Kommentar: Angebot von Schaeffler für Vitesco kommt spät, ist aber sinnvoll

Der Autozulieferer Schaeffler will mit der Übernahme des Antriebsspezialisten Vitesco einen Spezialisten für Elektromobilität formen.
Foto: dpaWohl kein Bereich in der Zuliefererindustrie steckt in einer derart harten Transformation wie die Antriebsbranche. Das Kerngeschäft dieser Zulieferer, der Verbrennungsmotor, schrumpft und wird durch die Elektromobilität abgelöst. Die Unternehmen müssen das fossile Antriebsgeschäft konsolidieren und gleichzeitig mit den zurückgehenden Einnahmen den Aufbau des Elektrogeschäfts finanzieren.
Um diese Herausforderung stemmen zu können, sind zwei Voraussetzungen nötig: Größe und Aufträge. Mit der Übernahme von Vitesco erreicht Schaeffler genau das. Allerdings kommt die Entscheidung reichlich spät.
Schon in Planungsphase von Vitescos Abspaltung von Continental vor rund drei Jahren waren viele in der Branche verwundert, warum Schaeffler nicht direkt die Mehrheit an Vitesco übernommen hatte. Das Unternehmen war bereits 2020 in der Elektromobilität besser aufgestellt als Schaeffler.
Der Mix aus sich ergänzenden und überlappenden Produkten versprach auch schon damals großes Wachstumspotenzial. Bei den Arbeitnehmervertretern von Vitesco gab es durchaus Sympathien für dieses Szenario.
Vitesco verfügt in der Elektromobilität über Aufträge im zweistelligen Milliardenbereich. Schaeffler dagegen ist bei der Transformation spät dran und nach wie vor stark vom Verbrenner-Geschäft abhängig. Bei den Elektro-Aufträgen hinkt Schaeffler großen Konkurrenten wie Bosch, ZF oder Valeo deutlich hinterher.
Schaeffler hätte Vitesco günstiger übernehmen können
Mithilfe der Übernahme von Vitesco verpasst sich der Transformationsnachzügler nun eine Frischzellenkur. Man könnte auch sagen, dass sich Schaeffler eine bessere Position in der Transformation erkauft.
Hätte Schaeffler allerdings bereits 2020 eine Übernahme in Erwägung gezogen, das Familienunternehmen hätte eine Menge Geld sparen können – vor allem auch mit Blick auf die damals deutlich günstigeren Finanzierungskonditionen.
Die mögliche Vitesco-Übernahme durch Schaeffler ähnelt in Teilen der Hella-Übernahme durch Faurecia im Jahre 2021. Der französische Autozulieferer war mit Blick auf die Transformation der Branche im Gegensatz zu Hella schwach aufgestellt und konnte dank der Übernahme verlorene Jahre aufholen.
Von Hella in seiner ursprünglichen Form ist allerdings kaum noch etwas übriggeblieben. Ein Statthalter in Lippstadt setze lediglich die vorgegebene Strategie aus Paris um, heißt es aus Industriekreisen. Ein ähnliches Schicksal könnte nun auch Vitesco drohen.
Ein Jahr bleibt Vitesco noch. Bis Ende 2024 will Schaeffler die Übernahme durchziehen. Danach dürfte Vitesco Geschichte sein.
Erstpublikation: 09.10.2023, 16:25 Uhr.