Kommentar: Fresenius: Gewinnwarnungen kann sich der Konzern auf längere Sicht nicht leisten

Der ehemalige Siemens-Manager führt den Gesundheitskonzern als Vorstandsvorsitzender seit Oktober vergangenen Jahres.
Foto: IMAGO/sepp spieglMichael Sen hat im ersten Jahr als Vorstandsvorsitzender von Fresenius so viel verändert wie keiner seiner Vorgänger. Ganz oben stand dabei die Entflechtung der Konzerntochter Fresenius Medical (FMC), die in den letzten Jahren für Gewinneinbrüche gesorgt hatte.
Allerdings war auch die Notwenigkeit zu handeln nie so groß: Der Gesundheitskonzern, der lange als große Erfolgsstory galt, hatte zwei Jahre mit kräftigen Gewinnrückgängen erlebt.
Außerdem war der Dax-Konzern in der Komplexität einer doppelten KGaA-Struktur gefangen: Fresenius hielt die Kontrolle über FMC und wird selbst von einer Stiftung kontrolliert. Ein weiteres Problem war und ist die hohe Verschuldung. Die steigenden Kapitalmarktzinsen schränken den Handlungsspielraum für neue Wachstumsinitiativen stark ein.
Mit seiner Konzentration auf mehr Effizienz und Profitabilität und der Entwicklung neuer Wachstumsfelder in der Medikamentensparte Kabi hat Sen nun richtige Weichen gestellt. Auch die Trennung von Randaktivitäten wie den Kinderwunschkliniken oder der Digitaltochter Curalie, für deren kraftvolle Weiterentwicklung Fresenius nicht nur das Geld fehlt, zahlt auf die Neuausrichtung ein.
Die Konzentration auf die beiden operativen Kerngeschäftsfelder Kabi und die Kliniksparte Helios schließlich ist internationalen Investoren auch viel besser zu vermitteln als die Perspektiven eines verschachtelten Konglomerats.
Investoren haben die Botschaft verstanden
So weit die positive Seite. Auch das unbestrittene Talent Michael Sens, die Neuausrichtung unter dem programmatischen Namen #FutureFresenius öffentlichkeitswirksam zu bewerben, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es nach wie vor zentrale Probleme zu lösen gilt: etwa bei der Dienstleistungstochter Vamed, die wegen risikoreicher Bauprojekte in die Verlustzone geraten war und angesichts der vielen Wertberichtigungen und Rückstellungen längst als Bad Bank des Unternehmens gilt.
Nicht zuletzt steht auch noch der Beweis aus, dass die Geschäftsfelder der neuen Fresenius auch weiterhin steigende Gewinne abwerfen. Denn Fresenius braucht Liquidität, um die Schulden abzubauen. Zumal der Verkauf der Anteile an der Dialysetochter FMC für Fresenius-Chef Sen erst mal kein Thema ist.
2024 wird also zum entscheidenden Jahr für Sen. Dann muss sich zeigen, ob der eingeschlagene Weg auch die versprochenen Ergebnisse bringt oder zumindest die klare Aussicht darauf. Denn: Die Märkte sind nachtragend. Gewinnwarnungen kann sich der Konzern auf längere Sicht nicht leisten.