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Kommentar Die Illusion vom steilen Aufschwung nach der Coronakrise

Der Plan zur Lockerung nach dem Shutdown zeigt: Die neue Normalität wird nicht so sein wie die alte. Ein schneller Aufschwung wie nach der Finanzkrise ist unwahrscheinlich.
07.05.2020 - 17:15 Uhr Kommentieren
Der Konjunkturverlauf in Form des Buchstaben V, den die Bundesregierung und die meisten Konjunkturforscher erhoffen, ist eher unwahrscheinlich geworden. Quelle: dpa
Modegeschäft in Dresden

Der Konjunkturverlauf in Form des Buchstaben V, den die Bundesregierung und die meisten Konjunkturforscher erhoffen, ist eher unwahrscheinlich geworden.

(Foto: dpa)

Die Volkswirtschaften Westeuropas haben ihre strengen Kontaktverbote jetzt gelockert. Schrittweise wird das Leben wieder normaler werden.

Doch die ab jetzt für die nächsten Monate geltenden Regeln in Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien zeigen sehr deutlich: Die neue Normalität wird nicht so sein wie die alte, also die Zeit vor März 2020. Bis ins Jahr 2021 hinein und womöglich darüber hinaus wird die Wirtschaft leiden.

Kontakteinschränkungen nicht nur in Deutschland bleiben bis in den Sommer bestehen, Hotels und Gaststätten werden über vermutlich sehr lange Zeit nur teilweise öffnen können. Und neue regionale Corona-Ausbrüche mit neuen Shutdowns werden die Phase der Unsicherheit verlängern.

Es ist daher wenig realistisch, dass die Rezession, die im April einen Tiefpunkt erreicht hat, mit einem steilen Wiederaufschwung enden wird. Der Konjunkturverlauf in Form des Buchstaben V, den die Bundesregierung und die meisten Konjunkturforscher erhoffen, ist eher unwahrscheinlich geworden. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte bis Ende 2021 kaum wieder das Vor-Corona-Niveau erreichen können.

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    Zum wahrscheinlichen Szenario wird gerade das, was der britische „Economist“ die „90-Prozent-Wirtschaft“ nennt: Das Wirtschaftsleben läuft größtenteils normal, bis auf zehn Prozent, die nicht stattfindende Veranstaltungen, Tourismus, Gastgewerbe und fehlende Zulieferungen aus dem Ausland ausmachen.

    Es lässt sich in China bereits beobachten: Das Leben auf den Straßen und in den Geschäften sieht großenteils normal aus. Die fehlenden zehn Prozent aber bedeuten erhebliche Wertschöpfungs- und Einkommensverluste.

    Zum Vergleich: Die Finanzkrisenrezession war ein kurzfristiger Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 5,7 Prozent im Jahr 2009. Die 90-Prozent-Wirtschaft wäre ein Einbruch um in Friedenszeiten nie da gewesene zehn Prozent – mit der Aussicht, dass das dann erreichte BIP-Niveau nur langsam wieder steigt. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industriestaaten. Ein Horrorszenario.

    Die Politik muss in diesen Abgrund blicken, um in den nächsten Wochen ein wirksames Wachstumspaket zu schnüren. Denn die „neue Normalität“ darf nicht zum Synonym für „große Depression“ werden.

    Da die Pandemie nicht enden kann, bevor es einen Impfstoff gibt, muss das Wachstumspaket langfristig angelegt sein. Es muss sich daher von dem Konjunkturpaket 2009 unterscheiden.

    Mal eben die Autokonjunktur per Abwrackprämie anschieben oder die Gastronomie mit Mehrwertsteuersenkungen: Das wird nicht funktionieren. Und viel Geld ausgeben für wenig wirksame Instrumente, das kann sich auch der im internationalen Vergleich reiche deutsche Staat immer weniger leisten.

    Revolution in der Autobranche

    Die deutsche Autoindustrie ist in einer Strukturkrise, weil der Weltmarkt sich vom Verbrennungsmotor abgewandt hat. Jede Staatshilfe für diese Schlüsselindustrie muss jetzt vor allem den Strukturwandel fördern hin zu neuen Antrieben.

    Dazu gehören auch Ladesäulen überall im Land. Vermutlich dürfte sogar die Nachfrage der Kunden nach Autos – wie in China im April – wieder von allein in Gang kommen: aus Angst der Menschen vor Ansteckung in Bussen und Bahnen. Die gleiche Angst wird auch das Gastgewerbe länger lähmen, wogegen niedrigere Mehrwertsteuern kaum helfen können.

    Wenn sich jetzt die Ökonomen von Wirtschaft und Gewerkschaften, Michael Hüther und Sebastian Dullien, zusammenschließen, um ein langfristig angelegtes Investitionsprogramm zu fordern, sollte die Bundesregierung dies als Anregung aufnehmen. Der Staat sollte jetzt alles nachholen, was er an Investitionen in Infrastrukturen, seine Straßen, Breitbandleitungen und Schulen, im letzten Jahrzehnt versäumt hat. Die Entwicklung neuer Technologien kann ebenfalls einen Schub vertragen.

    Wenn, was wohl trotz Kurzarbeit nicht zu verhindern sein wird, Arbeitsplätze wegfallen, sollte der Staat alles daransetzen, die Fachkräfte-Engpässe in Pflegeberufen, in Kitas und bei Lehrern schnell zu schließen. Die eigene Modernisierung hin zu E-Government ist ebenfalls überfällig, wie es ja auch während des Shutdowns vom Gesundheitswesen bis hin zu den Schulen überdeutlich wurde.

    Den Unternehmen kann der Staat im zweiten Schritt, nach Liquiditätshilfen, Kurzarbeit und jenseits von Technologieförderung, am besten über das Steuersystem helfen: Investitionen in Maschinen sollten schneller abgeschrieben werden können. Und in verlustreichen Zeiten wie diesen sind Verlustrückträge und Verlustvorträge die wirksamsten Liquiditätshilfen.

    Der Blick nur aufs Inland wird aber nicht reichen: Wenn die Bundesregierung es in ihrer EU-Ratspräsidentschaft nicht schafft, auch für die EU ein Wachstumsprogramm anzustoßen, wird auch die deutsche Industrie nicht aus der Krise kommen: Ohne Zulieferungen und Kunden aus Italien und anderen EU-Staaten wird der Aufschwung ausbleiben.

    Mehr: Keine schnelle Rückkehr zu alten Produktionsniveaus: Wirtschaft fürchtet Corona-Folgen bis Ende 2021

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