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Morning Briefing Plus – Die WocheDeutsche Autobauer in der Chinakrise – Der Rückblick des Chefredakteurs

VW ist in China erstmals nicht mehr die Nummer eins. Zu lange haben die Deutschen auf den Verbrenner gesetzt und die Software-Revolution unterschätzt.Sebastian Matthes 22.04.2023 - 09:00 Uhr
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Foto: Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserer wöchentlichen News-Rückschau – und damit gleich nach China zur Shanghai Autoshow, der größten Automesse der Welt. Kaum war mein Kollege Lazar Backovic dort aus dem Flieger gestiegen, sorgten er und seine Kollegen aus dem Handelsblatt-Autoteam mit brisanten Zahlen für mächtig Wirbel.

Anhand exklusiver Datenrecherchen konnten sie zeigen, dass VW in China erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr die Nummer eins ist. Nach Absatzzahlen ist der chinesische Hersteller BYD an den Wolfsburgern vorbeigezogen. Das ist vor allem deshalb so ärgerlich für VW, weil China längst der wichtigste Automarkt der Welt ist.

BYD hat VW in China überholt.

Foto: IMAGO/Sebastian Geisler

Und so war die Rivalität zwischen den etablierten deutschen Autobauern und den chinesischen Elektro-Angreifern überall auf der Autoshow Thema. Die Stände von BMW und BYD waren auf der Mega-Messe in Shanghai praktisch nebeneinander platziert. Entsprechend erwischten Backovic und Handelsblatt-China-Korrespondentin Sabine Gusbeth den ein oder anderen hochrangigen deutschen Automanager, wie er bei der chinesischen Konkurrenz spickte. „Die machen das schon gut im Massenmarkt“, gestand einer von ihnen.

Grund für diese historische Wende, wir wissen es alle, ist das Versäumnis der Deutschen: Sie haben zu lange auf den Verbrenner gesetzt und zudem die Software-Revolution im Auto völlig unterschätzt. Über dieses Innovator’s Dilemma hatte ich hier ja schon öfter geschrieben. Nun ist die Sache so: Die chinesischen Elektromodelle können das, was die deutschen Hersteller nur versprechen: Sie laden schnell, sie sind vernetzt und sie sind vor allem lieferbar, kommentiert Markus Fasse. Für die Deutschen wiederum läuft die Zeit ab.

Die deutschen Autobauern haben den Wandel des chinesischen Automarkts verpasst.

Foto: dpa

Die chinesischen Metropolen sind längst eine Art Zukunftslabor für Mobilität. 2026 soll dort jedes zweite Fahrzeug elektrisch oder wenigstens mit einem Hybridantrieb fahren.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Wenn Politik oder Unternehmen den Fachkräftemangel beklagen, dann ist die Forderung nach mehr qualifizierter Einwanderung meist nur wenige Sätze entfernt. Dabei wissen eigentlich alle, dass keine der deutschen Greencard-Initiativen je funktioniert hat. Dabei gerät eine andere Krise aus dem Blick: Erstmals hat die Zahl der Menschen, die über keinen Berufsabschluss verfügen, die Marke von 2,5 Millionen überschritten. Das zeigen Zahlen, die unser Berliner Büro diese Woche recherchiert hat. Einwanderung allein wird Deutschlands Fachkräftelücke niemals schließen. Das kann nur eine Revolution in unseren Schulen.

2. Es war eine monatelange Recherche, für die ein Team aus Handelsblatt-Reportern ganz tief in das Innere von Deutschlands bekanntestem Discount-Imperium Aldi Nord geblickt hat. Meine Kollegen haben mit Insidern gesprochen, Wettbewerber befragt und zahlreiche interne Unterlagen ausgewertet. In einem großen Report zum Wochenende zeichnen sie das Bild eines Handelsriesen in der Krise, die so viel tiefer ist als bislang angenommen.

Bei einer „Leadership Conference“ wurde der versammelten Aldi-Nord-Führungsmannschaft im vergangenen November mitgeteilt, dass die operative Marge des Unternehmens nun bei minus 1,4 Prozent liege, berichten Insider. Die roten Zahlen waren ein Schock für viele. Doch es gab mehr schlechte Nachrichten: Auch die geplante IT-Integration mit Aldi Süd ist gescheitert. Der Mann der Stunde ist Aldi-Nord-Chef Torsten Hufnagel, der nun aufräumen muss. Erster Schritt: Eine neue, effizientere Struktur.

