Kommentar: Chipmangel: Europa muss endlich die Bürokratie-Bremse lösen
Europa ist für Chiphersteller unattraktiv.
Foto: BloombergEuropa? Nein danke! Für TSMC ist ein Werk in Deutschland oder dem Rest von Europa derzeit kein Thema. Das erklärte Mark Liu, der Chairman des weltgrößten Auftragsfertigers der Chipindustrie, an diesem Mittwoch auf der Hauptversammlung.
Das sind schlechte Nachrichten, denn seit fast zwei Jahren stehen die Bänder in der europäischen Industrie immer wieder still. Die sogenannten Foundries wie TSMC, Samsung oder UMC aus Fernost liefern nicht annähernd so viele Halbleiter, wie Autohersteller und Elektronikproduzenten benötigen.
Um sich aus der Abhängigkeit von Asien zu befreien, beschwören Politiker in Berlin und Brüssel seit Monaten Europas Aufholjagd bei den Chips. Doch die stockt bereits, ehe sie überhaupt richtig begonnen hat.
Die Vergabe der Fördermittel für die Chipindustrie in Europa zieht sich wie Kaugummi. Zwar hat der US-Konzern Intel angekündigt, neue Fabriken in Deutschland und Italien zu bauen. Wegen fehlender Förderzusagen sind die Verträge aber noch nicht unterschrieben. Während asiatische Länder Milliarden in die Branche pumpen, bremsen sich die EU und ihre Mitgliedstaaten mit Bürokratie und deren langwierigen Abläufen selbst aus. Die Absage von TSMC ist der beste Beweis für das Versagen der Politik in Europa.
Dabei sind Milliardenförderungen für ausländische Großkonzerne nicht die einzige Möglichkeit: Mit wesentlich kleineren Beträgen ließen sich hoffnungsvolle Start-ups fördern. Entgegen allen großen Versprechungen werden aber auch diese monatelang hingehalten.
TSMC und Samsung bauen schon in Amerika
Zugegeben: Auch in Amerika hat das Parlament die von Präsident Joe Biden angekündigte milliardenschwere Chipförderung noch nicht beschlossen. Der entscheidende Unterschied: Weil die USA ein riesiger Markt sind, bauen Konzerne wie TSMC und Samsung ihre neuen Werke vor Ort auch ohne die Subventionen aus Washington. Was die Bundesstaaten an Unterstützung zu bieten haben, reicht den Asiaten im ersten Schritt offenbar aus.
Das Zögern Europas ist umso unverständlicher, als China inzwischen immer unverhohlener damit droht, sich Taiwan einzuverleiben. Damit würde Europa den direkten Zugriff auf seinen wichtigsten Chiplieferanten TSMC verlieren.
Es ist deshalb höchste Zeit, den Ankündigungen in Europa sofort Taten folgen zu lassen.
Das heißt: Die umfassende Förderung der einheimischen Chipindustrie muss sofort beginnen. Wichtig dabei ist, dass nicht nur Konzerne wie Intel zum Zuge kommen. Gerade auch junge Unternehmen sollten unterstützt werden.
Denn sie bieten die größten Chancen, zur Keimzelle einer wiedererstarkenden europäischen Chipindustrie zu werden.