Morning Briefing: Autokonzerne müssen teilen
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
das Geschäftsmodell von Autokonzernen war bislang aufwendig, aber simpel: Man investierte ein paar Jahrzehnte in den Aufbau einer Marke, mit der die Kunden ihre Nachbarn neidisch machen konnten. Dann noch einmal Milliarden von Euro in die Entwicklung neuer Fahrzeugmodelle und der entsprechenden Fertigungsanlagen. War das erst einmal geschafft, floss der Gewinn mit jedem verkauften Auto – und zwar schneller als ein Betriebswirt „Skaleneffekt“ sagen kann.
Doch mit der Expansion von Tech-Konzernen wie Google, Amazon oder Qualcomm in die Cockpits und Zentralrechner der Autos ändern sich die Vorzeichen. So muss Mercedes-Benz künftig jeden Euro beim Verkauf von Software-Komponenten für das autonome Fahren mit dem IT-Konzern Nvidia teilen, bestätigten dem Handelsblatt insgesamt fünf Insider.
Ab 2024 werden beide Unternehmen gemeinsam verstärkt Softwarepakete für automatisierte Fahrfunktionen anbieten. Von den Einnahmen wird Nvidia dann einen umfassenden Umsatzbeitrag erhalten, der bei mehr als 40 Prozent liegen dürfte. Die Unternehmen wollten sich „aus Wettbewerbsgründen“ nicht zu Vertragsdetails äußern. Ein Investmentbanker sagt: „Ein derartiges Revenue-Sharing hat es in der Autoindustrie noch nie gegeben.“
Bald aber könnte es zur Norm werden. Auch Audi, Volvo und Jaguar Land Rover kooperieren mit Nvidia. Die alte Praxis der Autoindustrie, Lieferanten mit Festpreisen abspeisen zu können, erodiert bei digitaler Schlüsseltechnik.
Überall entstehen gerade neue Bündnisse zwischen Autokonzernen und Digitalbranche. Stellantis kooperiert beim digitalen Cockpit mit Foxconn und Amazon. Konkurrenten wie Renault, Volvo, GM und Ford schwören beim Infotainmentsystem dagegen auf Android Automotive von Google.
Prognose: So schön einfach wie früher wird es nie wieder in der Autoindustrie. Und lassen Sie es sich von einem Vertreter der Medienbranche gesagt sein – dass das Geschäft früher mal einfach war, merkt man immer erst, wenn es das nicht mehr ist. Mein Kollege Martin Buchenau formuliert es in unserem Leitartikel etwas geschliffener: „Die Kontrolle über einen zentralen Punkt der Wertschöpfung entgleitet der deutschen Autoindustrie.“
Für Nvidia läuft das Geschäft übrigens prächtig, auch wenn das Revenue-Sharing mit Mercedes noch gar nicht begonnen hat. Der Bedarf an Chips für künstliche Intelligenz und Grafikkarten treibt das Geschäft des kalifornischen Halbleiter-Spezialisten auf Rekordhöhe. Der Umsatz stieg im Ende Januar abgeschlossenen vierten Geschäftsquartal um 53 Prozent auf gut 7,6 Milliarden Dollar (6,7 Milliarden Euro). Unterm Strich war der Gewinn mit drei Milliarden Dollar sogar etwas mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahresquartal, wie Nvidia nach US-Börsenschluss am Mittwoch mitteilte.
Für das laufende Vierteljahr stellte Nvidia einen weiteren Umsatzanstieg auf 8,1 Milliarden Dollar in Aussicht – während die Analysten eher mit rund 7,3 Milliarden Dollar gerechnet hatten. Das Quartalsergebnis wird nach der gescheiterten Übernahme des Chipdesigners Arm aber von einer Zahlung in Höhe von 1,36 Milliarden Dollar belastet. Das ist der Vorschuss, den der Arm-Eigentümer, der japanische Technologiekonzern Softbank, behalten darf.
Komplizierter geworden ist definitiv das Geschäft der deutschen Hühnerbäuerinnen und -bauern. Seit Januar ist in Deutschland das Töten von männlichen Küken aus Tierschutzgründen gesetzlich verboten. Nun werden männliche Embryonen nach einer Geschlechtsbestimmung im Ei aussortiert. Oder die Bruderküken werden teuer aufgezogen.
