Kommentar: Bei zwei Bedingungen kommt Europa ohne russisches Gas aus

Es gehört zu den Widersprüchen der europäischen Politik, Russlands Präsident Wladimir Putin im Ukrainekrieg zur Umkehr zu drängen und ihm gleichzeitig die Kriegskasse zu füllen. Dieser Widerspruch gehört aufgelöst. Darum ist es richtig, dass die Europäer künftig kein russisches Erdgas mehr importieren wollen.
Schon in den vergangenen drei Jahren hatten die Europäer erheblichen Aufwand betreiben müssen, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Es wurden neue Bezugsquellen erschlossen, die Importinfrastruktur für verflüssigtes Erdgas (LNG) ausgebaut. Deutschland spielte dabei eine Schlüsselrolle.
Die Produzenten von LNG reagieren. Sie stellen sich auf eine höhere Nachfrage aus Europa ein und bauen ihre Produktion aus. Das kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, das Preisniveau erträglich zu halten.
Der Illusion, man könne Erdgas innerhalb der nächsten Dekade überflüssig machen, darf man sich dagegen nicht hingeben. Aus dieser Erkenntnis müssen die Europäer zwei Schlüsse ziehen.
Langfristige Verträge sind unerlässlich
Erstens: Wenn sie von LNG-Lieferanten als Vertragspartner ernst genommen werden wollen, müssen sie dazu bereit sein, Verträge mit langen Laufzeiten einzugehen. Selbst in der akuten Gasversorgungskrise des Jahres 2022 hatten sich insbesondere die Deutschen unter Verweis auf die Klimaschutzziele schwergetan, sich langfristig an LNG zu binden.
Zweitens: Die Europäer müssen aus Gründen des Klimaschutzes ein hohes Interesse daran haben, Alternativen zum Erdgas zu entwickeln. Dabei steht klimaneutraler Wasserstoff an erster Stelle. Er soll schon in einigen Jahren Back-up-Kraftwerke befeuern, er soll der Stahl- und der Chemieindustrie sowie dem Flug- und dem Schiffsverkehr den Weg zur Klimaneutralität ebnen.
Wasserstoff wird das neue Erdgas
Die Europäer werden den größten Teil des Wasserstoffs, den sie benötigen, importieren müssen. Wasserstoff ist somit das neue Erdgas.
Doch die Europäer tun alles, um seine Herstellung zu erschweren. Sie knüpfen die Produktion von grünem Wasserstoff an aberwitzige Bedingungen, die auch die Produzenten im nicht-europäischen Ausland erfüllen sollen. Viele Produzenten winken ab. Sie stellen den grünen Wasserstoff so her, wie sie es für effizient und günstig halten. Sie werden in Japan und China dankbare Abnehmer finden.
Erdgas wird als Brückentechnologie noch über viele Jahre gebraucht. Damit aber diese Brücke nicht unendlich lang wird, müssen die Europäer beim Wasserstoff pragmatischer werden. Dann haben sie die Chance, den Importstopp für russisches Erdgas ohne größere Blessuren zu überstehen.
Erstpublikation: 16.06.2025, 12:29 Uhr.