Morning Briefing: Enthüllt: Das Geheimpapier zu Wirecard und EY
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Skandal und Pleite des Dax-Konzerns Wirecard waren so groß, die Aufklärungsbedürfnisse so intensiv, dass auch heute noch jedes Zipfelchen Papier, jeder Absatz eines Dokuments zählt, wenn's der Wahrheitsfindung dient. Was trieb die Truppe von Markus Braun und Jan Marsalek? Deshalb veröffentlichen wir in der Wochenendausgabe den – seltsamerweise – vom Bundestag als geheim eingestuften Sonderbericht zur Arbeit der Wirtschaftsprüfer von EY bei Wirecard.
Ein Team rund um Martin Wambach vom Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) hatte den Report am 16. April 2021 dem Untersuchungsausschuss des Bundestags übergeben. „Bei allem Respekt vor der Justiz: Es gibt ein überragendes öffentliches Interesse an diesem Bericht“, schreibt Chefredakteur Sebastian Matthes im Editorial. „Wenn die Öffentlichkeit nicht erfährt, was bei Wirecard falsch lief, hat auch niemand die Chance, aus dem Fall zu lernen.“ Deshalb können Sie bei uns online alle 168 Seiten unter www.handelsblatt.com/wambach lesen. Matthes schreibt Klartext: „Nach Lektüre gibt es keinen Zweifel mehr: Abseits der Verantwortlichen bei Wirecard haben die Wirtschaftsprüfer von EY in dieser Affäre am meisten zu erklären.“
Bei Wambachs Faktencheck ergaben sich etliche Ungereimtheiten. Demnach habe die Prüfgesellschaft EY schon 2015 „wesentliche Defizite in der Buchhaltung“ gefunden, die als „Fraud-Indikatoren“ einzuschätzen gewesen seien und „von einem Abschlussprüfer als solche gewürdigt werden hätten können“. „Fraud“ heißt Betrug, jedoch hätten die Wirtschaftsprüfer – immerhin seit 2009 mit der Bilanzarbeit bei Wirecard betraut – zahlreiche Warnsignale übersehen.
Im Wambach-Wirecard-Paper finden sich Sätze wie: „Von EY war keine Diskussion und Plausibilisierung dieser Auffälligkeiten erkennbar“. In den EY-Arbeitspapieren sei weder „die notwendige kritische Grundhaltung“ noch die aus der speziellen Lage resultierende „höhere Risikoeinschätzung eines Abschlussprüfers“ erkennbar gewesen. Setzen, Note ungenügend.
Das Geheimdossier listet konkrete Punkte auf. So habe EY…
- bei der besonders kritisch einzustufenden Übernahme der indischen Hermes-Gruppe „im Wesentlichen auf mündliche und schriftliche Erklärungen der möglicherweise unter Verdacht stehenden Personen“ vertraut.
- bei einem wichtigen Kaufvertrag mit der Al-Alam-Gruppe aus Dubai offenbar nicht bemerkt, dass im Vertrag anstelle von Al Alam sechsmal der Name eines anderen Unternehmens stand.
Märchen aus Tausendundeiner Nacht? EY weist den Vorwurf des Fehlverhaltens zurück. „Entsprechend der IDW-Prüfungsstandards lässt eine Beurteilung in Rückschau gerade keinen Rückschluss auf Fehlverhalten des Abschlussprüfers zu“, sagt ein Sprecher. Hinzu komme, dass die Ermittlungsbeauftragten bei ihrer Arbeit nur einzelne Aspekte der Prüfungshandlungen von EY betrachten konnten. Die Prüfer von EY hätten „nach bestem Wissen und Gewissen“ gearbeitet.
Wirklich? Anleger, die mit der faulen Zauber-Aktie 24 Milliarden Euro verloren, sowie die Gläubiger, die noch auf 12,4 Milliarden Euro warten, werden den Wambach-Report akribisch lesen. EY übrigens hat am 17. Juni 2020 bei Wirecard für die „laufende Prüfung des Konzernabschlusses 2019“ insgesamt 24.495 Arbeitsstunden abgerechnet, zu vergüten mit 4,5 Millionen Euro. Einen Tag später kollabierte Wirecard.
Inflation ist eine hässliche Sache, weil sie brave Sparer, Lohn- und Transferempfänger benachteiligt und Schuldner aller Art bevorteilt, aber auch etwa Wohnungsvermieter, die eine laufende Inflationsanpassung in die Verträge eingebaut haben wie den Feuermelder in die Decke.