Handelsblatt-Redakteurin Katrin Terpitz zeigt in einem großen Report, dass das Prinzip „Legen und leben lassen“ besser klingt als es wirklich ist. Denn das Verbot des Kükentötens hat ein großes, Achtung Wortspiel, Schlupfloch: Es gilt nur für Tiere, die in Deutschland schlüpfen. Deutsche Legehennenhalter umgehen das Verbot, indem sie Küken günstiger im Ausland kaufen, etwa in den Niederlanden. Nur in Frankreich steht das Kükentöten ebenfalls vor dem Aus – jedoch erst ab 2023. In Italien soll es bis Ende 2026 eingeführt werden.
Für Aufzucht und Schlachtung von Bruderhähnen fehlten zudem gesetzliche Vorgaben. Der Deutsche Tierschutzbund sieht die Gefahr, dass männliche Küken aus Deutschland zur Tötung auf langen Transporten exportiert werden. In Polen etwa ist Mästen und Schlachten günstiger. Tiefgefroren landet das magere Fleisch der Bruderhähne dann häufig in Afrika, heißt es in der Branche. Nachhaltige Landwirtschaft sieht ganz sicher anders aus.
Eierbauer Peter Huber vom Gut Aue in Hubbelrath hat sein Urteil gefällt. Für ihn ist Bruderküken-Aufzucht „nichts als Show, um das Gewissen der Verbraucher zu beruhigen“.
High-Tech könnte die Lösung sein. Bei der Methode namens Cheggy wird das Ei ab dem 13. Bruttag durchleuchtet, männliche Embryonen lassen sich erkennen und aussortieren. Doch solche Verfahren dürfen ab 2024 auch in Deutschland nicht mehr angewendet werden. Dann ist das Aussortieren der Embryonen ab dem siebten Bruttag gesetzlich verboten, da Embryonen ab diesem Zeitpunkt vermutlich Schmerz empfinden.
Soviel Rücksicht würden die Tiere, die in Deutschland massenhaft in den Transport-Lkws und Schlachthöfen leiden, vermutlich auch gerne in Anspruch nehmen.
Haben Sie es gemerkt? Wir sind schon halb durch mit diesem Morning Briefing und haben die Ukraine noch nicht einmal erwähnt. Das ist umso bemerkenswerter, als dass sich in der Region in den vergangenen Tagen objektiv gar nichts geändert hat.
Der Kreml hat zwar einen Teilabzug der an der Grenze aufmarschierten russischen Truppen angekündigt, aber der lässt laut Nato auf sich warten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte bei einem Treffen der Verteidigungsminister in Brüssel: „Bislang haben wir jedoch keine Deeskalation feststellen können. Im Gegenteil, es scheint, dass Russland seine militärische Aufrüstung fortsetzt.“
Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden haben am Mittwochabend in Sachen Ukrainekrise telefoniert. Auch sie sehen nach Angaben des deutschen Regierungssprechers kaum Fortschritte im Grenzgebiet. Beide Politiker seien sich einig gewesen, dass das Risiko einer weiteren militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine weiter bestehe.
Fazit: Die Ukraine-Krise ist in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt da, wo Corona nach der ersten Welle war. Wir haben gezittert, wir haben gehofft, und jetzt soll das Thema bitte erledigt sein. Doch die Realität folgt nur selten den Plotlines, die wir von Netflix und Disney Plus gewohnt sind.
Und dann ist da noch der Altmeister der Linkspartei, Gregor Gysi, der in einer Online-Talkshow des „Spiegel“ einen originellen Vorschlag zur Beilegung der Ukraine-Krise unterbreitete: Die beiden Alt-Regierungschefs Gerhard Schröder und Angela Merkel sollten als Vermittlerduo im Auftrag der Bundesregierung mit Russland verhandeln.
Wer sich an die spannungsgeladene Begegnung der beiden nach der Bundestagswahl 2005 erinnert (Schröder: „Wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen“) erkennt sofort den Charme der Idee. Die beiden Ex-Kanzler in einem Spitzengespräch mit Wladimir Putin – und der russische Präsident sähe sich plötzlich selbst in der mühsamen Rolle des Schlichters, der die Eskalation verhindern muss. Danach würde sich Putin wahrscheinlich nach einem ruhigen Lebensabend in der Datsche sehnen. Und zwar allein.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem alle Kirchen bleiben, wo sie hingehören.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens