Kommentar: EZB-Stimmung ist ein persönliches Misstrauensvotum für Lagarde

„Eine Kultur der Angst und Unsicherheit“ – mit dieser harschen Diagnose der Arbeitsverhältnisse in der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Personalvertretung IPSO – zumindest in dieser Pauschalität – wohl etwas übertrieben. Dennoch sind die Ergebnisse der aktuellen Mitarbeiterbefragung ernst zu nehmen.
Offenbar fühlt sich eine nicht unerhebliche Minderheit der Notenbanker abgehängt, übergangen, respektlos behandelt, verunsichert, frustriert. Christine Lagarde muss die Umfrage auch als persönliches Misstrauensvotum verstehen: In hoher dreistelliger Zahl entziehen die Mitarbeiter der EZB-Präsidentin das Vertrauen.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Fünftel der Beschäftigten ist befristet angestellt. Das hält sie davon ab, Probleme anzusprechen oder Vorgesetzte zu kritisieren. Nicht wenige der übrigen 80 Prozent sehen kaum Aufstiegschancen. Das kratzt an ihrem Selbstverständnis, in einem elitären Kreis Gleichgesinnter im Dienste Europas Karriere zu machen.
Dazu kommen Anekdoten über mangelnde Wertschätzung. Ein abfälliger Kommentar Lagardes über die Modellverliebtheit von Ökonomen genügte, um es sich mit den stolzen Volkswirten ihres Stabs zu verscherzen. EZB-Direktor Frank Elderson musste Abbitte leisten, weil er sich über Beschäftigte mokiert hatte, die mit der Klimaschutzagenda der Notenbank fremdeln. Dabei ist die nicht nur intern umstritten.