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Kolumne – Asia TechonomicsWarum die Hälfte aller Sprachnachrichten auf Facebook aus Kambodscha stammt

Sprechen statt schreiben: Kambodscha versendet die meisten Sprachnachrichten auf Facebook. Techkonzerne in Schwellenländern können daraus etwas lernen.Mathias Peer 24.11.2021 - 10:34 Uhr Artikel anhören

In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

Foto: Klawe Rzeczy

Bangkok. Es kommt nicht besonders häufig vor, dass sich Kambodscha plötzlich an der Weltspitze wiederfindet. Das Land in Südostasien hat mit seinen 17 Millionen Einwohnern eine überschaubare wirtschaftliche Bedeutung. Sein Exportvolumen liegt irgendwo zwischen Angola und dem Libanon. Fahrräder und einige Textilprodukte gehören zu den wenigen Verkaufsschlagern. In einer Nische der Digitalwirtschaft lässt der vergleichsweise kleine Staat aber alle anderen weit hinter sich: Kambodscha ist Weltmarktführer bei der Produktion von Sprachnachrichten.

Wer Geschäftspartnerinnen, Freunde oder Kollegen in dem Land hat, konnte das bereits ahnen: Nachrichten bekommt man in der Regel nicht als sauber getippte E-Mail, sondern als Ton-Aufzeichnung bei WhatsApp oder in Facebooks Messenger. Statt Text findet sich in Chat-Verläufen nur noch eine Abfolge von aufgereihten Play-Buttons.

Interne Daten von Facebook belegen nun, wie ungewöhnlich das Nutzungsverhalten der Kambodschaner im internationalen Vergleich tatsächlich ist: Demnach stammte im ausgewerteten Jahr 2018 fast die Hälfte des gesamten Sprachnachrichtenvolumens, das der Konzern in seinem Messenger verzeichnete, aus Kambodscha. Beliebt waren die gesprochenen Mitteilungen zwar auch in Ländern wie der Dominikanischen Republik, dem Senegal oder der Elfenbeinküste, aber nirgendwo so sehr wie in der ehemaligen französischen Kolonie zwischen Thailand und Vietnam.

Selbst der Premier verschickt Sprachnachrichten an sein Volk

Die Daten, über die die auf Schwellenländer spezialisierte Website „Rest of World“ berichtete, stammen aus dem Dokumentenfundus der Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen. Die internen Unterlagen hatten in den vergangenen Monaten für Kritik am Verhalten des Social-Media-Konzerns gesorgt, der neuerdings Meta heißt. In diesem Fall gibt es aber keinen Anlass für Vorwürfe – nur für Verwunderung, auch bei dem Social-Media-Konzern selbst.

Das Unternehmen versuchte dem Bericht zufolge mit einer Nutzerumfrage herauszufinden, weshalb sich Sprachnachrichten in einigen Ländern so großer Beliebtheit erfreuen, kam aber ausgerechnet im Fall Kambodschas nicht besonders weit, weil sich nur eine Person aus dem Land an der Studie beteiligte.

Wenn ich Freunde in Kambodscha danach frage, was sie an Sprachnachrichten so toll finden, muss niemand lange überlegen: Sprechen sei eben unkompliziert, außerdem könne man mit Sprachnachrichten Gefühle besser ausdrücken. Die meisten finden es eher unverständlich, dass Textnachrichten anderswo nicht so populär sind. Selbst Premierminister Hun Sen schickt wichtige Ankündigungen regelmäßig per Sprachnachricht an sein Volk – nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis: Im April wurde eine der Aufnahmen, in der er einen Lockdown für die Hauptstadt verhängte, vorzeitig geleakt und führte zu Panikkäufen.

Die Gewohnheiten sind festgefahren

Doch obwohl in Kambodscha kaum ein Nutzer die Omnipräsenz der Sprachnachricht hinterfragt, gibt es dafür aus Sicht von Experten einen strukturellen Grund: die in dem Land verwendete Khmer-Schrift. Mit 33 Konsonanten und mehr als drei Dutzend Vokalen besitzt sie unter allen Alphabetschriften die meisten Buchstaben. Handytastaturen konnten die Vielfalt lange Zeit kaum abbilden.

Von den großen Techkonzernen kümmerte sich über Jahre niemand darum, den Kambodschanern einfache Eingabemöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Sprachnachrichten setzten sich dann als Abhilfe durch. Inzwischen hat sich das Angebot an Tastatursoftware zwar verbessert. Doch die Gewohnheiten sind schon so festgefahren, dass sich am Kommunikationsverhalten kaum etwas ändern wird.

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Für Technologiefirmen, die auf Wachstum in Schwellenländern setzen, verbirgt sich dahinter eine wichtige Lektion: Nicht jeder Markt tickt so wie die Industrieländer in Europa und Amerika. Inder geben Bestellungen beim Online-Shopping gerne über WhatsApp auf, Thailänder wollen die Produkte vorher in Livestreams begutachten und in Indonesien kooperieren E-Commerce-Unternehmen mit Kiosken, um Menschen ohne Internet zu erreichen. Nur wer diese Besonderheiten versteht, kann darauf hoffen, auf breite Akzeptanz zu stoßen. Wer sie ignoriert, muss damit rechnen, dass die Nutzer nach Alternativen suchen.

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