizienz in der Anwendung leisten, erwirtschaftet Evonik mehr als 50 Prozent des Umsatzes. Unsere Additive sind es, die Windkraft- und Solaranlagen leistungsfähig und langlebig machen. Unser Siliciumdioxid ist es, das Häuser besser dämmt. Unsere Materialien in Separatoren und Kathoden sind es, die Batterien für Elektroautos effizienter und sicherer werden lassen.

    CO2-Emissionen zu reduzieren reicht nicht aus. Wir wollen CO2 in einen Kreislauf bringen und als Rohstoff nutzen. Gemeinsam mit Siemens erforscht Evonik Elektrolyse- und Fermentationsprozesse, die künstliche Fotosynthese möglich machen. Mittels CO2, grünem Strom und Bakterien stellen wir Chemikalien her. Diese Technologie könnte künftig überall dort installiert werden, wo CO2 anfällt.

    Zukunftsfähigkeit ist unser Geschäft

    Das Beispiel zeigt, wie wichtig Investitionen in Forschung und Entwicklung sind – ebenso wie branchenübergreifende Kooperationen. Es ist ein strategischer Fehler, den Verkäufer von E-Autos zu feiern und zugleich diejenige Branche, die den Bau solcher Autos erst ermöglicht, infrage zu stellen. Hier mangelt es am Verständnis für Wertschöpfungsketten.

    Ist es möglich, Unternehmen klimaneutral aufzustellen und zugleich deren Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten? International wettbewerbsfähig sind wir nur, wenn wir wachsen und profitabel sind. Ohne Wachstum ist alles nichts. Unsere Kunden und unsere Investoren fordern dies von uns. Daher dürfen Umweltschutz und Nachhaltigkeit einerseits und Wachstum und Profitabilität andererseits kein Widerspruch sein.

    Sind sie auch nicht. Zukunftsfähigkeit ist unser Geschäft. An das Morgen zu denken heißt, die Umwelt im Blick zu behalten wie auch den Wohlstand künftiger Generationen. Dazu zählt neben den ökologischen Aspekten auch die Sozialverträglichkeit von Veränderungsprozessen. So verstehen wir Nachhaltigkeit: Planet, People, Profit.

    Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Zukunft wollen wir unsere Kompetenzen einbringen. Doch solange das Angebot an klimafreundlichem Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen nicht ausreicht und wir weiter an der Nutzung alternativer Rohstoffe forschen, verwahren wir uns vor Trennlinien und Bevormundung.

    Wir brauchen das Vertrauen der Bevölkerung ebenso wie die Unterstützung der Politik. Nur gemeinsam kann es uns gelingen, mit Innovationen nachhaltiges Wirtschaften noch attraktiver zu machen. In Deutschland und weltweit.

    Mehr: Die Chemieindustrie steckt in Schwierigkeiten. Die Branchenriesen müssen sich auf ein hartes Jahr einstellen, denn sie haben teils gravierende Schwächen.

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