Kommentar – Der Chefökonom: Der US-Dollar ist Nummer eins im Weltfinanzsystem – die Frage ist, wie lange noch

Wer Rohöl kaufen will, braucht US-Dollar – große Teile der Welt wurden so abhängig vom Dollar.
Foto: dpaDer US-Dollar ist seit etwa acht Jahrzehnten die wichtigste Währung der Welt. Heute werden etwa 60 Prozent der globalen Währungsreserven in Dollar gehalten, an 90 Prozent aller Devisengeschäfte ist der US-Dollar beteiligt, und die meisten Rohstoffe werden in Dollar notiert und gehandelt. Doch wie lange noch?
Das Schicksal des Dollars ist eng mit dem von Erdöl verknüpft. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besiegelten US-Präsident Franklin Roosevelt und der saudische König Abd al-Aziz ibn Saud die Ablösung des britischen Pfunds als Ölwährung.
Die USA garantierten diesem Königreich militärischen Schutz, während die Saudis versprachen, von nun an Öl nur noch gegen Dollar zu verkaufen. Als die USA Ende der 1960er-Jahre begannen, den Vietnamkrieg mit Hilfe der Druckerpresse zu finanzieren, geriet der US-Dollar zunehmend unter Druck. Schließlich zerbrach 1973 das zwischen den 44 Siegermächten des Zweiten Weltkriegs vereinbarte Festkurs-System von Bretton-Woods mit dem Dollar als Ankerwährung.
Ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung des Dollars war ein zunächst geheim gehaltenes Abkommen der Nixon-Administration mit dem damaligen saudischen König Faisal. In dieser 1974 geschlossenen Vereinbarung verpflichteten sich die USA, weiterhin Öl bei dem kurz zuvor verstaatlichten Ölförderer Saudi-Aramco zu kaufen und im Gegenzug Rüstungsgüter zu liefern, ungeachtet der militärischen Konflikte arabischer Staaten mit dem Staat Israel. Als Gegenleistung setzte Saudi-Arabien als Opec-Führungsmacht durch, dass Rohöl nur in US-Dollar gehandelt wird.
Die steigende Ölnachfrage sorgte so für eine stetig steigende Nachfrage nach Dollar. Gleichzeitig legte Saudi-Arabien seine Petro-Dollar vorrangig in amerikanische Staatsanleihen an. Bereits 1977 hatte Saudi-Arabien etwa 20 Prozent aller im Ausland gehaltenen US-Staatsanleihen aufgekauft. Die hohe Nachfrage nach Dollar hielt den Kurs der US-Währung hoch, und die stabile Nachfrage nach US-Bonds dämpfte das Zinsniveau in den USA und erleichterte Regierung, Unternehmen und Konsumenten die Schuldenaufnahme.
Dollar-Monopol bröckelt
Lange Zeit galt die Faustregel: Wer Rohöl kaufen will, braucht US-Dollar – große Teile der Welt wurden so abhängig vom Dollar. Doch das Dollar-Monopol hat zu bröckeln begonnen. Im Jahr 2012 bekräftigten China und Iran, ihren Ölhandel in chinesischen Renminbi abwickeln zu wollen. Mittlerweile haben wohl auch Russland und Iran solch eine Vereinbarung. Im Frühjahr 2022 ließ die Nachricht aufhorchen, Saudi-Arabien erwäge, Renminbi für seine Ölexporte in die Volksrepublik China zu akzeptieren – unklar blieb, in welchem Umfang.
Die Umsetzung dieser Klimaziele bedeutet nämlich nichts anderes als ein Ende des Öl-Zeitalters – und damit das Ende eines zentralen Pfeilers der Vormachtstellung des US-Dollars.
Foto: dpaMitte Juni dieses Jahres meldete die Nachrichtenagentur Reuters, Pakistan habe Rohöl aus Russland im Rahmen eines zwischen beiden Regierungen vereinbarten Geschäfts bezogen und erstmals mit chinesischen Renminbi bezahlt.
Chinas Regierung bezeichnete das Geschäft als normale Handelszusammenarbeit zwischen Pakistan und Russland. „Prinzipiell sind wir für eine Abwicklung des Ölhandels in Renminbi offen“, teilte das Außenministerium mit.
Russland akzeptiert seit Beginn seines Kriegs gegen die Ukraine und der anschließenden westlichen Sanktionen im Energiegeschäft keine Dollar mehr. Neben dem Renminbi nutzen an diesem Konflikt unbeteiligte Staaten zwischenzeitlich auch andere Währungen wie die indische Rupie oder den Dirham der Vereinigten Arabischen Emirate zur Abwicklung solcher Geschäfte.
