Morning Briefing: Ein Quantum Verlust: Was nicht zum SPD-Jubelbild passt
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
aller guten Dinge sind drei, sagen sie sich bei der Regierungspartei SPD. Das Bundestagswahlergebnis war mau, aber man stellt Bundeskanzler, Bundestagspräsidentin und Bundespräsident, hinzu kommt noch der Bundesbankchef. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Was zum Jubelbild in Rot jedoch nicht passt, ist die Entwicklung der Mitgliederzahl. Sie lag zu Silvester 2021 mit 393.727 erstmals unter der 400.000er-Marke, berichtet die „Frankfurter Allgemeine“.
Anfang 2018 standen noch 463.700 Mitglieder zu Buche, 1976 hatte man sogar eine Million. Insgesamt wirkt die Kanzlerpartei sehr seniorig (Durchschnittsalter: 61) und männlich (Anteil: fast 70 Prozent). Die Grünen dagegen melden aktuell mit 125.000 Mitgliedern einen Zuwachs von 20.000 im Jahresvergleich. Seit 2015 gab es eine Verdoppelung.
Mancher in der SPD wird sich, wie vor einem Denkmal, mit Willy Brandt Mut machen, der sagt: „Unsere Zeit steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten – zum Guten und Bösen. Nichts kommt von selbst.“
Es ist wohl auch für Karl Lauterbach überraschend, auf dem Titel des „Spiegel“ als James Bond persifliert zu werden, mit Spritze statt mit Waffe, und mit der Zeile „Ein Quantum Angst“ statt „Ein Quantum Trost“ (was wir alle besser gebrauchen könnten).
Vielleicht wollte der Gesundheitsminister dem verunglückten 007-Bild ja ein wenig entsprechen, als er jetzt vor schweren Wochen warnte. „Wir dürfen uns mit Blick auf die aktuell sinkenden Krankenhauszahlen insbesondere auf den Intensivstationen nicht in Sicherheit wiegen“, so der SPD-Politiker. Wenn sich die Älteren infizierten, werde die Zahl der Klinikeinweisungen wieder steigen. Omikron sei nicht das Ende von Corona. Weiß Karl Lauterbach mehr?
Dem ministeriellen Quantum Alarmismus setzt Charité-Virologe Christian Drosten ungewohnt optimistische Töne entgegen. Er sei sich „komplett sicher“, dass das Leben wieder wie vor der Pandemie wird – und das in gar nicht mal so langer Zeit. Omikron sei eine „Chance“, so Drosten.
Das Virus müsse sich verbreiten, „aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes“. Und sein Kollege Klaus Stöhr erklärt: „Das Ende der Pandemie naht.“ Wir beenden diese aktuelle Debatte um einen Talkshowkönig, der Minister wurde, mit dem Schriftsteller und James-Bond-Erfinder Ian Fleming: „Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn liegt einzig und allein im Erfolg.“
Der Ruf eines Party-Großmeisters ist in Corona-Zeiten sehr abträglich. Immer neue Geschichten kursieren in Großbritannien, wie sehr es Premier Boris Johnson und sein Team haben krachen lassen, sogar am Vorabend der Beerdigung von Prinz Philip im April 2021. Gegen die Last der Pandemie setzte man in Downing Street 10 auf „König Alkohol“ als Entspannungsmittel.
Die vielen Rücktrittsforderungen, auch aus der eigenen konservativen Partei, will das Feierbiest von London nun mit demonstrativer Härte beantworten. Einige hochrangige Mitglieder seines Stabs sollen gehen, darunter der Büroleiter. Johnson selbst will es offenbar bei seinem „Sorry, sorry" für „Partygate“ belassen.
Wenn man Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić zuhört, läuft gerade eine riesige Weltverschwörung gegen seine Heimat – mit Australien als Aggressor. Dabei hat der „Down-under“-Staat nicht irgendwelche Flugzeuge in den Balkan geschickt, sondern sich einfach nur erlaubt, seine eigenen Corona-Regeln anzuwenden. So ließ man also einen Ungeimpften nichts ins Land, der beim Antrag auf Visum und Ausnahmegenehmigung offenbar falsche Angaben gemacht hat.
Nun wird alle Welt die für heute erwartete Begründung genau studieren. Und dann weiter diskutieren, ob der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic, 34, wirklich nicht seine Tenniskünste bei der „Australian Open“ zeigen durfte. Serbien und die Impfgegner haben einen Märtyrer – und die Tennisturnier-Veranstalter von Melbourne einen Einnahmeverlust. Als Garant für hohe TV-Einschaltquoten ist Djokovic sozialverträglicher als in der Rolle des Filzball-Esoterikers.
Die deutsche Industrie liefert sich einen rasanten Wettlauf um grünen Wasserstoff. Hier setzt nun der Leverkusener Kunststoffproduzent Covestro, eine Bayer-Abspaltung, neue Zeichen. Und zwar mit einer für europäische Verhältnisse gigantischen Liefervereinbarung.
Der Dax-Konzern bezieht künftig jährlich 100.000 Tonnen des gesuchten Stoffs vom australischen Hersteller Fortescue Future Industries, erfuhren meine Kollegen. Damit seien, so der Verkäufer, im Jahr 900.000 Tonnen CO2-Emissionen einzusparen. Der Deal soll heute publik werden.
Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft sei eine „Mammutaufgabe“, sagt Covestro-Vorstand Klaus Schäfer: „Daher begrüßen wir es, wenn weitere Unternehmen unserem Beispiel bald folgen.“ Bei teuren Projekten bleibt man nun mal lieber nicht allein.
Und dann ist da noch der Energiekonzern Eon, der es sich in Großbritannien mit seinen dortigen Kunden verscherzte. Die leiden unter explodierenden Energiekosten, erhielten aber vom Ableger des Essener Konzerns seltsame Post. 30.000 staunten da nach dem Auspacken über geschenkte Polyestersocken und noch mehr über das höflich gehaltene Begleitschreiben mit dem Tipp, durchs Herunterdrehen der Heizung den eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Ein Sockenempfänger wettert über das „erbärmliche Paket“, ein anderer schreibt: „Ich will nicht eure billigen, fiesen kostenlosen Socken, ich will bitte billigere Stromrechnungen.“
Eon entschuldigte sich. Für die Aktion könnte Thilo Sarrazin das Copyright haben. 2008 rief er als Berliner Finanzsenator gegen hohe Energiekosten dazu auf, 16 Grad Zimmertemperatur einzustellen und einen dicken Pullover zu tragen. Diese Textilien wären Eon als Geschenk wohl eindeutig zu teuer gewesen.
Ich wünsche Ihnen einen gelungenen, auf jeden Fall polyesterfreien Start in die Woche.
Herzliche Grüße
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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