Leserdebatte: Was folgt auf die Wahl in der Türkei?
Der neue und alte Präsident der Türkei hat sich in der Stichwahl gegen seinen Kontrahenten durchgesetzt.
Foto: ReutersÜberrascht waren die wenigsten Handelsblatt-Leserinnen und -Leser vom Ergebnis der Stichwahl in der Türkei. „Gerechnet hatte ich mit dem Ergebnis, erhofft habe ich mir ein anderes“, schreibt etwa ein Leser. Recep Tayyip Erdogan hatte sich am Sonntag mit 52,14 Prozent der Stimmen gegen den Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu durchgesetzt. Damit bleibt er weitere fünf Jahre türkischer Präsident.
Dabei war ein Leser durchaus überrascht davon, dass die Wahl „nicht noch deutlicher für Erdogan ausgefallen ist“. Eine andere Leserin meint: „Dass es überhaupt zu einer Stichwahl kommen musste, war eine Klatsche für Erdogan und zeigt, wie zutiefst gespalten das türkische Volk ist, das Erdogans totalitäre Politik ablehnt und schwer leidet unter der hohen Inflation und den gewaltigen wirtschaftlichen Problemen des Landes.“
Allerdings gibt es auch deutlich zynischere Blicke auf die Wahl, so schreibt ein anderer Leser: „Ein Autokrat lässt sich nicht abwählen. Und Erdogan schon gar nicht.“
Geholfen habe dem alten und neuen türkischen Präsidenten „seine Kontrolle der Medien“, meinen einige Leser. Und ein weiterer Leser schreibt: „Letztendlich war die Alternative auch nicht überzeugend.“
Mit Blick auf die kommenden fünf Jahre vermuten einige aus der Handelsblatt-Leserschaft, dass es so weitergehen wird wie bisher und dass Erdogan seinen konservativen bis autoritären Kurs fortsetzen wird. Ein Leser fürchtet, dass die Türkei im Stillstand verharren wird oder ihr gar ein Rückschritt droht.
Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft auch gefragt, was die Wiederwahl für die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland beziehungsweise der EU bedeutet. Darauf antwortet ein Leser: „Deutschland und Europa brauchen die Türkei bei den Flüchtlingsthemen, in der Nato, als Vermittler für Russland und zur Diversifizierung der Lieferketten.“ Eine starke Bindung an den Westen auf Basis eines fairen Interessenausgleichs würde aus seiner Sicht das Abdriften der Türkei in eine Diktatur verhindern.
Es gibt aber auch die konträre Ansicht, dass sich die EU und Deutschland jetzt mit einer „Klaren-Kante-Politik“ positionieren sollten, um nicht zum Spielball zu werden.
Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Letztendlich war die Alternative auch nicht überzeugend
„Meine türkischen Kollegen hatten lange die Hoffnung auf einen Regierungswechsel, die Meinungsumfragen haben jedoch zunehmend skeptisch gemacht.
Letztendlich war die Alternative auch nicht überzeugend. Nur auf die Wechselstimmung zu setzen reicht nicht. Man übersieht leicht, dass die Türkei eine große Landbevölkerung besitzt, die sich am liebsten einer starken Führung anvertraut.
Deutschland und Europa brauchen die Türkei bei den Flüchtlingsthemen, in der Nato, als Vermittler für Russland und zur Diversifizierung der Lieferketten.
Die Türkei wird zwar mit jeder Wahl mehr eine Autokratie, aber lange noch nicht so extrem wie China und Russland. Eine starke Bindung an den Westen auf Basis eines fairen Interessenausgleichs verhindert das Abdriften der Türkei in eine Diktatur.“
Friedrich Curtius
Schon die Stichwahl an sich war eine Klatsche für Erdogan
„Dass es überhaupt zu einer Stichwahl kommen musste, war eine Klatsche für Erdogan und zeigt, wie zutiefst gespalten das türkische Volk ist, das Erdogans totalitäre Politik ablehnt und schwer leidet unter der hohen Inflation und den gewaltigen wirtschaftlichen Problemen des Landes.