Der Dirham eignet sich besonders gut, da diese Währung an den US-Dollar gekoppelt ist und es für beide Seiten somit keine Wechselkursrisiken zu den Weltmarktpreisen gibt.
Diese Beispiele zeigen: Der Versuch des Westens, Russland zu isolieren, hat neue Handelsallianzen befördert, die letztlich auf eine Schwächung der Vormachtstellung des Dollars hinauslaufen können. Womöglich ist dies ein Grund dafür, dass der Dollar binnen eines Jahres rund zehn Prozent gegenüber dem Euro an Wert eingebüßt hat.
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Dies könnte freilich nur ein Vorgeschmack darauf sei, was dem Dollar drohen könnte, sollte es der EU gelingen, in zwei bis drei Dekaden klimaneutral zu werden, und sollte auch China bis 2060 seine Netto-Treibhausgasemissionen auf null senken können. Die Umsetzung dieser Klimaziele bedeutet nämlich nichts anderes als ein Ende des Ölzeitalters – und damit den Einsturz eines zentralen Pfeilers der Vormachtstellung des US-Dollars.
Chance für Newcomer-Währungen
In Deutschland und weiten Teilen Europas gibt es klare Ausstiegsszenarien für Verbrennungsmotoren in Autos und für Öl- und Gasheizungen. Selbst die Industrie wird Wege finden, auf Öl und Gas zu verzichten.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattErsetzt werden sollen die durchweg importierten fossilen Energieträger vorrangig durch im Inland erzeugten Strom aus Wind und Sonne. Sollte dieser Umstieg gelingen und die Industrieproduktion ohne relevante Treibhausgasemissionen möglich sein, dürfte der Rest der Welt dem Vorbild folgen – und der billionenschwere Ölhandel wäre Geschichte.
Die Nachfrage nach Dollar ginge in gleichem Maße zurück, wie die Nachfrage nach Erdöl sinken würde. Dies hätte eine schleichende Abwertung des Dollars zur Folge. Eine globale Energiewende wäre also nicht nur ein Horrorszenario für die erdölexportierenden Länder, sondern womöglich auch für die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA. Ohne eine stetige Nachfrage nach dem Greenback ließen sich die riesigen Defizite in der US-Handelsbilanz und im US-Haushalt kaum finanzieren. Überdies würde die Inflation befördert.
Sorgen, die globale Energiewende könnte zu heftigen Eruptionen im Weltfinanzsystem führen, sind damit nicht von der Hand zu weisen. Allerdings werden sich die Entwicklungen über mehrere Dekaden hinziehen, sodass – anders als in einem Festkurssystem – flexible Märkte und Wechselkurse sich anpassen können.
Newcomer-Währungen wie etwa die indische Rupie dürften eine Chance bekommen, zu einer Weltwährung aufzusteigen. Offen ist, ob China bereit ist, seine Kapitalmärkte zu öffnen, um von den Vorzügen einer global akzeptierten Währung profitieren zu können – die Kehrseite wäre, sich damit auch stärker als bisher offenen Marktbewertungen auszusetzen.
Auch die USA dürften ihren Greenback nicht kampflos aufgeben, und die Anpassungsfähigkeit der US-Wirtschaft ist enorm hoch. Sollte das Kalkül der Biden-Regierung aufgehen, zusammen mit offenem Protektionismus, hohen Subventionen, wenig verhohlenen Drohungen und Importbeschränkungen die US-Wirtschaft zu einem globalen Green-Tech-Zentrum umzubauen, könnte dies eine Sogwirkung entfachen. Große Kapitalströme würden aus aller Welt in Richtung USA umgeleitet, sodass die Folgen versiegender Petro-Dollar-Ströme womöglich ausgeglichen, zumindest aber abgefedert werden könnten.
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Der Euro hingegen dürfte nur dann eine Chance haben, sich zu behaupten, wenn zum einen die Energiewende gelingt und zum anderen die Mitgliedstaaten bereit sind, der europäischen Integration neuen Schub zu verleihen sowie nationalstaatliche Interessen zurückzustellen. Dies ist angesichts des Vormarschs populistischer Parteien sicher kein einfaches Unterfangen. Tatsächlich ist eine weitere Integration alternativlos. Ansonsten drohen Europa, der Euro und die einzelnen EU-Staaten in der globalen Bedeutungslosigkeit zu versinken.