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Kommentar Der starke Euro zwingt die EZB zum Handeln – nun droht ein versteckter Währungskrieg

Die EZB kann gar nicht anders, als den Wechselkurs in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Aktuell spielt er eine besonders wichtige Rolle.
06.12.2020 - 14:29 Uhr Kommentieren
Die Stärke der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar bringt die Währungshüter in Zugzwang. Quelle: AP
Euro und Dollar

Die Stärke der Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar bringt die Währungshüter in Zugzwang.

(Foto: AP)

Eigentlich ist es für Notenbanker ein Tabu, über den Wechselkurs zu sprechen. Offiziell gilt die Devise, dass er kein Ziel der Geldpolitik ist. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, wo sie sich zu dem Thema äußern.

Besonders deutlich hat dies der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, Anfang September getan, als der Euro kurzzeitig die Marke von 1,20 Dollar überschritten hatte. Damals sagte er, der Euro-Kurs sei relevant für die Geldpolitik der EZB. Die Bemerkung brachte ihm Kritik ein, aber sie beendete den damaligen Aufwärtstrend des Euros. Allerdings nur kurzzeitig, wie sich jetzt zeigt.

Vor der Ratssitzung der Notenbank am kommenden Donnerstag hat der Euro die wichtige Marke von 1,20 Dollar erneut überschritten – umgekehrt verliert der Dollar immer stärker an Wert. Nun macht sich bemerkbar, dass die US-Notenbank Fed ihre Geldpolitik in der Corona-Pandemie besonders stark gelockert hat.

Durch die drastische Abwertung der Schwellenländerwährungen in der Krise und die neuerliche Dollar-Schwäche steht die EZB unter Druck. Es droht ein versteckter Währungskrieg, auch wenn er wohl weitgehend ungewollt ist.

Unter Ökonomen ist unstrittig, dass sich geldpolitische Entscheidungen wie Zinssenkungen und Anleihekäufe auf den Wechselkurs auswirken. Und der Wechselkurs ist kurzfristig sogar der stärkste Hebel, um Inflation und Wirtschaftswachstum zu beeinflussen – obwohl er offiziell für die Geldpolitik keine Rolle spielen sollte.

Seit seinem Tief im Mai hat der Euro um rund zwölf Prozent zum Dollar aufgewertet. Dies macht einerseits Exporte aus Europa auf dem Weltmarkt teurer und schwächt damit die Wirtschaft – andererseits werden Importe billiger, was die Inflation drückt. Auch wenn die Unternehmen solche Währungseffekte in der Regel nicht vollständig an die Kunden weitergeben, sind sie signifikant.

Devisenmarkt neigt zu Übertreibungen

Das gilt ganz besonders in der aktuellen Situation, wo die Preise im Euro-Raum ohnehin sinken. Aktuell drücken die Folgen der Corona-Pandemie die Inflation, und sie werden sich wahrscheinlich noch länger auswirken.

Grafik

Denn die Krise hat vor allem den arbeitsintensiven Dienstleistungssektor hart getroffen. Dort fallen viele Arbeitsplätze weg, und es dauert einige Zeit, bis sie wieder geschaffen werden. Die Folge ist voraussichtlich eine höhere Arbeitslosigkeit, die die Inflation drückt. Ähnlich wie in Japan besteht daher die Gefahr, dass es zu einer Deflation kommt, bei der die Preise über längere Zeit sinken.

In dieser Situation wären abrupte Wechselkursschwankungen besonders gefährlich. Der Devisenmarkt neigt aber zu Übertreibungen, und es dauert bisweilen Jahre, bis sich das wieder korrigiert. Daher sind Marken wie der Kurs von 1,20 Dollar je Euro ein Warnsignal. Die US-Großbank Citigroup sieht für 2021 ein Abwärtspotenzial des Dollars gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner der USA von bis zu 20 Prozent.

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Eine solch starke Abwertung ist zwar nicht ihr Basisszenario, es verdeutlicht aber, in welche Bedrängnis ein starker Euro die EZB bringen kann. Denn eine so starke Abwertung des Dollars ließe sich wirtschaftlich nur sehr schwer abfedern. Sie würde vielen exportorientierten Unternehmen große Probleme bringen und die Inflation im Euro-Raum gefährlich drücken. Vor allem in den von der Krise besonders betroffenen Ländern Südeuropas.

Aus diesen Gründen kommt die EZB gar nicht umhin, den Wechselkurs in ihren Entscheidungen am kommenden Donnerstag zu berücksichtigen. Bemerkenswert ist, dass der Euro-Kurs vor der EZB-Sitzung stark zugelegt hat, obwohl die Notenbank im Vorfeld sehr deutlich gemacht hat, dass sie dort die Geldpolitik weiter lockern will. Der Markt dürfte also neue Schritte der EZB schon längst vorweggenommen haben; entsprechend groß wäre die Enttäuschung, wenn sie zu wenig liefert.

Die Mittel der EZB

Die EZB kann den Wechselkurs über eine Zinssenkung und über Anleihekäufe beeinflussen. Senkt sie den Einlagenzins, wird es für internationale Investoren relativ gesehen attraktiver, ihr Kapital in anderen Währungsräumen mit höheren Renditen anzulegen – was den Euro tendenziell schwächt. In die gleiche Richtung wirkt eine Ausweitung ihrer Käufe von europäischen Anleihen, wodurch sie deren Angebot verknappt und Investoren verstärkt in ausländische Wertpapiere drängt. Zudem senkt sie so die langfristigen Marktzinsen.

Umstritten ist, welches der beiden Instrumente den Wechselkurs stärker beeinflusst. Viele Ökonomen schätzen die Wirkung einer Zinssenkung stärker ein. Allerdings gibt es auch ein sehr markantes Beispiel für den Einfluss von Anleihekäufen. Als der frühere EZB-Präsident Mario Draghi im August 2014 massive Anleihekäufe der EZB in Aussicht stellte, wertete der Euro danach binnen weniger Monate um etwa 20 Prozent gegenüber dem Dollar ab.

Im aktuellen Krisenumfeld spielt der Wechselkurs also für das Erreichen der geldpolitischen Ziele eine besonders wichtige Rolle. Daher geht es bei den nun anstehenden Entscheidungen der EZB auch darum, ihn zu beeinflussen. Auch wenn Notenbanker wie EZB-Chefin Christine Lagarde dies nicht zu deutlich sagen dürfen.

Mehr: „Eine größere Euro-Aufwertung halte ich für nicht tragbar“

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