Dass Erdogan die Stichwahl gewinnen würde, war klar, zumal sein Herausforderer Kilicdaroglu in den 14 Tagen bis zur Wahl rechtsextrem zu punkten versuchte und der Fünf-Prozent-Kandidat aus dem ersten Urnengang öffentlich Erdogan unterstützte.
Thema EU: Biden nutzt die Gunst der Stunde und gewährt Erdogan den seit Langem gewünschten Kauf der US-Fighter – im Gegenzug muss dieser seine Blockadehaltung gegen Schwedens Nato-Aufnahme aufgeben.“
Barbara Schmidt
Wenig verwunderlich
„Wenig verwunderlich ist die Wiederwahl von Recep Tayyip Erdogan in der Türkei, dennoch aber das knappe Ergebnis, weshalb man (wider Erwarten) nicht von Wahlbetrug reden kann, denn sonst wäre das Ergebnis deutlich höher pro Erdogan ausgefallen.
Als sicher kann jedoch gelten, dass seine Kontrolle der Medien zu seinem Wahlsieg geholfen hat, denn wären die Wahlkampfmöglichkeiten beider Seiten gleich gewesen, wie es auch sein sollte, wenn man von Demokratie und Wählerwillen redet, hätte der Herausforderer klar gewonnen.
Nun dürfte sich die Autokratisierung der Türkei fortsetzen und somit die zunehmende antiwestliche Ausrichtung. Schade und sehr gefährlich, nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für die ganze Region und den Rest der Welt.“
Frank Lang
„Klare-Kante-Politik“ gegen die Türkei
„Gerechnet hatte ich mit dem Ergebnis, erhofft habe ich mir ein anderes.
Unter der neuen/alten Regierung wird die Türkei ihren autoritären Kurs fortsetzen und Andersdenkende im Land noch stärker drangsalieren.
Deutschland und die EU bleiben ein Spielball der Türkei, welche den Syrien-Flüchtlingsdeal und ihre Vermittlerrolle auch im Getreidedeal zwischen der Ukraine und Russland zu ihren Gunsten rigoros einsetzen wird, um ihren Forderungen (Zahlungen, EU-Beitritt, Nato-Mitgliedschaft von Schweden etc.) Nachdruck zu verleihen. Die EU und Deutschland sind mit einer ‚Klaren-Kante-Politik‘ gegenüber der Türkei gefordert!“
Stefan Zessner
Ein Autokrat lässt sich nicht abwählen
„Die türkischen Wahlen waren alles andere als fair. Und ja, ich habe mit Erdogans Wiederwahl gerechnet. Egal wie, er wäre wiedergewählt worden. Erdogan ist nicht zu trauen.
Ob die Wahl wirklich transparent und unabhängig abgelaufen ist, bezweifle ich. Ein Autokrat lässt sich nicht abwählen. Und Erdogan schon gar nicht.“
Klaus Fuchs
Es bleibt die Hoffnung
„In einem autoritären Staat ist es schwierig, eine Wahl zu gewinnen, dazu fehlten der Opposition die Möglichkeiten, über entsprechende Medien mit starken Argumenten in Stellung zu gehen. Der Bevölkerung in der Türkei geht es offenbar noch nicht schlecht genug, um sich deutlich von Erdogan distanzieren zu können.
Somit bleibt nur die Hoffnung, dass sich in den fünf Jahren ein Widerstand erhebt, der Erdogan vorher zu Fall bringt. Ich hatte nicht mit einem Sieg der Opposition gerechnet.“
Ingo Voth
Es wird so weitergehen wie bisher
„Bei der Stichwahl hatte ich auf jeden Fall mit Erdogans Wiederwahl gerechnet, hier bin ich eher überrascht, dass sie nicht noch deutlicher für Erdogan ausgefallen ist. Auch bei der ersten Wahl hätte ich eher auf ihn gewettet. Die ländliche Türkei ist nach wie vor stockkonservativ, und Erdogan hat vor allem in den Erdbebenregionen zahlreiche (Wahl-)Geschenke verteilt.
