Kommentar – Der Chefökonom: Die deutsche Volkswirtschaft schwächelt – doch für Dax-Konzerne gibt es Hoffnung
Arbeiterin im US-Werk Spartanburg von BMW: Nicht zuletzt wegen ihrer klugen Standortdiversifizierung dürften viele deutsche Unternehmen auch künftig zur Weltspitze zählen.
Foto: APEs gibt sie noch! Die von Donald Trump auch gegen die deutsche Industrie verhängten Strafzölle sind keineswegs abgeschafft, sondern lediglich bis Ende dieses Jahres ausgesetzt.
Da sich die USA und die EU bei ihren jüngsten Verhandlungen nicht einigen konnten, zeichnet sich ab, dass ab Januar 2024 wieder 25 Prozent Zoll auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium erhoben werden, wenn europäische Hersteller in die USA liefern wollen.
Zur Erinnerung: Diese „Schutzzölle“ hatte der damalige US-Präsident Trump 2018 als Reaktion auf Überkapazitäten auf dem globalen Stahlmarkt verhängt – vor allem aber wohl, um innenpolitisch bei Industriearbeitern zu punkten, die sich als Verlierer der Globalisierung sehen.
Nach der Wahl von Joe Biden zum Präsidenten Ende 2021 verständigten sich die USA und die EU auf eine Aussetzung dieser Zölle für zwei Jahre. In der vergangenen Woche scheiterten dann überraschend die Gespräche über ein „internationales Übereinkommen für nachhaltigen Stahl und Aluminium“, welches letztlich gegen China gerichtet ist.
Über die Gründe für das Scheitern gibt es naturgemäß unterschiedliche Darstellungen. Unstrittig ist aber, dass freier Handel bei der innenpolitisch unter Druck stehenden Biden-Administration keinen sonderlich hohen Stellenwert genießt.
USA wurden Verfechter des Freihandels
Zölle haben in den USA durchaus Tradition. So hob der „Smoot-Hawley Tariff Act“ von 1930 für mehr als 20.000 Produkte die Einfuhrzölle auf ein bis dahin nicht gekanntes Niveau, um die US-Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.
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Dies führte im Zusammenspiel mit der damaligen Weltrezession dazu, dass der Außenhandel der USA innerhalb von drei Jahren um über 60 Prozent zurückging. Die Folgen: Der internationale Handel brach dramatisch ein – und der Nationalismus erblühte rund um den Globus. In Deutschland und Japan sahen sich nationalstaatlich gesinnte Politiker in ihrem Bestreben nach Autarkie bestätigt.
Als das Ende des Zweiten Weltkriegs absehbar war, forcierten die USA die Gründung von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und später die Etablierung des „General Agreement on Tariffs and Trade“ (kurz: GATT). Die Idee: Mit einer stabilen Weltwirtschaftsordnung, offenen Märkten und klaren Handelsregeln sollten Absatzmärkte für die weitgehend intakte US-Industrie erschlossen werden.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattUnd so wurden die USA zum Freihandelsverfechter. In den 1980ern verwies Präsident Ronald Reagan auf die negativen Folgen des Smooth-Hawley-Act, als in seiner republikanischen Partei protektionistische Stimmen laut wurden.
In den 1990ern punktete der Demokrat Al Gore in einer TV-Debatte, als er ein Exemplar dieses Gesetzes mit dem Hinweis zeigte, dass eine solche Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik beachtliche Schäden anrichten könne. Damals dürfte freilich niemand geahnt haben, dass das bettelarme China schnell zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen und in einen Wettstreit mit den USA um die globale Vormachtstellung treten würde.
Einer der großen Gewinner dieser Freihandelsdekaden war Deutschland. Angetrieben von der kontinuierlichen Aufwertung der D-Mark erzielte die deutsche Industrie beachtliche Produktivitätsfortschritte und perfektionierte das Outsourcing von Teilen der Fertigung in Niedriglohnländer, zunächst nach Südeuropa, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Osteuropa und schließlich mit der Integration Chinas und Südostasiens in den Welthandel nach Fernost.
China ist wichtiger Markt für deutsche Unternehmen
Dank globaler Lieferketten wurden gut bezahlte Industriearbeitsplätze in Forschung und Entwicklung, Design und Endmontage im Hochlohnland Deutschland gesichert. So wurde Deutschland zum Exportweltmeister.
