Homo oeconomicus: Beata Javorcik: Die Kosten für die schöne neue Homeoffice-Welt sind hoch
Beata Javorcik ist Chefökonomin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und Professorin für Wirtschaft an der Universität Oxford.
Foto: BloombergEs gibt da diesen Scherz: „Liebe Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän. Ich arbeite heute von zu Hause aus.“ Er ist ein Gleichnis für die Versprechungen und die Grenzen des Homeoffice. Je länger wir auf einen Corona-Impfstoff warten müssen, desto deutlicher wird, dass die Krise dauerhafte Folgen für unser Arbeitsleben haben wird.
Die Haltung der Arbeitnehmer zur Heimarbeit scheint gespalten zu sein. Die einen vermissen das Treiben im Büro, die Interaktion mit den Kollegen und die Mühelosigkeit, mit der sie bisher herausfinden konnten, was in anderen Abteilungen los ist. Andere genießen die Flexibilität, die ihnen Heimarbeit erlaubt.
Nach einer Untersuchung im Auftrag der Deutschen Bank will knapp mehr als die Hälfte der Beschäftigten auch in Zukunft von zu Hause aus arbeiten. In diesem Wunsch kommen oft persönliche Umstände wie familiäre Verpflichtungen zum Ausdruck, aber auch die Dauer der Beschäftigung: Ältere Arbeitnehmer, die eine Menge an Erfahrung und sozialem Kapital erworben haben, bevorzugen in der Regel die Heimarbeit.
So verlockend es erscheinen mag, hier ein Entweder-oder zu sehen, so gibt es diese klare Trennung in der Praxis nicht. Wahrscheinlich werden wir neue Mischformen der Arbeit entwickeln.
Es gilt zu vermeiden, dass die neuen Arrangements jüngere und neue Arbeitnehmer benachteiligen. Weniger Zeit im Büro zu verbringen wird das Lernen und Kontakteknüpfen verlangsamen und kann damit den beruflichen Aufstieg hemmen.
Zudem entsteht bei Heimarbeit oft die Erwartung an Arbeitnehmer, außerhalb der Normalarbeitszeit verfügbar zu sein. Das könnte besonders Frauen benachteiligen, da sich dies mit ihren familiären Verpflichtungen überschneidet. Ein Beispiel liefern norwegische Exportbetriebe: Eine Zunahme der Zahl an Produkten, die in Länder mit unterschiedlichen Zeitzonen verkauft werden, ist verbunden mit einer größeren Einkommensschere nach Geschlecht.
Wir werden wohl auch in Zukunft traditionelle Büros benötigen, aber in geringerem Ausmaß. Es wird Folgen für unsere Städte haben, wenn viele Unternehmen ihre Büroflächen verringern oder in Satellitenbüros an der Peripherie wechseln. Die innerstädtische Gastronomie und der Einzelhandel werden hart getroffen werden. Die Nachfrage nach Flächen wird zurückgehen, folglich werden die Mieten sinken.
Aber es kann noch andere Kosten geben: Leer gefegte Stadtzentren bedeuten weniger Austausch von Informationen, weniger Ausprobieren von Ideen und weniger auf einer Serviette skizzierte Businesspläne. Das könnte zu weniger Kreativität führen, die der wichtigste Treibstoff des Wachstums ist.
Doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: Billigere Mieten werden es Jungunternehmen und Start-ups ermöglichen, den innerstädtischen Raum zu prägen, die sich das bisher nicht leisten konnten. Sie sind hungrig nach Austausch und offen für neue Ansätze. Vielleicht wird sich so der alte Sponti-Spruch bewahrheiten: „Unterm Pflaster liegt der Strand.“