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Morning Briefing Plus – Die WocheDeutschland löst Fluchtreflexe aus

Nicht nur wegen der Unzuverlässigkeit der Bahn löst Deutschland bei vielen Menschen Fluchtreflexe aus. Die Direktinvestitionen sind 2023 eingebrochen – und für dieses Jahr sieht es nicht besser aus.Sebastian Matthes 16.03.2024 - 07:59 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser

herzlich willkommen zurück zu unserem Blick auf die vergangene Woche, in der viele nicht reisen konnten, weil der plötzliche Bahnstreik wieder einmal das Land lahmlegte. Ich musste am Donnerstag nach Stuttgart – und als wir in Mannheim einfuhren, sagte eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher: „Ich kann es selbst kaum glauben, aber wir erreichen Mannheim Hauptbahnhof vier Minuten vor der geplanten Ankunftszeit.“

Es geht doch, dachte ich für einen kurzen Moment, doch schon wenige Stunden später hörte ich von einer großen Anwaltskanzlei, die wichtige Meetings grundsätzlich nicht mehr in Deutschland abhält – lieber reisen die Anwältinnen und Anwälte nach Brüssel oder London. In Deutschland wissen sie ein einfach nie ganz genau, ob sie ihr Ziel wirklich erreichen.

Auch anderswo löst Deutschland Fluchtreflexe aus – gerade diese Woche sind ein paar Zahlen herausgekommen, die das eindrucksvoll belegen. Die Direktinvestitionen sind im vergangenen Jahr erneut eingebrochen – und auch für dieses Jahr sind die Aussichten nicht besser. Besonders trifft es die Chemieindustrie. Während die Firmen ihre Investitionen im Ausland ausbauen, planen nahezu 70 Prozent keine zusätzlichen Investitionen mehr in Deutschland.

Leere Produktionshalle einer ehemaligen Papierfabrik: Unternehmen beklagen die teure Energie in Deutschland. Foto: mauritius images / Helmut Meyer zur Capellen

Das muss dieses Wirtschaftswunder sein, von dem Olaf Scholz immer mal sprach.

Die gute Nachricht dabei aber ist: Die Ursachen brauchen wir nicht lange zu suchen: Die wackeligen Brücken, die Weichen aus Vorkriegszeiten, die hohen Energiepreise und die löchrige Kommunikationsinfrastruktur sind ausreichend oft beschrieben worden.

Wie es dazu kommen konnte, wissen wir auch: Laut aktuellen Zahlen sind nur 20 Prozent der Bundesausgaben zukunftsorientiert. Diese Zukunftsquote im Haushalt umfasst, nur damit das nicht unter den Tisch fällt, nicht nur Investitionen in Sachkapital, sondern auch Human- und Naturkapital sowie technisches Wissen.

Wir leben in einem Land, das irgendwo in seiner wirtschaftlich einst erfolgreichen Vergangenheit feststeckt, während die Zukunft anderswo gemacht wird. 

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Kein Auftritt hat die Besucher beim Weltwirtschaftsforum im Januar so polarisiert, so verstört, aber auch so begeistert wie der Vortrag des neuen argentinischen Präsidenten Javier Milei. Der „Anarchokapitalist", wie er sich selbst nennt, ist für liberale Politiker und Ökonomen weltweit zu einer Art Hoffnungsträger geworden. Auch in Deutschland. In unserem großen Report zum Wochenende porträtiert ein Handelsblatt-Autorenteam den Präsidenten: Sie beschreiben, welche Pläne er verfolgt, warum einige internationale Organisationen begeistert davon sind – und wie sein Verhältnis zu Donald Trump ist.

Milei will ein marktorientiertes Reformprogramm in Argentinien umsetzen. Foto: Imago

2. Die chinesische Hightech-Metropole Shenzhen gehört seit Jahren zu den faszinierenden Schauplätzen des einstigen chinesischen Wirtschaftswunders. Nun aber befindet sich China in einem zunehmend unerbittlichen Technologiekrieg – mit dramatischen Folgen für das Innovationszentrum Shenzhen. Die schillernde Metropole soll technologische Durchbrüche gegen die Stagnation Chinas liefern, so will es die Kommunistische Partei. Aber kann das gelingen? Und was ist da überhaupt geplant? Mein Kollege Martin Benninghoff war vor Ort und hat einen höchst spannenden Report recherchiert.

