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Globale TrendsSo unterschiedlich gehen Länder mit den Geringverdienern um

In den USA wie in Frankreich und Deutschland sind niedrige Löhne akut ein Problem. Allerdings reagieren die Länder darauf sehr unterschiedlich.Thomas Hanke 10.04.2024 - 12:35 Uhr
Wohnblöcke in Stadtteil Marzahn in Berlin. Das reale Einkommen vieler Menschen hat zuletzt nur wenig zugenommen. Foto: IMAGO/photothek

Die schwache Entwicklung der Löhne von Menschen mit niedrigen Einkommen beunruhigt reiche Volkswirtschaften wie die USA, Deutschland und Frankreich gleichermaßen. Aber die Lagen sind nicht identisch und die Reaktionen sehr unterschiedlich.

In den USA warnen die Chefs großer Unternehmen wie Coca-Cola oder McDonald's, die vom Massenkonsum abhängen, vor der Gefahr einer Konsumschwäche. „Es ist wichtig zu verstehen, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, dessen verfügbare Einkommen unter Druck geraten sind“, sagte James Quincey, Vorstandsvorsitzender von Coca-Cola, in einer Telefonkonferenz.

In den USA hängen zwei Drittel der Wirtschaftsleistung vom Konsum ab. Wenn der zu schwächeln beginnen sollte, könnte das überraschend solide Wachstum in Gefahr geraten. Im Januar waren die Einzelhandelsumsätze bereits rückläufig.

„Der Druck ist bei den einkommensschwachen Verbrauchern zu spüren, sagen wir, 45.000 Dollar (Einkommen pro Jahr) und weniger“, mahnte McDonald’s-Chef Chris Kempczinski bei seiner jüngsten Quartals-Telefonkonferenz. Viele dieser Menschen könnten sich nicht einmal mehr ein Essen in einem Fast-Food-Restaurant leisten.

Ein Blick auf die Lohnstatistik der Fed von Atlanta zeigt, warum das so ist: Das unterste Viertel der Einkommensbezieher verzeichnet seit Jahren stagnierende oder sinkende Löhne, während das oberste Viertel jährliche Zuwächse über 15 Prozent erreicht. 

„Auch in Europa haben die niedrigen Einkommen real oft nur wenig zugelegt oder waren sogar rückläufig“, stellt Guido Baldi vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fest. Vor allem die hohe Inflation der Jahre 2022 und 2023 sei eine große Belastung gewesen.

Dabei sind die Effektivverdienste je Arbeitnehmer im Jahr 2023 mit einem Zuwachs von 6,1 Prozent so stark gestiegen wie seit 1992 nicht mehr, zeigt die Ende März veröffentlichte Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute

Dieser Lohnanstieg lag über dem Zuwachs der Tarifverdienste (Lohndrift), was die Forscher auf die Anhebung des Mindestlohns zurückführen. Dessen Existenz erklärt zu einem erheblichen Teil die Unterschiede in der Einkommensentwicklung zwischen Europa und den USA. Dort gibt es zwar einen Mindestlohn, doch der liegt seit Jahren bei gut sieben Dollar – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Doch höherer Effektivverdienst bedeutet nicht höhere Kaufkraft. „Das Reallohnniveau von Ende 2021 – also vor dem Inflationsschub – wird voraussichtlich erst im zweiten Quartal 2025 wieder erreicht“, räumen die Institute ein. Vier Jahre Kaufkraftverlust hinterlassen Spuren.

FDP und Union wollen niedrigeres Bürgergeld

Deshalb fühlen sich viele Einkommensbezieher auch in Deutschland und Europa trotz höherer Mindestlöhne und trotz beeindruckender nominaler Tarifabschlüsse abgehängt, was zumindest teilweise den Zulauf zu Rechts- und Linkspopulisten erklärt.

Interessant ist, wie unterschiedlich in Frankreich und in Deutschland auf dieses Problem reagiert wird. In Deutschland konzentriert sich die Debatte auf das Bürgergeld: Das müsse deutlicher unter den Arbeitseinkommen liegen, verlangen vor allem FDP und Union. In Frankreich dagegen fordert der junge Premierminister Gabriel Attal, sich vom Mindestlohn zu lösen.

Bei unserem Nachbarn kommen 17 Prozent der Beschäftigten lediglich auf den SMIC (Mindestlohn), der mit 11,65 Euro pro Stunde knapp unter dem deutschen liegt. Bei uns sind es laut Destatis 14 bis 15 Prozent der Beschäftigten, die zum Mindestlohn arbeiten.

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Weil jenseits des SMIC die Abgaben sehr stark steigen, zahlen viele französische Unternehmen nur den Mindestlohn, der von staatlichen Entlastungen profitiert. Die haben rechte wie linke Regierungen in den vergangenen Jahren eingeführt, um bei steigenden Mindestlöhnen die Kosten für die Unternehmen zu begrenzen.

Arbeitnehmer, die ihr Leben lang zum Mindestlohn arbeiten, fühlen sich deklassiert. Aus dieser Falle könne nur eine stärkere Wachstumsdynamik führen, sind sich die Ökonomen einig. Eine Aufgabe, vor der auch Deutschland steht.

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