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Pro und Contra Innovationsschritt oder Ablenkungsmanöver: Sollte es in Deutschland ein Tempolimit geben?

Die Autobranche hat ihren Widerstand so gut wie aufgegeben, aber das Thema spaltet Politik und Gesellschaft: Brauchen wir ein Tempolimit auf Autobahnen? Zwei Meinungen. 
07.07.2021 - 14:36 Uhr Kommentieren
Kaum etwas anderes wird in Deutschland so lange, so emotional diskutiert.  Quelle: AP
Höchstgeschwindigkeit

Kaum etwas anderes wird in Deutschland so lange, so emotional diskutiert. 

(Foto: AP)

Pro: Eine moderne Gesellschaft braucht ein Tempolimit

von Catrin Bialek

Die Debatte um ein Tempolimit in Deutschland hat Symbolkraft. Die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen wird vermutlich weder die Zahl der Verkehrstoten drastisch nach unten treiben, noch wird sie das Weltklima deutlich verbessern. Aber ein Bekenntnis zu einem verantwortungsvollen Fahren, das die Kraft eines Fahrzeugs nicht bis zum Äußersten ausreizt, würde ein wichtiges positives Zeichen für eine moderne Gesellschaft setzen.

Denn die Zukunft der Fortbewegung auf den Straßen heißt nicht Verbrennermotor und Geschwindigkeitsrausch, sondern E-Mobilität und autonomes Fahren. Wenn die Vision einer maschinengesteuerten Mobilität eines Tages Wirklichkeit werden soll auf deutschen Straßen, braucht es spätestens dann eine Geschwindigkeitsbegrenzung.

Gibt es ein solches Limit nicht, werden Autos niemals allein abschätzen können, ob beispielsweise ein Wechsel auf eine linke Fahrspur gefahrlos möglich ist, wenn auch nicht autonome Fahrzeuge auf der Straße sind und noch keine vollständige Car-to-Car-Kommunikation möglich ist. Ein Tempolimit wäre daher nicht nur ein Signal für eine umweltfreundlichere, sondern auch für eine innovative Wirtschaft.

Es gibt zudem ein starkes moralisches Argument: In Deutschland kann – als einzigem Staat in Europa – auf rund 70 Prozent der Autobahnen gerast werden. Zwölf Prozent der Verkehrstoten lassen auf diesen Straßen ihr Leben.

Kritiker eines Tempolimits führen gern die – statistisch betrachtet – deutlich gefährlicheren Landstraßen an und relativieren damit die Todesgefahr jenseits des Tempolimits. Doch halten wir fest: Auch nur ein einziger Toter weniger auf den Autobahnen, verursacht durch einen Raser, würde die Einführung einer Begrenzung doch schon begrüßenswert machen.

>> Lesen Sie hier: Tempo 130 nach der Wahl? Volkswagen, BMW und Daimler rechnen schon mit einem Tempolimit

Und auch der Klimaeffekt ist nicht ganz zu negieren. Tempolimitgegner führen gern Zahlen an, um den Effekt einer Geschwindigkeitsbegrenzung kleinzureden. Tatsächlich würden bei einem Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen rund zwei Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart werden. Das sind umgerechnet nur rund zwei Prozent des Pkw-Verkehrs.

Es ist ein kleiner Klimaeffekt, zugegeben, vergleichbar klein wie der Griff zum Jutebeutel anstelle von Plastiktüten. Oder die Fahrt mit dem Rad anstelle des Busses. Addiert aber ergibt sich daraus ein großer Nachhaltigkeitseffekt.

Dass Deutschland bisher kein Tempolimit hat, ist auf die mächtige Autoindustrie zurückzuführen. Wenn die Autoproduktion das wirtschaftliche Herz des Landes ist, dann könnten die Autobahnen die dazugehörigen Blutbahnen sein. Aus Marketingsicht passte die „Freie Fahrt“-Losung zum Autoland Deutschland.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Zu einer modernen, innovativen Gesellschaft passt ein verantwortungsvolles Fahren – mit einem Tempolimit.


Contra: Die Diskussion über das Tempolimit schadet dem Klima mehr, als dass sie ihm nutzt

von Kathrin Witsch

Wer Deutschland bei der Diskussion über das Tempolimit zuhört, könnte meinen, dass dieses Thema für den Kampf gegen den Klimawandel fast schon kriegsentscheidend ist. Dabei wird hier etwas zum Wahlkampfthema gemacht, was dermaßen am Kern der Sache vorbeigeht, dass es schon fast lächerlich ist.

Ja, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen würde (bei einem Limit von 130 Stundenkilometern) für 1,9 Millionen Tonnen weniger CO2-Äquivalente sorgen. Bei einem Gesamtwert von rund 809 Millionen Tonnen, die Deutschland 2019 ohne den Corona-Dämpfer verursacht hat, ist dieser Effekt allerdings verschwindend gering. Um ganz genau zu sein: Wir streiten hier um 0,23 Prozent des gesamten deutschen Ausstoßes.

Auf etwa einem Drittel der deutschen Autobahnen gibt es außerdem bereits dauerhafte Höchstgeschwindigkeiten. Dazu kommen zeitweise beschränkte Abschnitte, zum Beispiel durch Baustellen, Regen oder Nebel. De facto herrscht auf 40 bis 45 Prozent aller deutschen Autobahnen doch schon ein Tempolimit.

Anstatt sich also im Klein-Klein zu verlieren, sollten endlich die wirklich wichtigen Themen im Verkehrssektor angegangen werden: der vernachlässigte Ausbau des Schienennetzes, die Überarbeitung des heruntergekommenen öffentlichen Verkehrssystems, die Förderung autofreier Innenstädte und damit einhergehende fahrradfreundlichere Metropolen.

>> Lesen Sie hier: VW-Chef Herbert Diess im Interview: „Wir würden mit einem Tempolimit sehr viel aufgeben“

Dazu kommt der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos, der viel zu langsam läuft. Mit dem steigenden Anteil der Stromer verliert der Klimaeffekt eines theoretischen Tempolimits ohnehin weiter an Gewicht. Mal ganz davon abgesehen, dass die meisten batteriebetriebenen Autos sowieso bei 100 bis 130 Stundenkilometer gedeckelt sind. Abseits der Oberklasse fährt man hier nur in Ausnamefällen mit einer Maximalgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern. Wer halbwegs stromsparend unterwegs ist, kommt selten über die 120 Stundenkilometer hinaus.

Das Zauberwort heißt nicht Tempolimit, sondern Verkehrswende. Es geht nicht um pauschale Höchstgeschwindigkeiten, sondern um die Frage, wie man es schafft, weniger Autos auf der Straße zu haben – ob mit Elektroantrieb oder Verbrennermotor. Gerade im autoverrückten Deutschland ist das schon Mammutaufgabe genug.

Mit der warum auch immer hochemotionalisierten Symboldebatte über das Tempolimit schlängeln sich aber gerade alle Politiker an den wirklich entscheidenden Themen vorbei. Das einzige Argument für eine Einführung des Tempolimits ist, dass die Diskussion darüber dann endlich ein Ende hätte. Erst dann kann hierzulande offensichtlich über das Wesentliche diskutiert werden.

Mehr: Die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021 im Überblick

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