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Homo oeconomicus Keine „Fehlinterpretation der Wirtschaftsgeschichte“ – Eine Replik auf Philipp Heimberger

Kolumnist Philipp Heimberger wirft mir vor, ich nähre die Fehlinterpretation, dass allein die Hyperinflation zu Hitlers Machtübernahme geführt habe. Das ist nicht richtig.
18.12.2020 - 11:56 Uhr 1 Kommentar
Der frühere Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung widerspricht dem Vorwurf der Geschichtsverdrehung. Quelle: dpa
Hans-Werner Sinn

Der frühere Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung widerspricht dem Vorwurf der Geschichtsverdrehung.

(Foto: dpa)

Am leichtesten ficht man gegen Strohmänner, denkt wohl Philipp Heimberger. Er wirft mir in einem Beitrag für das Handelsblatt vor, ich „nährte“ in einem kürzlich in der „NZZ“ erschienenen Interview die Interpretation, dass die Massenarmut zur Zeit der Machtergreifung der Nazis aus der vorangegangenen Hyperinflation resultierte und nicht aus der Brüning’schen Sparpolitik. Da kann ich mir nur verwundert die Augen reiben. Denn in dem Interview findet keine Abwägung zwischen den Gründen der Verarmung statt. Es ging allein um die Hyperinflation.

In verschiedenen Aufsätzen und in meinem 2015 erschienen Buch „Der Euro“ habe ich einen ähnlichen Standpunkt wie den Heimbergers mit Verve vertreten. Ich zitiere: „Die Austeritätspolitik trieb Deutschland an den Rand eines Bürgerkriegs. Auf den Straßen wurde geschossen, und die Lager bekämpften sich. Was dann 1933 kam, erwies sich bekanntlich als noch schlimmer als ein Bürgerkrieg.“

Man kann aber nicht immer alles gleichzeitig sagen, schon gar nicht in einem Interview, das viele Themen behandelt. Habe ich etwa auch den Verdacht genährt, dass der Versailler Vertrag keine Rolle spielte, dass die Besetzung des Rheinlandes irrelevant war, oder dass der Erste Weltkrieg mit dem Zweiten Weltkrieg nichts zu tun hatte, bloß weil ich diese Themen nicht erwähnt habe?

Der Disput bezieht sich allein auf meine Aussage, dass die Inflation den unteren Mittelstand verarmen ließ und so den Boden für die Nazis bereitete. Heimberger sieht darin eine „Fehlinterpretation der Wirtschaftsgeschichte“.

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    Sie ist jedoch unter Historikern eine so einhellig akzeptierte Selbstverständlichkeit, dass man einen Ökonomen, der anderen „Geschichtsverdrehung“ vorwirft, ernsthaft fragen muss, ob er diesen Vorwurf nicht lieber gegen sich selbst richten sollte.

    Viele Historiker äußerten sich ähnlich

    Hier ein paar schnell gefundene Zitate, die das bestätigen: In der Buchbesprechung des Standardwerks über die deutsche Inflation von Gerald D. Feldman „The Great Disorder: Politics, Economics, and Society in the German Inflation, 1914-1924“ durch Andrew Carlson heißt es: „Feldman präsentiert handfeste Evidenz, dass die galoppierende Inflation und Hyperinflation desaströse Wirkungen auf die deutsche Gesellschaft und Politik hatten, indem sie viele Menschen aus der Mittelschicht, die solide Grundlage des wilhelminischen Deutschland, zu Bettlern machten und damit dem Nationalsozialismus einen fruchtbaren Boden bereiteten.“

    Ähnlich heißt es in dem 1977 im „Journal of Economic Issues“ erschienenen Aufsatz von Hell, Butler and Lorenzen: „Die radikale Umverteilung der Einkommen durch die große Inflation hinterließ ein gefährliches Erbe von Unzufriedenheit, Neid, Bitterkeit und Hass. Hitler und seine NSDAP konnten aus diesem Erbe Profit schlagen.“

    Ähnlich haben sich zahlreiche Historiker geäußert, und so steht es in den Geschichtsbüchern. Die Erosion der Weimarer Republik setzte lange vor der Weltwirtschaftskrise ein, die ihr dann den Rest gab.

    Mehr: Lesen Sie hier ein Interview mit Hans-Werner Sinn. Der Ökonom warnt vor einem Kontrollverlust: „Die Politik verliert das Maß“

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    1 Kommentar zu "Homo oeconomicus: Keine „Fehlinterpretation der Wirtschaftsgeschichte“ – Eine Replik auf Philipp Heimberger"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Werden hier in Zukunft alle persönlichen Rechtfertigungen veröffentlicht oder nur die von Hans-Werner ;)

      @ Hans-Werner-Sinn
      Ich hätte eine ganz andere Frage: Wie rechtfertigen sie volkswirtschaftliche Modelle und Berechnungen, die den Homo oeconomicus als Grundannahme haben? Neuste wissenschaftliche Erkenntnisse haben doch gezeigt, dass wir Menschen nicht immer gemäß unserem Eigennutzen handeln bzw. ihn zu maximieren versuchen. Entsprechen deshalb nicht all Ihre Modelle, die dem Menschen eine solche Denk- und Handelsweise unterstellen- nur bedingt der Wahrheit?

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