Morning Briefing: Dollar als Seismograf für Vertrauen in die USA ist im Sinkflug
Der US-Dollar als Seismograph für das Vertrauen in die USA ist im Sinkflug
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Nachdem Donald Trump am 2. April hohe Strafzölle auf Importe in die USA angekündigt hatte, beschleunigte das den Dollar-Verfall. Meine Kollegen aus dem Finanzressort haben ein bisher kaum beachtetes Risiko identifiziert, das den Dollar weiter unter Druck setzen könnte.
Denn eine potenzielle Gefahr für die Leitwährung stellen die Besitzer von US-Staatsanleihen dar – beziehungsweise die Frage, was passieren würde, wenn sie diese im großen Stil verkaufen würden. Der Dollar wäre stark belastet, die Renditen für Staatsanleihen, also die Kapitalmarktzinsen, würden steigen. Laut Daten von Treasury International Capital besitzt China etwa 750 Milliarden US-Dollar Staatsanleihen – möglicherweise aber noch deutlich mehr. Doch den größten Anteil halten derzeitige Verbündete der USA.
Das ist kein Zufall: Befreundete Länder tendieren dazu, mehr Anleihen untereinander zu halten, weil enge politische und militärische Bindungen die Wahrscheinlichkeit von Konflikten und Enteignungen reduzieren. Doch mit den USA auf Konfrontationskurs verringert sich auch der Wert dieser „geopolitischen Prämie“. Volkmar Baur, Analyst bei der Commerzbank, warnt deshalb vor einem langfristigen, strukturellen Gegenwind für den US-Dollar.
Die unvollendete Geschichte des Robert H.
Robert Habeck hat ein klares Bild von sich – ein Bild von einer Erzählung, in der er gerne der Held gewesen wäre. Es ist die Erzählung eines Underdogs, der anders ist als die anderen und dem am Ende trotzdem der ganz große Erfolg gelingt. So beschreibt mein Berliner Kollege Julian Olk den ehemaligen grünen Wirtschaftsminister. Doch Habeck hat diese Geschichte nie zu Ende geschrieben. Er hatte viel vor, hat einiges erreicht und ist an vielem gescheitert. An der Kanzlerschaft zum Beispiel.
Auch, weil seine politische Botschaft stets lautete: Glaubt halt einfach an mich, dann wird das schon. Doch das Maß an Vertrauen, das Habeck für sich einforderte, brachten ihm viele Wählerinnen und Wähler nie entgegen. Jetzt zieht sich Habeck komplett aus der Politik zurück. Gestern hat er bekannt gegeben, dass er zu Anfang September auch sein Bundestagsmandat niederlegen will.
Unicredit erhöht Anteile an der Commerzbank
Im Frankfurter Bankenviertel ging gestern eine Nachricht um, die vor allem am Kaiserplatz 1 für Aufsehen gesorgt haben dürfte. Dort sitzt die Commerzbank, die sich schon seit Längerem gegen eine Übernahme durch die italienische Unicredit wehrt. Gestern wurde bekannt, dass Unicredit die Anteile an Deutschlands zweitgrößter Privatbank noch einmal auf 26 Prozent aufstockt.
Die verbleibenden Finanzinstrumente werde das Institut „zu gegebener Zeit“ ebenfalls in Commerzbank-Aktien umwandeln, womit sich der Anteil auf etwa 29 Prozent erhöhen würde. Sobald Unicredit 30 Prozent der Anteile besitzt, müsste die Bank ein Übernahmeangebot abgeben. Aufhorchen ließ gestern vor allem, dass die italienische Bank mitteilte, „aktuell“ keinen Aufsichtsratsposten anzustreben. Das lässt die Option offen, dass sich dies zu gegebener Zeit ändern könnte. Ein Novum in der Kommunikation und ein weiterer möglicher Schritt hin zu mehr Einflussnahme.
