Kommentar: Die Warnung von Herbert Diess vor einem Stellenabbau kommt gerade rechtzeitig
Europas größter Autobauer ist nicht produktiv genug.
Foto: dpaEs ist kein Geheimnis, dass Volkswagen Defizite bei der Produktivität hat. Dass VW-Chef Herbert Diess den Aufsichtsrat damit konfrontiert und aufgezeigt hat, was nötig wäre, um die Defizite auszuräumen, ist die Kernaufgabe eines CEO. Dass aber große Teile des Aufsichtsrats derart empört auf seine zugegeben radikale Lösung reagierten, zeugt von Realitätsverweigerung.
VW hinkt in Sachen Personalkostenquote und der Wertschöpfung pro Mitarbeiter gegenüber Konkurrenten wie BMW, Daimler oder Toyota seit Jahren hinterher. Nimmt man nur die VW-Kernmarke, sieht es noch dramatischer aus. Im vergangenen Jahr konnte VW mit dem Verkauf von Golf, Passat oder Tiguan gerade so die Kosten wieder reinholen. Die Gewinnmarge lag nahe null Prozent. Symptomatisch ist auch, dass Volkswagen jedes Jahr nur etwas mehr für Forschung und Entwicklung ausgibt als für allgemeine Verwaltungskosten.
Wenn Tesla unweit von Wolfsburg nun seine Fabrik eröffnet, werden die VW-Baustellen einmal mehr sichtbar. Der US-Autobauer wird in Grünheide mit deutlich weniger Personal fast genauso viele Fahrzeuge pro Jahr produzieren können wie Volkswagen in seinem Stammwerk in Wolfsburg, der Autostadt, auf die der Konzern so stolz ist.
Man wird den Eindruck nicht los, dass viele im Aufsichtsrat von Volkswagen noch immer in Jahrzehnten, bestenfalls in Modellzyklen denken. Doch die neue Autowelt, in der die Elektromobilität und die Software die entscheidenden Rollen spielen werden, ist agiler und interessiert sich nicht für Traditionen.
Die Entwicklungszyklen verkürzen sich dramatisch. Kein Kunde wird sechs Jahre warten, bis Volkswagen konkurrenzfähige Elektroautos und Betriebssysteme anbietet, wenn die Konkurrenz beides bereits im Angebot hat oder damit in wenigen Jahren auf den Markt kommt.
Es ist daher richtig, dass Diess gegenüber den Arbeitnehmervertretern, der Familie und dem Land Niedersachsen Druck aufbaut. Verwunderlich ist allerdings, dass er es erst jetzt tut. Die bekannten Probleme hätte der VW-Chef schon vor Jahren angehen müssen. Und über die Art und Weise, wie Tesla Autos baut, dürften die Führungsgremien in Wolfsburg längst bestens informiert sein.
Die Transformation Richtung Elektromobilität und Software ist nicht über Nacht gekommen. Vielmehr scheinen Betriebsräte und große Teile des Managements der eigenen Elektrostrategie nicht geglaubt zu haben. Wie sonst erklärt sich, dass die Autos, die über die Zukunft von VW entscheiden, nicht in der „Hauptstadt“ Wolfsburg, sondern in Emden, Zwickau und Hannover gebaut werden.
Erst jetzt scheinen auch die Arbeitnehmervertreter erkannt zu haben, dass die Elektromobilität die Zukunft und der Verbrennungsmotor ein Geschäftsmodell mit Verfallsdatum ist. Jetzt sollen auf einmal so schnell wie möglich neben Golf und Tiguan auch ID-Elektroautos von VW in den Werken von Wolfsburg gebaut werden.
Überrumpelter Aufsichtsrat
VW muss die fast schon legendäre interne Politik an die Marktveränderungen anpassen. Noch immer protzen Manager des Konzerns gern mit der eigenen Größe. An den zehn Millionen Autos, die jährlich produziert werden, käme keiner vorbei. Für Zulieferer sei die schiere Menge an Fahrzeugen einfach zu verlockend. Kurzum: Noch immer denken viele im Volkswagen-Reich, Herr der Lage zu sein und den Markt zu kontrollieren.
Diess versucht, diese Illusion aus den Köpfen herauszubekommen. Dabei geht er radikal, bisweilen aber auch ungeschickt vor. Er ist zu provokativ in den falschen Momenten. Er nervt viele langjährige VW-Manager mit seiner Tesla-Manie. Und auch wenn er die Gefahr, die die Transformation der Autoindustrie für Volkswagen bedeuten könnte, richtig erkannt hat, trifft er nicht immer den richtigen Ton. Die zahleichen Einflussnehmer bei VW, bestehend aus Arbeitnehmervertretern, Familie und Politik, fühlen sich erpresst und überrumpelt. Diess will gern wie Tesla, aber er darf nur VW sein.
Theoretisch gäbe es eine Möglichkeit, den Standort Wolfsburg aufzuwerten. Denkbar wäre es beispielsweise, mehrere VW-Marken im Stammwerk zu vereinen. Die Elektromodelle von VW, Skoda, Seat und Audi beruhen alle auf der MEB-Plattform. Auf den Produktionslinien in Wolfsburg könnten neben den IDs von VW auch der Enyaq von Skoda, der El-born von Seat und der Q4 e-tron von Audi produziert werden.
Mit diesen Modellen dürften die Produktionskapazitäten des Stammwerks gut ausgelastet werden – und könnte Wolfsburg wirklich zur „Hauptstadt“ des Markenkonglomerats Volkswagen werden.