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Globale TrendsMutlos lässt sich der Klimawandel nicht stoppen

Viele Regierungen haben sich im Kampf gegen aktuelle Krisen verzettelt und die größte Bedrohung aus den Augen verloren – den Kampf gegen den Klimawandel.Torsten Riecke 12.07.2023 - 04:00 Uhr
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Dass viele Länder vom Klimapfad der Tugend abgekommen sind, hat mehrere Gründe.

Foto: AP

Der Sommer ist da und er fühlt sich nicht gut an: Nach Angaben der World Meteorological Organization – das sind die Wetterforscher der Vereinten Nationen (UN) – war die erste Woche im Juli die heißeste, die jemals auf unserem Planeten gemessen wurde. Im Süden der USA gibt es eine gefährliche Hitzewelle. In Kanada brennen die Wälder. „Der Klimawandel gerät außer Kontrolle“, warnt UN-Generalsekretär António Guterres. 

Angesichts solcher Hilferufe der Natur würde man denken, dass die internationale Staatengemeinschaft ihre Anstrengungen verstärkt, um ihre selbst gesetzten Klimaziele zu erreichen. Doch Fehlanzeige! Die großen Industrienationen haben sich nach Berechnungen der Plattform Climate Action Tracker nicht nur von dem Pariser Klimaziel entfernt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die meisten Länder sind auch von ihrem eigenen Klimapfad abgekommen. 

Großbritannien ist dafür ein lehrreiches Beispiel. „Es ist eine Minute vor Mitternacht“, warnte der britische Ex-Premier Boris Johnson 2021 die Staatschefs auf der COP26-Klimakonferenz in Glasgow vor dem drohenden Klimadesaster. Das Königreich selbst hatte als erste Industrienation die Klimaneutralität bis 2050 gesetzlich verankert.

Zwei Jahre, drei Premierminister und einen Ukrainekrieg später ist nicht nur in Großbritannien das Engagement gegen den Klimawandel spürbar zurückgegangen. Das staatliche Climate Change Committee hat der konservativen Regierung in London gerade vorgeworfen, sie sei drauf und dran, ihre Klimaziele zu verfehlen und die führende Rolle des Königreichs beim Klimaschutz zu verspielen. Ende Juni trat Zac Goldsmith, Staatssekretär für internationale Umweltfragen, aus Protest gegen die „Apathie“ der Regierung zurück und warf Premierminister Rishi Sunak „Desinteresse“ am Klimaschutz vor.

Tatsächlich kommt das Thema Klima in den fünf Versprechen, die Sunak am Anfang des Jahres den Briten gemacht hat und an denen er den Erfolg seiner Regierung messen lassen will, gar nicht vor. Dabei haben all seine Absichtserklärungen – von der Bekämpfung der Inflation über die Förderung des Wirtschaftswachstums bis hin zur Kontrolle der illegalen Einwanderung – mit dem Klimawandel zu tun. 

Gründe für das Abweichen vom Klimapfad

Die Briten sind nicht die Einzigen, die vor lauter Krisenmanagement die größte Krise aus den Augen verloren haben. In Deutschland verzettelt sich die Politik im Streit über das Heizungsgesetz und neue Radwege. Auch die EU insgesamt hat sich trotz ihres 600 Milliarden Euro großen „Green Deal“ von ihren Klimazielen entfernt. Das Zögern der Regierungen gibt zudem Energiekonzernen wie Shell, BP und Co. politische Rückendeckung, ihren geplanten Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu verschieben. 

Dass viele Länder vom Klimapfad der Tugend abgekommen sind, hat mehrere Gründe. Der Ukrainekrieg und die daraus folgende Energiekrise haben die politischen Prioritäten verschoben: Energiesicherheit hat nicht selten den Klimaschutz verdrängt. Hinzu kommt, dass sich in Europa und in den USA politische Gegenkräfte formieren, die die Klimaziele zurückschrauben wollen. In Großbritannien ist die Exploration neuer Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee bereits zu einem Wahlkampfthema geworden. 

Dass Proteste von Klimaschützern wie jetzt beim Tennisturnier in Wimbledon mehr Aufregung verursachen als der Klimawandel selbst, gehört ebenfalls zu den Merkwürdigkeiten der schiefen Klimadebatte. „Man will nicht, dass solche Veranstaltungen gestört werden. Aber der Klimawandel wird sie wirklich stören“, kommentierte die britische Sportlegende Gary Lineker die Protestaktionen. 

Der Kampf gegen den Klimawandel ist jedoch vor allem eine Frage der politischen Führung. Die Vielzahl aktueller Krisen spielt einem technokratischen Politikertyp in die Hände, der die tagesaktuellen Probleme Stück für Stück abarbeitet. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Rishi Sunak sind Protagonisten dieses Regierungsstils. „The vision thing“, wie der frühere US-Präsident Georg H.W. Bush den visionären Blick über den Tellerrand nannte, ist nicht ihr Ding. 

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Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com

Foto: Klawe Rzeczy

Die drohende Klimakatastrophe lässt sich nach Meinung der meisten Wissenschaftler jedoch mit Trippelschritten nicht mehr aufhalten. Notwendig sind mutige Politiksprünge, wie sie US-Präsident Joe Biden mit seinem rund 370 Milliarden Dollar teuren Programm für eine grüne Reindustrialisierung der USA gewagt hat. Über die protektionistische Note des Megavorhabens kann man streiten. Dass Biden die industrielle Revolution von Grund auf neu denkt, ist der richtige Ansatz.

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