Gastkommentar – Homo oeconomicus: Die Inflation ist noch lange nicht besiegt
Auf den ersten Blick scheint das Inflationsproblem fast gelöst. In den vergangenen drei Monaten sind die Verbraucherpreise im Euro-Raum ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel kaum noch gestiegen. Hochgerechnet auf ein Jahr, beträgt der unterliegende Preisanstieg in dieser Zeit nur noch ein Prozent.
Viele Finanzmarktprofis schreiben diesen moderaten Inflationstrend in die Zukunft fort und halten das Inflationsproblem für erledigt. Deshalb erwarten sie, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bereits im April ihre erste Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt beschließt – und bis zum Jahresende fünf weitere solcher Zinsschritte.
Die zuletzt moderaten Inflationsdaten haben viel mit dem Abebben der Teuerung bei Energie und Nahrungsmitteln sowie mit dem Ende der Materialengpässe zu tun. Das lässt auch die Preise für Industriewaren langsamer steigen und schlägt sogar auf die Dienstleistungspreise durch. Nahrungsmittel sind schließlich in der Gastronomie wichtig, und Energie ist wichtig für Transportdienstleistungen.
Nach den Energiepreisschocks der 70er-Jahre sank die Inflation in vielen Ländern ähnlich rasch wie zuletzt. Aber laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds war das Inflationsproblem in fast der Hälfte der 100 analysierten Länder trotzdem nicht gelöst.
Vielmehr pendelte sich die Inflation bei Raten ein, die deutlich höher waren als vor den jeweiligen Hochinflationsperioden, oder sie stiegen sogar wieder an. Das lag häufig daran, dass sich die Zentralbanken von den ersten Erfolgen im Kampf gegen die Inflation blenden ließen und nicht lange genug an einer restriktiven Geldpolitik festhielten.
EZB muss wachsam bleiben
Auch diesmal sollte sich die EZB nicht zu früh freuen. Denn der wichtigste heimische Kostenfaktor, die Löhne, steigt viel schneller als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar. Der Anstieg der Tariflöhne im Euro-Raum hat sich auf fast fünf Prozent beschleunigt. Die zuletzt geschlossenen neuen Tarifverträge sehen sogar ein Plus von sechs Prozent vor.
Der Lohndruck dürfte weiter hoch bleiben. Denn die Arbeitnehmer haben großen Nachholbedarf. Schließlich sind die Pro-Kopf-Löhne seit Ende 2020 viel schwächer gestiegen als die Verbraucherpreise. Außerdem rechnen die Verbraucher im Euro-Raum – anders als in den Jahren vor der großen Inflation – langfristig mit einer Teuerung über dem EZB-Ziel von zwei Prozent. Die niedrige Arbeitslosenquote gibt ihnen eine gute Position in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern.
>> Lesen Sie hier: Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale schafft schwierige Lage für EZB
Wegen der stark steigenden Arbeitskosten dürfte sich die Inflation eher bei drei als bei zwei Prozent einpendeln, auch wenn sie in den kommenden Monaten unter Schwankungen noch etwas sinken wird. Die EZB sollte wachsam bleiben. Die Märkte werden es verkraften, wenn die EZB ihre hochgesteckten Zinssenkungserwartungen enttäuscht.