Kommentar: Julian Assange – kein Held, bestenfalls ein Hasardeur

Im Radio, im Fernsehen und in vielen deutschen Zeitungen wird dieser Tage eine Heldengeschichte erzählt. Sie handelt von einem Mann, der aufopferungsvoll für die Freiheit kämpft. Von einem Unbeugsamen, der sich mit einem Imperium angelegt hat, der „dem Glutkern der Macht zu nahe gekommen ist“ und der einen furchtbaren Preis dafür zahlen muss.
Nein, gemeint sind nicht Nachrufe auf den russischen Demokratie-Aktivisten Alexei Nawalny. Die Rede ist von Beiträgen über Julian Assange, dem Gründer und Frontmann der Enthüllungsplattform Wikileaks. Ein „politischer Gefangener“ sei der Australier, behaupten seine Anhänger in den Medien, einer, der „für die Wahrheit seine Freiheit opferte“.
Zu den Fakten: Assange wehrt sich in London gegen eine Auslieferung in die USA, wo ihm auf Grundlage eines Antispionagegesetzes der Prozess gemacht werden soll. Ein Urteil hat das britische Gericht am Mittwochabend verschoben.
In dem Fall geht es um mehr als 250.000 Kabelberichte und andere vertrauliche Dokumente aus dem US-Außenministerium, darunter Belege für Verbrechen im Krieg gegen den Terror.
Das Vorgehen der US-Justiz ist hochproblematisch. Nicht nur, weil Assange eine drakonische Strafte droht: 175 Jahre Gefängnis. Sondern vor allem deshalb, weil das Verfahren juristisch zu einem Dammbruch werden könnte. Denn die Vorwürfe gegen Assange ließen auch auf Reporter etablierter Medienhäuser übertragen, die gestützt auf die Geheiminformationen über amerikanische Kriegsgräuel berichteten. Das wäre ein schwerer Schlag gegen den investigativen Journalismus.
Aber: Die presserechtliche Relevanz seines Falls macht Julian Assange nicht zum Helden. Assange ist kein Freiheitskämpfer, Vergleiche mit Navalny, wie sie einige seiner Unterstützer ziehen, sind geradezu infam. Assange ist auch kein Journalist, jedenfalls keiner mit professionellem Ethos. Bestenfalls ist er ein Hasardeur.
Assange entfernte sich von freiheitlichen Idealen
Die mediale Aufbereitung der Kabelberichte genügte ihm nicht, er entschied, einige der Geheimdokumente unbearbeitet ins Internet zu stellen, mitsamt der Namen von Informanten der US-Regierung, etwa in Afghanistan.
Damit erklärte er Menschen, die nichts mit Gewalttaten amerikanischer Truppen zu tun hatten, faktisch für vogelfrei. Kaum waren die Papiere aufrufbar, begannen die Racheakte der Taliban. Spätestens hier sollte die Wikileaks-Glorifizierung enden.
In den vergangenen Jahren haben sich die Plattform und ihr Gründer immer weiter von den freiheitlichen Idealen entfernt, als deren Hüter sie sich bis heute ausgeben. Assange und sein Team ließen sich vom Kreml instrumentalisieren, 2016 spielten sie eine zentrale Rolle beim Wahlsieg Donald Trumps gegen Hillary Clinton, wie im Abschlussbericht des amerikanischen Sonderermittlers Robert Mueller zur Russlandaffäre nachzulesen ist. Zur gleichen Zeit weigerte sich Wikileaks, Informationen über die Aktivitäten des russischen Militärs und russischer Geheimdienste in der Ukraine zu veröffentlichen.
Der Einsatz von Wikileaks für Transparenz endet dort, wo sie mit der politischen Agenda ihres Gründers kollidiert. Assanges Russland-Connection reicht zurück bis ins Jahr 2012, als er auf dem russischen Propaganda-Kanal RT eine eigene Show moderierte.
Das bedeutet nicht, dass Assange es verdient hätte, von der US-Justiz als Verräter verfolgt zu werden. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist nicht strafbar, ein nützlicher Idiot für Autokraten zu sein. Aber es bedeutet, dass es keinen Anlass für die Hagiografien gibt, die derzeit die Medien fluten. Ein großer Teil der Berichterstattung über Assange lässt jede kritische Distanz vermissen. Auch das – im Übrigen – ist eine Gefahr für den Journalismus.