3. Auch bei Unternehmer Ralph Dommermuth läuft es alles andere als rund. Sie erinnern sich: der Multimilliardär, der mit seinem Internet- und Telekomkonzern United Internet ein eigenes und zudem besonders leistungsfähiges 5G-Handynetz aufbauen wollte (hier sprach ich mit ihm im Podcast darüber). Doch das ist offenbar viel schwieriger als gedacht, zeigen Recherchen unseres Unternehmensressorts. Denn der Ausbau kommt nicht voran. So waren zum Jahreswechsel nur fünf 5G-Masten in Betrieb – von 1000, die zugesagt waren. Wie die Börse reagiert? Sie ahnen es…

4. Indonesien ist nicht nur eines der faszinierendsten Reiseländer. Es könnte auch für die deutsche Industrie in den nächsten Jahren zu einem attraktiven Partner werden. Mit dieser Botschaft empfing Indonesiens Präsident Joko Widodo unseren Südostasienkorrespondenten Mathias Peer in der Hauptstadt Jakarta zum Interview. Und darin warb er mit durchaus attraktiven Angeboten um die deutsche Industrie.

Widodo sagte im Interview, sein Land nehme das Thema Umweltstandards ernst und werde die Lage der Branche verbessern.

Foto: Reuters

5. Auf der anderen Seite der Welt haben US-Korrespondentin Annett Meiritz und Brüssel-Büroleiter Moritz Koch diese Woche ein ganz anderes, aber ebenfalls sehr interessantes Interview geführt, und zwar mit der Vizedirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Gita Gopinath. Die US-Spitzenökonomin seziert die deutsche Industriepolitik, warnt vor einer wirtschaftlichen Schwächephase in Industrieländern und dämpft die Hoffnung auf neue „Wirtschaftswunderjahre“, die Olaf Scholz im Handelsblatt geäußert hatte. Wirtschaftsminister Robert Habeck lässt sich von dem Pessimismus übrigens nicht anstecken – er will die Wachstumsprognose der Bundesregierung anheben, hören meine Kollegen Martin Greive und Julian Olk. Achten Sie darauf. Nächste Woche wird er seine Prognose dann offiziell vorstellen.

6. Die Pleite der Silicon Valley Bank saß allen noch in den Knochen, da schreiben Analysten schon von einer viel größeren „Zeitbombe“: Die gewerblichen Immobiliendarlehen in den Bilanzen der US-Banken. Denn der Markt für Büroimmobilien steckt tief in der Krise. Viele Bürotürme sind veraltet oder schlicht überflüssig, weil die Firmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt haben. Aber wie schlimm ist die Lage wirklich? Der Frage ist ein Team aus Handelsblatt-Korrespondentinnen und -Korrespondenten in den USA nachgegangen. Und was sie vorfanden ist eine Situation, für die der Begriff „Zeitbombe“ keineswegs übertrieben ist.

Der Markt für Büroimmobilien in der Westküstenstadt in den USA ist eingebrochen. Auch andere Städte haben Schwierigkeiten mit Leerstand in Büros.

Foto: Imago/Westend61

7. In der Autoindustrie verschiebt sich die Macht – hin zu den Tech-Konzernen in den USA, denn ohne Computerchips gibt es keine Autos. Die neuen Machtzentren heißen Nvidia oder Qualcomm – und die haben schier unverschämte Forderungen an die Autokonzerne. „Das alte Koch-Kellner-Modell zwischen Autohersteller und Zulieferer funktioniert im Chipbereich nicht mehr“, klagt ein Insider. Ein Team aus Tech-Reportern in San Diego, New York und München erklärt, was dieser tiefgreifende Wandel für die Branche bedeutet – und wie die deutschen Hersteller in neue Abhängigkeiten geraten.

8. Heute vor einer Woche hat Deutschland endgültig die verbliebenen drei Kernkraftwerke abgeschaltet. Doch die Atomenergie könnte in Form neuer Nukleartechnik weiterleben. Woran aktuell geforscht wird und wie erfolgversprechend die Konzepte sind, lesen Sie hier.

9. Die Stimmung an den Aktienmärkten hat sich gedreht: Auf einmal sind Tech-Werte wieder gefragt. Unser Finanz-Team beschreibt drei Strategien, mit denen bekannte Fondsmanager wie Jan Beckers, Cathie Wood und Frank Thelen anlegen. So viel vorweg: „Sie legen noch riskanter an“, sagt André Härtel, Fondsexperte bei Scope Fund Analysis, der die Daten für das Handelsblatt ermittelt hat. Und es bleibt die Frage: Wo endet Genie und wo beginnt Wahnsinn?

Und bevor wir heute auseinandergehen, noch eine gute Nachricht in eigener Sache: Das Medienportal Meedia analysiert regelmäßig die Auflagen der wichtigsten Zeitungen – und hier kamen gerade druckfrisch die neuesten Zahlen. Ich zitiere: „Am besten schnitt in der Auswertung der sechs überregionalen Tageszeitungen wieder einmal das „Handelsblatt“ ab. Der Grund bleibt hier der gleiche wie in den vergangenen Jahren: die mitgezählten Digital-Kundinnen und -Kunden.“ Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, für die Treue, das rege Feedback, und an all die vielen neuen Leserinnen und Leser: herzlich willkommen!

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Ihnen allen ein schönes Wochenende.

Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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