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Morning BriefingDer Ölpreisschock und andere Gefahren

Hans-Jürgen Jakobs 12.10.2021 - 06:22 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Inflation ist auch eine Folge von Erwartungen – und die sind derzeit so, dass alle mit Inflation rechnen. Wie soll es auch anders sein, wenn das Fass Erdöl plötzlich mehr als 80 Dollar kostet, erstmals seit sieben Jahren? Oder wenn die Erzeugerpreise im August um zwölf Prozent stiegen und die Preise rund ums Bauen um 12,6 Prozent? Bis weit ins Jahr 2022 hinein kalkulieren viele deutsche Firmen mit großen Preissteigerungen bei wichtigen Rohmaterialien und Vorprodukten, ermittelte das Beratungsunternehmen Inverto bei einer Umfrage.

Besonders kritisch sei die Versorgung mit Kunststoffen, gefolgt von Aluminium, Stahl und anderen Eisenmetallen. Laut einer anderen Umfrage der KfW-Bankengruppe kämpft fast jedes zweite der kleinen und mittleren Unternehmen der Republik mit Lieferengpässen, heißt es in unserer Titelgeschichte. KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib: „Das nimmt der gerade wieder angesprungenen Konjunktur ihren Schwung.“

Humor hat Gerhard Schröder. Er selbst spielt mit dem nicht immer freundlich gemeinten Kosenamen „Gerdgas“. Der Altkanzler weiß aber auch, dass er in der Rolle des Verwaltungsratschefs von Nord Stream, Nord Stream 2 und Rosneft auch die Rolle seiner russischen Gesellschafter einbringen sollte. Und so erklärt Schröder im Handelsblatt-Gastkommentar, dass rasant steigende Nachfrage und ein langer kälterer Winter, der Vorräte beanspruchte, zu den enormen Steigerungen des Gaspreis geführt habe.

Laut dem Vergleichsportal Check24 planen 61 Stadtwerke deshalb in den kommenden Monaten Preiserhöhungen von durchschnittlich mehr als zwölf Prozent; betroffen sind 375.000 Haushalte. Nix mit Wladimir Putin also, der den Gashahn zudrehe, erklärt Schröder.

Das amerikanische Flüssig-Erdgas (LNG), von den USA als „Freedom-Gas“ gepriesen, werde nicht nach Europa, sondern nach China verkauft, analysiert Schröder weiter. Und versichert, Russland halte alle Verträge ein. Die Situation werde sich allmählich erholen. Sein Wort in Putins Ohr.

Mut zur Fehlerkultur kann man der CDU nicht absprechen. Es gab mit Sicherheit ein paar Fehlerkulturereignisse zu viel in den vergangenen drei Jahren, nachdem die „primadonna assoluta“ der Partei ihren Rückzug avisiert hatte. Nach ein paar Folgen in der Reihe „Zauberland sucht den Superstar“ greifen die Christdemokraten nun zum Allheilmittel bei zu viel Disruption: Man erfindet sich ganz neu.

Die Kreisvorsitzenden kommen zu Wort, womöglich sogar die Basis, und auf einem Parteitag Anfang 2022 wird der gesamte CDU-Vorstand – in memoriam Armin Laschet – neu gewählt. Schön, einen Zeitplan zu haben. Noch schöner wären Programm, Botschaft und ein Leader. Dafür bewerben sich – „Wir an Rhein und Ruhr“ – gleich fünf Kandidaten aus NRW: Ralph Brinkhaus, Carsten Linnemann, Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Jens Spahn (alphabetisch sortiert).

Die Suche nach einem neuen Parteichef beschäftigt auch die AfD, nachdem Co-Chef Jörg Meuthen verkündet hat, auf dem Bundesparteitag im Dezember nicht mehr anzutreten. Die Hoffnungsfigur für gemäßigte, bürgerliche Kreise gibt nach langem Kampf gegen die Radikalkräfte rund um Björn Höcke und den offiziell aufgelösten „Flügel“ entnervt auf. Deren Erfolg bei der Bundestagswahl in Ostdeutschland hat die Anti-Meuthen-Stimmung anschwellen lassen.

Als Nachfolger bietet sich Rüdiger Lucassen an, AfD-Chef in NRW, aber auch Co-Fraktionschefin Alice Weidel werden Ambitionen nachgesagt. Von Meuthens Co-Parteichef Tino Chrupalla ist ohnehin bekannt, dass er weitermachen will.

Foto: dpa

In Österreich sind die Grünen stolz darauf, dass sie in der Bundesregierung den in Medien- und Korruptionsaffären verwickelten Sebastian Kurz als Kanzler loswurden – und bekommen es stattdessen mit dem Kurz-Medium Alexander Schallenberg („Schalli“) zu tun. Der bisherige Außenminister ließ kurz nach seiner Inthronisierung bei der ersten Ansprache im Kanzleramt alle Welt wissen, er werde „selbstverständlich“ mit dem ÖVP-Chef Kurz „sehr eng zusammenarbeiten“.

Und dann folgte, Achtung, eine Ansage an die in Sachen Kurz ermittelnde Justiz: „Ich halte die im Raum stehenden Vorwürfe für falsch und bin überzeugt, dass am Ende herauskommt, dass an ihnen nichts dran war.“

Im Hintergrund spielen sie derzeit bei der ÖVP das alte Franz-Beckenbauer-Lied: „Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein.“

Wenn Sie in Berlin leben und Flugreisen planen, sollten Sie vielleicht Hamburg oder Leipzig als Abflugsorte ernsthaft in Erwägung ziehen. Geht möglicherweise sogar schneller, schließlich empfiehlt die Lufthansa nun ihren Passagieren allen Ernstes, bereits vier Stunden – „mindestens 240 Minuten“ – vor dem Abflug an jenem Airport zu sein, der den Namen „Willy Brandt“ wirklich nicht verdient hat. Vier Stunden – solange braucht der Sprinter (wenn er fährt) von München nach Berlin.

Aufgrund der Ferien und grundlegender Mängel waren zuletzt die Schlangen beim Einchecken und an den Sicherheitskontrollen in Berlin so lang, dass viele Reisende ihre Flüge verpassten. Erst lässt BER auf die Eröffnung und jetzt auf eine Bordkarte warten. „Berlin ist eben keine Stadt, sondern ein trauriger Notbehelf, Berlin ist ein Conglomerat von Kalamitäten“, giftete Frank Wedekind – selbstverständlich völlig unsachlich – schon 1908.


Fazit: Vielleicht sollte Elon Musk ganz einfach einen neuen Flughafen bauen.

Foto: imago images/Nordphoto

Und dann ist da noch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, zuletzt in den Stahlgewittern des Strafraums untergegangen, die sich tatsächlich als weltweit erstes Team die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Winter 2022 in Katar gesichert hat. Beim fünften Sieg im fünften Spiel unter dem Neu-Trainer Hansi Flick triumphierte man in Skopje mit 4:0 gegen Nordmazedonien. Einem Team übrigens, dem man zuhause noch mit 1:2 unterlegen war.

Gestern war der 18-jährige Jamal Musiala der jüngste Torschütze einer deutschen Nationalelf seit 111 Jahren, und der viel geschmähte Timo Werner von Chelsea steuerte gleich zwei Treffer bei. Kleine Lehre für Laschet und die Seinen: Jede Tour der Leiden geht einmal zu Ende.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag, bleiben Sie optimistisch.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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