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Gastkommentar – Homo oeconomicus Das Anheuern von Pflegekräften in Osteuropa ist ausbeuterisch

Durch Sorgeketten, bei denen wir Pflegekräfte aus Osteuropa anziehen, entziehen wir uns der Aufgabe, ein tragfähiges Care-Regime aufzubauen, kritisiert Ina Praetorius.
29.06.2021 - 11:12 Uhr Kommentieren
Auf Billiglohnniveau bieten osteuropäische Migranten Care-Arbeit in Deutschland an. Quelle: dpa
Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin

Auf Billiglohnniveau bieten osteuropäische Migranten Care-Arbeit in Deutschland an.

(Foto: dpa)

Sie fahren in Bussen von Bydgoszcz nach Bochum, von Dvorniky nach Zermatt, von Silistraru nach Klagenfurt. Viele sind von Beruf Lehrerinnen oder Juristinnen. In Bochum, Zermatt und Klagenfurt arbeiten sie aber alle als „Live-in-Carers“: 24 Stunden pro Tag betreuen sie gebrechliche Menschen, deren Angehörige womöglich selbst die Sorgearbeit leisten würden, hätten sie Zeit dafür.

Alle sind aber erwerbstätig und haben sich deshalb bei einer Agentur ein Sorgepaket gekauft, Qualitätsvisite und Mediation im Konfliktfall inklusive. „Altenbetreuung mit Herz: Liebevoll und professionell“ steht im Prospekt.

Wissenschaftler nennen es „Care-Drain“ und sprechen von „globalen Sorgeketten“. Der gängigen Auffassung, es handle sich bei den transnationalen Arrangements um Win-win-Situationen, da die migrierenden Frauen Lohnunterschiede zwischen Sende- und Ankunftsländern für sich und ihre Familien nutzen könnten, widersprechen die Forscher.

Zum einen entstehen durch die Care-Migration Sorgelücken in den Herkunftsländern, die wiederum durch andere Dienstleister, oft Gratisarbeitskräfte aus dem familiären Umfeld, gefüllt werden müssen. Gleichzeitig entziehen sich die wohlhabenden Empfängerländer der Aufgabe, innerhalb der eigenen Grenzen tragfähige Care-Regime zu entwickeln.

Zum anderen lässt sich das Versprechen einer guten Betreuung in strukturell von Ungleichheit geprägten Verhältnissen nicht einlösen, ohne dass für die Betreuer prekäre Arbeitsverhältnisse entstehen: Fremdbestimmung, Isolation und verschwimmende Grenzen zwischen Job und Privatleben sind programmiert.

Was als nahezu perfekter Ersatz der traditionellen innerfamiliären Betreuung durch Ehefrauen oder Töchter angepriesen wird, erweist sich wie diese als Ausbeutungsverhältnis. Die Soziologin Christa Wichterich nennt es „Sorgeextraktivismus“.

Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“. Quelle: Katja Nideröst
Ina Praetorius

Ina Praetorius ist evangelische Theologin und Autorin von „Wirtschaft ist Care“.

(Foto: Katja Nideröst)

Erst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Freizügigkeit innerhalb des gesamteuropäischen Arbeitsmarkts können Migranten aus postsozialistischen Ländern ihre Care-Arbeitskraft in reicheren Volkswirtschaften auf Billiglohnniveau anbieten. Das Phänomen ist also relativ neu, und es wirft, bei allem punktuellen Bemühen um arbeitsrechtliche Regulierung und individuell lebbare Übereinkünfte, ein ungünstiges Licht auf den Stand der Care-Ökonomie in Europa und weltweit.

Bessere Modelle sind nämlich durchaus in Sicht, haben sich teilweise schon über Jahre bewährt, etwa Mehrgenerationenhäuser oder das in den Niederlanden erfolgreich praktizierte nachbarschaftliche Pflegemodell „Buurtzorg“.

Was es jetzt braucht, ist der politische Wille, anstelle der kollabierten patriarchalen Familienordnung neue, belastbare Strukturen zu schaffen, in denen Menschen aller Geschlechter und aller Zugehörigkeiten in Gerechtigkeit und Sicherheit füreinander sorgen können.

Mehr: Trügerischer Sommer der Sorglosigkeit: Die Pandemie ist noch nicht vorbei – ein Kommentar.

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