Kommentar: Der Allianz-Quartalsbericht hat einen Makel
Der Versicherer übertraf im dritten Quartal die Erwartungen der Experten.
Foto: dpa„Vorsicht ist, was wir bei anderen Feigheit nennen“, wusste schon der britische Dramatiker Oscar Wilde. Entsprechend scheinen auch die großen deutschen Versicherer zu agieren. Europas größter Versicherer Allianz stellte am Freitag zwar Zahlen für das dritte Quartal vor, die besser waren als von den Experten erwartet – doch eine neue Prognose für das laufende Jahr traut sich der Dax-Konzern weiter nicht zu.
Das gleiche Bild lieferte einen Tag zuvor der große Rückversicherer Munich Re. Anders als ursprünglich in Aussicht gestellt, wollten sich die Münchener nicht auf eine konkrete Vorhersage festlegen – obwohl das Jahr lediglich noch zwei Monate hat.
Investoren sollte das hellhörig machen. Denn so gut die aktuellen Ergebniszahlen der beiden Dax-Konzerne auch sind, so sehr ist der aktuelle Glanz dieser Zahlen doch auch mit einem Makel behaftet. „Es sind keine normalen Zeiten“, betonte Allianz-Finanzchef Giulio Terzariol. Es sei kaum vorhersehbar, ob das vierte Quartal einigermaßen normal verlaufe – oder wie sich das von Corona geprägte erste Quartal entwickele.
Das ist jedoch ein Weckruf für Aktionäre, die glauben, dass bei den Versicherern das Gröbste bereits ausgestanden ist. Noch im Sommer hatte sich Konzernchef Oliver Bäte optimistisch gezeigt, dass das Dax-Schwergewicht Allianz bereits im nächsten Jahr wieder an die Gewinne vor der Coronakrise anknüpfen könne.
Doch diese Perspektive erweist sich mehr und mehr als trügerisch. Die deutschen Versicherer werden zwar die unmittelbaren Folgen der Coronakrise bewältigen, jedoch längerfristig unter der Pandemie-bedingten Ausbremsung der Wirtschaft und den niedrigen Zinsen leiden – insbesondere die Lebensversicherer, warnte diese Woche die Ratingagentur Moody‘s.
Intern scheinen die Manager neue Rückschläge ebenfalls nicht auszuschließen – anders lässt sich die Zurückhaltung bei der Prognose nicht erklären. Die steigenden Zahlen der Neuinfizierten und die zunehmenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens lassen bereits erahnen, dass der Winter neue Belastungen bringen wird. Wie stark diese ausfallen, kann niemand derzeit seriös beziffern. Doch die Investoren sollten sich von den soliden Zahlen des dritten Quartals nicht blenden lassen.
Wenn es ganz schlecht läuft, droht den großen deutschen Versicherern das Schicksal des Scheinriesens Tur Tur aus dem Kinderbuch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende: Je näher man dem Riesen kommt, desto kleiner wird er.