Kommentar: Der neue Bundesbank-Chef Nagel stößt auf Erwartungen, die er kaum erfüllen kann
Joachim Nagel ist mit der Institution wohlvertraut.
Foto: dpaEs hat länger gedauert, jetzt ist klar: Mit Joachim Nagel wird ein erfahrener Ökonom und Banker Chef der Bundesbank. Nagel, der früher schon im Vorstand der traditionsreichen Institution saß, wird vom ersten Tag an großen Erwartungen gegenüberstehen.
Vonseiten der EZB hingegen dürfte der Wunsch kommen, dass die Bundesbank Verständnis für die Situation anderer Länder zeigt und zumindest nach außen den Schulterschluss übt; die europäische Geldpolitik, so wie sie beschlossen ist, den Bürgern erklärt. Und innerhalb der Bundesbank sehnen sich manche nach neuem Schwung über die bewährte Tradition hinaus.
Das sind hohe, zum Teil widersprüchliche Erwartungen. Hinzu kommt, dass Nagel automatisch mit seinem Vorgänger Jens Weidmann verglichen wird. Weidmann fühlte sich oft mit seinen Positionen im EZB-Rat alleingelassen, was zu seinem vorzeitigen Abschied beigetragen hat. Als Ökonom gehörte er aber unbestritten zu den Schwergewichten im EZB-Rat.
Manche werden auch Vergleiche mit Isabel Schnabel ziehen. Die deutsche EZB-Direktorin hat de facto weitgehend die Aufgabe übernommen, ihren Landsleuten die Geldpolitik zu erklären, während Weidmann zeitweise Mühe damit hatte, weil er der offiziellen Linie kritisch gegenüberstand. Außerdem galt Schnabel, die nach außen hin insgesamt als zu den Meinungsbildnern im EZB-Rat gehörend angesehen wird, selbst als Kandidatin für den Bundesbankvorsitz. Neuen Schwung zu bringen hätte man ihr zugetraut.
Keine leichte Aufgabe also für Nagel. Einer schlechten Tradition deutscher Geldpolitiker sollte er jedenfalls nicht folgen: vorzeitig das Amt aufzugeben.