Es wird so weitergehen wie bisher: Erdogan wird innenpolitisch weiterhin seinen konservativen Kurs fahren (interessiert ja außerhalb der Türkei keinen wirklich), gegenüber Russland wird er sich weiterhin neutral verhalten (was auch gut ist), und wirtschaftspolitisch wird er sich noch opportunistischer verhalten als bisher.
Was bedeutet die Wiederwahl für die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland sowie der EU? Man kann eigentlich nur Deals mit ihm machen, eine bilaterale Politik auf Vertrauensbasis wird mit dieser Türkei immer weniger möglich.“
Simon Barth
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Mit zweifelhaften Versprechen gewonnen
„Nachdem Recep Tayyip Erdogan den alten politischen Schachzug eingesetzt hat: das versprechen, worunter die jeweilige Community am meisten leidet. Für die Menschen im Erdbebengebiet neue Häuser, egal, wie realistisch das ist!
Für die Deutschtürken Identität, was größtenteils auf dem nachvollziehbaren Gefühl des Nichtdazugehörens fußt; also einer Schwäche deutscher Integrationspolitik. Dieses Gefühl wurde – für Erdogan rechtzeitig – durch die aktuelle Debatte um die Staatsbürgerschaft nochmals befeuert. Erdogan kann sich bei den Rechten und stramm Konservativen für die Wahlhilfe bedanken; vielleicht mit entsprechenden Parteispenden?“
Rolf Rimbach
Erdogan ist ein Auslaufmodell
„Erdogan ist ein Auslaufmodell. Mangels Alternativen haben sich die Türken noch einmal für das bewährte Übel entschieden. Die Türkei ist und bleibt im Würgegriff des Machtmissbrauchs und der Knüppelpolizei.
Ja, ich hatte gehofft, dass er abgelöst wird. Sein Kontrahent versprühte jedoch so viel Schwäche, dass ich massive Unruhen im Volk befürchtet habe. Was der Hebel für die Stimmempfehlung der über fünf Prozent des Drittplatzierten war, der zum Sieg Erdogans führte, kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich Angst vor Erdogans Schergen in der Justiz.
In den Beziehungen zu Deutschland und zur EU sehe ich keine Veränderungen. Der Nato wird Erdogan einiges abfordern, um Schwedens Beitritt zuzustimmen.“
Jannis Vassilatos
Eine absolute Katastrophe
„Die Wiederwahl Erdogans ist eine absolute Katastrophe. Sie zeigt, wie so oft, dass der, der die Medien kontrolliert, auch Wahlen gewinnt.
Für Europa muss klar sein, dass die Türkei für Europa kein Thema mehr sein kann. Unverständlich ist, dass so ein regiertes Land in der Nato ist.“
Manfred Sachsenmaier
Die Zusammenarbeit mit der EU bleibt eine „Muss-Partnerschaft“
„Ja, leider hatte ich mit der Wiederwahl Erdogans gerechnet, auch wenn die Hoffnung auf einer Abwahl lag. Wegen der verfügbaren Informationen war die Wahl aus meiner Sicht nicht wirklich korrekt, da dem Kontrahenten die Möglichkeit der Darstellung über die türkischen Medien stark eingeschränkt wurde.
Erdogan wird den bisherigen Kurs weiterführen und damit die Türkei im Stillstand oder Rückschritt halten. Die Zusammenarbeit mit der EU wird eine ‚Muss-Partnerschaft‘ bleiben. Aus dieser wird nichts entstehen, was die EU positiv nach vorn bringt.
Am meisten schockiert bin ich über die Türken in Deutschland. Wie kann ich den, in der Türkei lebenden Verwandten und Mitbürgern ein Leben in einer Quasidiktatur aufzwingen und selbst die Vorzüge der Demokratie in Deutschland in Anspruch nehmen? Wenn die demokratische Form des Miteinanders in Deutschland nicht die richtige für unsere türkischen Mitbürger ist, sollten diese überlegen, ob Deutschland die richtige Wahlheimat für sie ist.“
Tony May
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Mehr: In der vergangenen Woche debattierte die Handelsblatt-Leserschaft, wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck aus seinem Umfragetief herauskommen kann.