Der traurige Abschied von einer Vision
In der Nähe von Tübingen steht das Gerippe einer Vision. Es ist die Vision einer hochmodernen Batteriezellfertigung mit Reinraumtechnik und Trockenstraße, alles „made in Germany“. Gebaut als Gegengewicht zur Dominanz aus Asien. Doch das Werk der Porsche-Tochter Cellforce symbolisiert mittlerweile vor allem das Scheitern dieser Vision. Denn nach dem gestrigen Tag liegt die Fabrik de facto still.
Der Chef des Handelsblatt-Autoteams, Lazar Backovic, sieht darin Parallelen zum schwedischen Start-up Northvolt, das mit ebenso großen Ansprüchen gestartet war. Northvolt ist insolvent, ob es je zu einer Serienfertigung kommt, ist fraglich. Für beide Fälle stellt mein Kollege die Frage:
Die Botschaft sei überall gleich: Eine Fabrik alleine reiche nicht. Entscheidend sei, ob Batteriezellen verlässlich, günstig und in hohen Stückzahlen produziert würden. Bei Cellforce stellt sich jetzt auch die Frage, was mit den staatlichen Fördergeldern passiert – noch so eine Parallele zur Causa Northvolt.
Wieso die Zusatzbeiträge steigen könnten
Oliver Blatt ist neuer Chef des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Im Interview mit meiner Kollegin Britta Rybicki warnt er: Ohne Reform fahre die gesetzliche Krankenversicherung mit Ansage gegen die Wand. Denn die Ausgaben stiegen schneller als die Einnahmen. Blatt kündigt deshalb an, dass der Zusatzbeitrag schon Anfang nächsten Jahres durchschnittlich über drei Prozent liegen könnte, wenn die Politik nichts dagegen tue.
Als konkreten Vorschlag nennt Blatt, dass der Staat sogenannte „versicherungsfremde Leistungen“ wie die Beiträge von Bürgergeldempfängern aus der GKV herausnehmen müsste. Er hält allerdings nichts davon, die Beiträge zur Krankenkasse nach Lebensstil zu staffeln oder etwa Zahnersatz, Brille oder Pflege zu kürzen. Gleichzeitig will Blatt nur Leistungen bezahlen, die nachweislich wirklich wirken. Über Homöopathie zum Beispiel werde viel geredet.
Die Rache der US-Regierung gegen die EU
Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge erwägt die US-Regierung Sanktionen gegen Vertreter der Europäischen Union, die für die Umsetzung des Gesetzes über digitale Dienste (DSA) zuständig sind. Der DSA ist der Regierung in Washington schon länger ein Dorn im Auge, da er sich aus ihrer Sicht vor allem gegen amerikanische Technologiefirmen richtet.
Eine endgültige Entscheidung im US-Außenministerium steht jedoch noch aus. Bei den Strafmaßnahmen dürfte es sich wahrscheinlich um Visa-Beschränkungen handeln. Ein derartiger Schritt wäre beispiellos und würde den Streit der Regierung von Präsident Donald Trump mit der EU verschärfen.
Videospielen statt Autofahren
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick nach China, wo der Elektroautohersteller Xpeng eine kreative Möglichkeit gefunden hat, wie Autofahrer ihre Wut herauslassen können. Wer einem unliebsamen Verkehrsteilnehmer begegnet, kann diesen in Zukunft mit virtuellen Emojis beschießen, die auf der eigenen Windschutzscheibe erscheinen. Dieser „Road Rage Reliever“ soll die Wut der Fahrer auf spielerische Weise abbauen.
Ich habe das Gefühl, dass Autofahren durch Elektronik, Bildschirme und Fahrassistenten ohnehin schon immer mehr zu einem Videospiel verkommt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Hersteller in Zukunft Joysticks statt Lenkräder einbauen und uns alle als lebende Pilze oder Prinzessinnen über Straßen aus Regenbogen fahren lassen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie gelassen an Ihr Ziel kommen.
Es grüßt Sie herzlich Ihre
Teresa Stiens