Über eine „optimale“ Inflationsrate denkt Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup in seiner Kolumne nach – und damit über die Europäische Zentralbank (EZB). Die habe ihre Definition von Geldwertstabilität zweimal geliftet. Zur Gründung übernahm man das Inflationsziel „unter zwei Prozent“ der Bundesbank. 2003 hieß es „nahe, aber unter zwei Prozent“, inzwischen sollen mittelfristig zwei Prozent angestrebt werden. Man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, so Rürup, dass die EZB ihr Inflationsziel „vor allem deshalb modifiziert, um den hochverschuldeten Euro-Ländern die Fortsetzung ihrer sehr leichten Zinspolitik zu signalisieren“.
Nun also doch, da ist sie wieder, die Kanzler-Ministerpräsidenten-Runde für den Kampf gegen Corona. Am kommenden Donnerstag soll's so weit sein. Angesichts von mehr als 50.000 Neuinfektionen an einem Tag will sich kein Politiker Wegsehen vorwerfen lassen. „Wir müssen gewissermaßen unser Land winterfest machen“, sagt der designierte Kanzler Olaf Scholz und empfiehlt 3G am Arbeitsplatz (Zugang nur für Geimpfte, Genesene, Getestete) und 2G bei Events.
Das in der Pandemie nicht gerade stabilisierende Robert Koch-Institut rät „dringend dazu, größere Veranstaltungen möglichst abzusagen oder zu meiden, aber auch alle anderen nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren“. Egal, ob Scholz oder Katrin Göring-Eckardt oder andere Politiker, alle sagen: Lasst euch impfen, tragt Maske!
Wartet nicht auf die großen Innovationen von morgen, auf Dinge wie „Carbon Capture and Storage“, macht lieber jetzt etwas gegen das Klimadesaster, gerne via Digitalisierung: Diese Botschaft hatte der Schweizer Abenteurer Bertrand Piccard von der Solar Impulse Foundation gestern Abend zur Verleihung des Deutschen Digitalpreises The Spark. Bei dem Start-up-Wettbewerb, den das Handelsblatt mit McKinsey veranstaltet, siegte Orora Tech aus München, ein Jungunternehmen, das mittels Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz ein Frühwarnsystem gegen Waldbrände etabliert hat.
Der „Female Founder Award“ ging an Katharina Jünger für ihre Pionierarbeit mit der Online-Arztpraxis Teleclinic, die im Sommer 2020 von der Doc-Morris-Gruppe gekauft wurde. Und Jünger sagt den Satz der Sätze: „Ich möchte noch viele starke Firmen bauen.“
Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Mr. Wilder und ich“ von Jonathan Coe, eine Hommage in Romanform an das Kino, wie es einmal war. Und an den großen Regisseur Billy Wilder, der mit 70 noch mal einen großen Film („Fedora“) machen will, aber in Hollywood präferieren sie „Suspense“ für Junge, Steven Spielberg also. Wilders Spaß-Idee „Der weiße Hai in Venedig“ würde Hollywood natürlich produzieren, aber nicht seine Story über die Greta-Garbo-Momente einer alternden Diva. Dazu holte sich Wilder „silly money“ aus Deutschland, dem Land, aus dem er 1933 floh. Der Autor hat auf Basis von Wilder-Biografien und Recherchen einen munteren Roman über eine fiktive Filmassistentin montiert, der den jüdischen Humor der Hauptfigur preist. Unvergessen, wie Wilder seinem zeitweiligen Wohnort Wien gedachte: „Die Österreicher haben das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen.“
Und dann ist da noch – wir sind in Wien – René Benko, österreichischer Immobilien-Aufsteiger und deutscher Kaufhaus-Monopolist, der neulich klagte, es seien „leider viel Inkompetenz, Polemik und Neid unterwegs“. Vielleicht meinte er damit die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft: Sie klagt ihn jetzt neben acht anderen Unternehmern an, den Ex-Grünen-Kommunalpolitiker Christoph Chorherr korrumpiert zu haben. Der 60-jährige jetzige Bäcker, einst „Mister Stadtplanung“, ist der Hauptbeschuldigte.
Die Strafverfolger werfen Benko vor, seine Signa-Gruppe habe 100.000 Euro an den Verein „S2Arch“ gespendet, um das Signa-Projekt „Hauptbahnhof Business Center“ zu fördern. Benko, Signa und Chorherr bestreiten die Vorwürfe. „Promis zittern“, schreibt die „Kronen-Zeitung“, an der Benko beteiligt ist: „Die Anklageschrift hat es in sich.“
Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Wochenende.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor
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