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Kolumne Globale TrendsEU-Länder wollen Indexlohn auf Unternehmens- und Branchenebene

In den 70er-Jahren glichen Indexlöhne hohe Inflationsraten aus, später wurden sie fast überall abgeschafft. Doch nun könnte die Lohnindexierung zurückkommen.Thomas Hanke 08.11.2023 - 16:19 Uhr Artikel anhören

Preise, die weitaus schneller steigen als die Löhne, haben in der Vergangenheit die Gewerkschaften weltweit dazu geführt, einen automatischen Ausgleich zu fordern

Foto: dpa

Die größte Sorge der Deutschen ist derzeit laut einer Ipsos-Umfrage nicht die Zuwanderung, sondern die Geldentwertung. 45 Prozent der Befragten sehen das so. Sie stehen damit nicht allein: In Spanien sagen laut einem Bericht der „El Pais“ sogar 90 Prozent, die Inflation sei derzeit das größte Problem vor Kriegen, Erderwärmung und Seuchen.

Preise, die weitaus schneller steigen als die Löhne, haben in der Vergangenheit die Gewerkschaften weltweit dazu geführt, einen automatischen Ausgleich (Cost-of-Living Adjustment, COLA) zu fordern. Denn Verluste an Kaufkraft später wettzumachen gelingt selten. In den USA waren 1976 nach Gewerkschaftsangaben 76 Prozent der Arbeiter durch Tarifverträge mit COLA geschützt.

In Italien wurde 1975 die „Scala Mobile“ (wörtlich Rolltreppe) eingeführt, die nachlaufend die Löhne der Arbeiter und Angestellten im Privatsektor um die jeweilige Inflationsrate erhöhte.

In Spanien genossen laut Banco de España noch im Jahr 2000 rund 70 Prozent der Beschäftigten eine Form der Indexierung ihrer Löhne. In Frankreich wurde der Mindestlohn in dem Maße erhöht, in dem die Verbraucherpreise stiegen.

In Deutschland dagegen hatte Lohnindexierung nicht diese Bedeutung. Wie die Europäische Zentralbank (EZB) heute argumentierte die Bundesbank früher, dass Indexlöhne zu höheren Inflationserwartungen und letztlich zu einer höheren Inflationsrate beitrügen. Sie verursachten also das Leiden, das sie heilen sollten.

Kommt der Index wieder zurück?

Das Argument einer Lohn-Preis-Spirale, die insgesamt geringere Inflation und schwindender Einfluss der Gewerkschaften setzten den „Rolltreppen“ ab den 80er-Jahren zu. Italien verzichtete vor dem Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion 1990 auf seine Scala Mobile.

Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.

Foto: Klawe Rzeczy

In Spanien erhielten laut Arbeitsministerium 2021 nur noch 16 Prozent der Arbeitnehmer Indexlöhne. In den USA war bereits 1995 der Anteil der Arbeitnehmer, die COLA genossen, auf 22 Prozent gefallen.

In der EU gelten laut EZB heute noch für drei Prozent der privaten Beschäftigten Klauseln, die eine Lohnangleichung an die Inflationsrate vorsehen. Nur in Belgien, Luxemburg, Zypern und Malta ist die Indexierung die Regel. Allerdings arbeiten 18 Prozent der Privatbeschäftigten in EU-Ländern, in denen der Mindestlohn an die Inflationsrate gekoppelt ist.

Eine breitere Rückkehr der einst verfemten Index- oder COLA-Regeln könnte bevorstehen, vermutet Stan de Spiegelaere von der Universität Ghent: „Angesichts der gegenwärtigen Phase hoher und unvorhersehbarer Inflation ist es möglich, dass wir in Europa und weltweit eine Renaissance der Lohnanpassungsklauseln in Tarifverträgen erleben.“

De Spiegelaere, der auch für das Forschungsinstitut der europäischen Gewerkschaften arbeitet, hat festgestellt, dass in mehreren EU-Ländern auf Unternehmens- oder Branchenebene versucht wird, wieder eine Form von Indexierung einzuführen.

Der stärkste Hinweis auf ein mögliches Comeback kommt aus den USA: Hier hat die UAW, Gewerkschaft der Automobilarbeiter, soeben eine COLA-Klausel in den neuen Tarifvertrag verhandelt.

Wenig Sorgen machen müssen sich übrigens die Beschäftigten der EU-Institutionen, deren Ökonomen Lohnindexierung eher kritisch gegenüberstehen: Für sie gilt „die Entwicklung der Kaufkraft der Beamten in den EU-Mitgliedstaaten und die Inflation in Brüssel und in Luxemburg“ als Richtschnur, so die EU-Kommission. Bei hoher Inflation aber gibt es eine „Aktualisierung“ der Gehälter.

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Frei nach Robert Gernhardt könnte man sagen: Die schärfsten Kritiker der Elche werden gerne selber welche.

Erstpublikation: 08.11.2023, 10:30 Uhr.

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