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Prüfers Kolumne Die Kneipe stirbt aus

Corona bedroht die deutsche Kneipenlandschaft. Dabei geht weit mehr kaputt als Räume, in denen man sich betrinken kann. Es stirbt ein Ort des Zusammenhalts.
17.09.2020 - 19:58 Uhr Kommentieren
Handelsblatt: Prüfers Kolumne
Der Autor

Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.

Bislang dachte ich immer, wir alle würden mit Gram auf 2020 zurückblicken. Aber da es nun so ausschaut, als sei 2021 auch ein Corona-Jahr, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Vielleicht hat das Jahr 2021 auch noch so manche Überraschungen für uns parat, die das Jahr 2020 noch als milde erscheinen lassen.

Ich fürchte das Kneipensterben. Bis vor Kurzem erschien es noch als relativ vernünftiges Business-Modell, in einer deutschen Innenstadt Getränke verkaufen zu wollen. Nun ist in den Innenstädten dank Homeoffice nicht mehr viel los, und wenn man doch noch eine Bar betritt, muss man mit einem Hygienekonzept zurechtkommen, das der Entspannung eher abträglich ist.

Eine Bar hat zuvor nie viel mit Hygiene zu tun gehabt. Sie sollte ja ein Ort sein, an dem man die Welt mit ihren ganzen vernünftigen Regeln mal vergessen kann. Wenn man auch beim Ausgehen vernünftig sein soll, bleibt man lieber Zuhause. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband warnt nun, dass fast zwei Drittel der Wirte in Deutschland sich durch Corona in ihrer Existenz gefährdet sehen. Und der Winter kommt ja erst noch.

Man wird Betriebsweihnachtsfeiern unter Heizpilzen abhalten müssen. Ich habe nun in der „Süddeutschen Zeitung" gelesen, dass beim Kneipensterben weit mehr kaputtgeht als Räume, in denen man sich betrinken kann. Es geht nämlich um das soziale Kapital. Der Wirtschaftsprofessor Justus Haucap sagt, weniger Kneipen seien schlecht für den sozialen Zusammenhalt. Denn durch den Austausch bei Tisch entstehe soziales Kapital.

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    Laut einer britischen Studie von 2012 würde es zwischen 20.000 und 120.000 Pfund kosten, eine Einrichtung zu schaffen, die einen vergleichbaren gesellschaftlichen Nutzen hat wie ein Pub. Ein Faktor sei etwa Vertrauen am Arbeitsplatz: Wenn Kollegen zusammen nach Feierabend trinken gingen, entstehe dabei ein Vertrauensverhältnis, das ansonsten nur aufwendig herzustellen sei.

    Ich trinke nicht, ich arbeite

    Haucap sieht es auch kritisch, wenn der Stammtischdiskurs mehr und mehr in den sozialen Medien stattfindet. Denn in der Kneipe gebe es den Wirt als soziales Korrektiv. Der könne dem Treiben notfalls Einhalt gebieten. In den sozialen Medien sei dies nicht in der Weise gegeben. Dort kann bekanntermaßen höchstens Mark Zuckerberg auf den Tisch hauen. Aber der ist ja sehr zurückhaltend.

    Nun hatte ich gar nicht auf der Rechnung gehabt, dass ich bei einem Barbesuch soziales Kapital produziere. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass ich Kapital vernichte. Stattdessen werden die von mir bezahlten Drinks gar nicht konsumiert, sondern in eine Vertrauensressource transformiert. Ich trinke nicht, ich arbeite.

    Nun stellt sich mir die Frage, warum ich dafür überhaupt bezahlen soll. Müsste nicht eher ich für diese Leistung bezahlt werden, dass ich nach Feierabend noch die Vertrauensbasis der Gesellschaft erweitere?

    Vielleicht ist das Kneipensterben auch vor allem eine Folge von jahrelanger Vernachlässigung dieser Einrichtungen. Hier muss dringend etwas geschehen. Bis Kneipen und Bars wieder wie gewohnt besucht werden können, müssen die vertrauensbildenden Maßnahmen natürlich auf anderer Ebene laufen. Vielleicht mit dem guten alten Trinken am Arbeitsplatz.

    Mehr: Wie die Heizungsbranche die Digitalisierung gemeistert hat.

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