Wolkenkratzer in Shenzhen Foto: dpa

3. Die Sorge vor einer Deindustrialisierung in Deutschland ist groß. Aber ist sie auch berechtigt? Mein Kollege Julian Olk befasst sich intensiv mit der Frage – und hat dazu ein paar interessante Zahlen recherchiert. Diese Grafik zeige, so sein Fazit, dass die Industrie doch nicht so schnell stirbt, wie einige Ökonominnen und Ökonomen mitunter denken. Hier finden Sie seine Analyse.

4. Das SXSW-Festival in Austin ist eine der interessantesten Konferenzen der Welt, es ist so eine Art Seismograf für alle, die sich für unsere technologische Zukunft interessieren: Welche Trends werden die nächsten Monate bestimmen? Welche Innovationen? Der Besuch der SXSW ist immer auch ein Blick in die nähere Zukunft. Falls Sie es (wie ich) nicht nach Austin geschafft haben: Meine Kollegen Felix Holtermann und Stephan Scheuer waren dort – und haben die fünf wichtigsten Trends für Sie identifiziert.

Stephan Scheuer und Felix Holtermann beim SXSW-Festival in Austin. Foto: Handelsblatt

5. Rüstungsfirmen schlagen Alarm: Deutschlands zögerliche Haltung bei der Bestellung neuer Verteidigungsausrüstung und mangelnde Planungssicherheit sorgen dafür, dass die Unternehmen wichtige Investitionen nicht tätigen. „Mit einer Rückkehr zur Vollausstattung der Bundeswehr hat das nichts zu tun", sagte Susanne Wiegand, die Chefin der Rüstungsfirma Renk im Handelsblatt Interview. Sie fordert von der Politik langfristige Abnahmegarantien.  

Renk-Chefin Susanne Wiegand.  Foto: Dietmar Gust

6. Noch eine interessante Recherche aus unserem Unternehmensressort: Mercedes-Benz steht vor einem Generationenwechsel in mehreren Topjobs, erfuhr mein Kollege Franz Hubik aus Konzernkreisen. Rein formell habe sich der Aufsichtsrat noch nicht mit den Personalien befasst, eine Auswahl an potenziellen Kandidaten wird dennoch vorbereitet. Hier lesen Sie, um welche Köpfe es konkret geht.

7. Der Dax hat diese Woche erstmals die Marke von 18.000 Punkten übersprungen, allerdings etwas „lustlos" wie es unser Finanzen-Ressortleiter Michael Maisch nannte. Denn die Lage ist bei Weitem nicht so euphorisch, wie einige nun denken mögen. Interessant ist hier die Geschichte hinter der Nachricht: Der aktuelle Rekord ist nach Handelsblatt-Berechnungen vor allem fünf Aktien zu verdanken. Börsenexperte Ulf Sommer ist übrigens der Meinung, dass die 18.000 wohl noch nicht das Ende gewesen sind.

8. Einen märchenhaften Aufstieg erlebt auch die Aktie des US-Halbleiterherstellers Nvidia, die seit Jahresbeginn um 85 Prozent zulegte. Die Marktkapitalisierung des Unternehmens liegt nun bei 2,3 Billionen US-Dollar, das Unternehmen ist damit mehr wert als alle Dax-Konzerne zusammen. Zeit für den Ausstieg? Diese Analyse zeigt, was das für Anlegerinnen und Anleger jetzt bedeutet

Nvidia-Chef Jensen Huang sieht noch großes Wachstumspotenzial. Foto: Bloomberg/Getty Images

9. Zum Schluss kommen wir noch zu einem traurigen Thema. Die Deutschen trinken immer weniger Wein, besonders Rotwein tut sich offenbar schwer. Der Trend geht zu leichteren Weinen mit geringerem Alkoholgehalt, gerade auch bei Jüngeren. Erste Winzer überlegen schon, ihre Weinberge statt mit Weinreben mit Solaranlagen zu bepflanzen. Das ist dramatisch. Und ich habe mich gefragt, ob daran am Ende nicht auch wieder die Deutsche Bahn schuld ist. Mein Zug nach Stuttgart neulich war zwar überpünktlich. Dafür öffnete das Bordbistro verspätet – und konnte weder Rechnungen schreiben, noch Zahlungen per Karte entgegennehmen. Klar, dass der Rotweinabsatz dann schwächelt.

Weinberge – Einige Winzer schlagen vor, die sonnigen Hänge dauerhaft für Photovoltaikanlagen zu nutzen. Foto: dpa

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

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Herzlich,

Ihr

Sebastian Matthes

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