Mit zunehmender Bedeutung des chinesischen Markts stiegen die Anreize und Zwänge, dort neue Produktionsstätten zu errichten, selbst um den Preis des Know-how-Abflusses. Die Folge: Heute beschäftigt die Mehrzahl der Dax-Konzerne weit mehr Mitarbeiter im Ausland als in Deutschland, und für manch deutsches Vorzeigeunternehmen ist China der wichtigste Markt.
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Ausgehend von den USA kam mit der 2012 von Präsident Obama verkündeten neuen Asienstrategie Protektionismus wieder in Mode. Seitdem ist es mehr oder weniger offen erklärtes Ziel der USA, den Aufstieg Chinas zur technologischen und damit wirtschaftlichen Weltmacht zu bremsen.
Die nicht unberechtigte Sorge war und ist, dass China seine wachsende wirtschaftliche Potenz nutzt, um seinen geopolitischen Einfluss auszuweiten. So entwickelten die USA einen Mix aus Importzöllen, Exportbeschränkungen und Technologietransfer-Verboten und blockierten die Ernennung neuer Richter bei der Welthandelsorganisation, um diese dem Freihandel verpflichtete Institution zu lähmen.
Obamas Nachfolger Trump machte lautstarke Drohungen mit Strafzöllen dann zu seinem Markenzeichen. So sicherten Trumps Zölle auf Stahl und Aluminium womöglich 1300 Arbeitsplätze in den Branchen. Seriösen Schätzungen zufolge gingen jedoch bis zu 75.000 Stellen in anderen Industriezweigen verloren, da die Unternehmen mehr für Vorprodukte zahlen mussten und an Wettbewerbsfähigkeit einbüßten.
Biden stärkt mit IRA Greentech-Unternehmen
US-Präsident Biden bedient sich zwar nicht der Metapher „America first“. Doch mit seiner als „Inflation Reduction Act“ (IRA) getarnten Industriepolitik soll das Land bei Schlüsseltechnologien und erneuerbaren Energien führend werden. Hohe Subventionen und Steuergutschriften fließen an jene Greentech-Unternehmen, die in den USA produzieren.
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Im August 2022 brachte Biden seine Absichten in seltener Klarheit auf den Punkt: „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Menschen die Haube ihres Autos öffnen und das Made-in-America-Siegel in die Batterie eingeprägt sehen.“ So schreibt der IRA unter anderem vor, dass der Anteil heimischer Rohstoffe an Autobatterien von zunächst 40 Prozent bis 2027 auf 80 Prozent ansteigen muss.
Rohstoffe aus Staaten, mit denen entsprechende Abkommen existieren, sollen dabei heimischen gleichgestellt werden – doch die Verhandlungen mit der EU darüber sind vorerst gescheitert.
US-Autobauer profitieren stark von der Industriepolitik Washingtons.
Foto: APNun gelten Großunternehmen oft als „vaterlandslose Gesellen“, weil ihre Vorstände dem Wohl der Aktionäre verpflichtet sind und daher dort investieren, wo die höchste Nach-Steuer-Rendite zu erwarten ist. In Deutschland sind die Unternehmensteuern hoch, Fachkräfte knapp und die Infrastruktur in weiten Teilen marode.
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Die USA dagegen können mit billiger Energie, hoher Technikaffinität und Protektionismus um Investoren werben. Da ist es kein Wunder, dass viele deutsche Unternehmen über eine Verlagerung von Produktionsstätten in die USA ernsthaft nachdenken.
Nicht zuletzt wegen ihrer klugen Standortdiversifizierung dürften viele deutsche Unternehmen auch künftig zur Weltspitze zählen – nur werden ihre Produkte seltener made in Germany sein. So dürften perspektivisch die Gewinne vieler Dax-Konzerne weiter steigen, während die Industrieproduktion in Deutschland im Trend schrumpfen wird.
Die Bundesregierung hat zweifellos die Möglichkeit, mit der kürzlich von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) angekündigten überfälligen Verbesserung der Angebotsbedingungen diesen Trend zu verlangsamen. Doch Habecks Ziel, „den Industriestandort in seiner ganzen Vielfalt zu erhalten“, dürfte nicht erreichbar sein.