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Morning Briefing Plus – Die WocheVerblassende Freundschaft: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Eine Handelsblatt-Reise nach Paris zeigt: Das deutsch-französische Verhältnis ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Was diese Woche sonst noch wichtig war.Sebastian Matthes 19.11.2022 - 09:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

dass es um das deutsch-französische Verhältnis derzeit nicht allzu gut bestellt ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Wie tief der Riss aber wirklich ist, wurde mir diese Woche erst bei einer Reise nach Paris klar, wo das French-German-Business-Forum des Handelsblatts und der französischen Wirtschaftszeitung „Les Échos“ stattfand.

Schon beim Eröffnungsdinner im prächtigen Saal der französischen Nationalbank war die Krise in vielen Tischgesprächen spürbar: Die Enttäuschung über deutsche Alleingänge, über fehlende Abstimmung, und ja, auch über die unterschiedlichen Ansichten bei der Weiterentwicklung des europäischen Binnenmarktes. Von dem einst vertrauten Verhältnis ist nicht mehr viel übrig.

Das Eröffnungsdinner.

Foto: Sebastian Matthes

Gründe für die Verstimmung gibt es viele. Da ist die aus Sicht der Franzosen katastrophale Kommunikation des 200-Milliarden-Hilfspakets der Bundesregierung. Die Wahrnehmung in Paris ist, dass Deutschland statt der gemeinsamen Rüstungsprojekte mit Frankreich bei der Zeitenwende lieber auf Waffensysteme aus den Vereinigten Staaten setzt. Und generell zeigt man sich frustriert über das Auftreten des Bundeskanzlers, der etwa bei einem deutsch-französischen Unternehmertreffen Anfang September in Evian lange über Deutschland, kurz über Frankreich und gar nicht über das deutsch-französische Verhältnis sprach.

Unser Paris-Korrespondent.

Foto: Sebastian Matthes

Es könnte kaum schlechter laufen. Jacques Attali, der langjährige Berater des früheren französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, schrieb in einem Kommentar neulich sogar: „Nichts ist schwerwiegender für die Zukunft Frankreichs, als das, was in diesem Moment mit Deutschland passiert. Nichts ist schwerwiegender für Deutschland, als das, was gerade mit Frankreich passiert.“ Sogar ein neuer Krieg zwischen den Nachbarländern sei in diesem Jahrhundert wieder denkbar.

Das ist natürlich übertrieben, zeigt aber die Enttäuschung auf französischer Seite, über die unser Paris-Korrespondent Gregor Waschinski seit Monaten berichtet. „Die Tragweite der Krise im deutsch-französischen Verhältnis wurde in Deutschland viel zu lange völlig unterschätzt“, kommentiert er. Neulich sagte ein hochrangiges Mitglied der französischen Regierung zu ihm: „Die bisherigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind obsolet“. Es brauche einen kompletten Neustart.

Womit er sicher Recht hat. Jedes Schulkind erkennt, dass die Länder Europas die großen Probleme der nächsten Jahre nur gemeinsam lösen können, den Krieg in der Ukraine, die immer schärfere Auseinandersetzung zwischen China und den USA, die Klimakrise.

Fakt ist: Zwei Monate vor dem 60-jährigen Jubiläum des Élysée-Vertrags, der Mutter aller deutsch-französischen Vereinbarungen, ist das Verhältnis zwischen Berlin und Paris so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. In der aktuellen Lage der Welt kann man das getrost als fahrlässig bezeichnen.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

„Abschwung vertagt“, es war ein seltsames Gefühl, diese Headline vorgestern für die Titelseite unserer Zeitung zu formulieren. Denn so intensiv die Krise auch diskutiert wird, in den Bilanzen vieler Unternehmen ist sie noch nicht angekommen: Die Dax-Konzerne haben im dritten Quartal so viel verdient wie noch nie. Der Grund: Die Firmen profitieren von den steigenden Preisen. Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Denn die Kosten für Personal, Energie und Logistik steigen in einem dramatischen Tempo.

Bemerkenswert ist, dass sie auch jetzt in Bezug auf Russland nicht sagen kann, dass wir Fehler gemacht haben.
Wolfgang Schäuble

Die gute Nachricht: Die Ausgaben der deutschen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung haben 2021 um sechs Prozent zugelegt, berichtet Barbara Gillmann exklusiv. Das entspricht immerhin 3,1 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Die schlechte Nachricht: Das ist immer noch zu wenig – die Bundesregierung hatte sich eigentlich 3,5 Prozent vorgenommen. Und andere Länder stehen ohnehin besser da: Südkorea etwa steckt 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in F&E, Israel 5,4 Prozent. Forschung, das kann man nicht oft genug sagen, ist der wichtigste Rohstoff eines so rohstoffarmen Landes wie Deutschland.

Diese Woche haben wir eine ganze Reihe bemerkenswerter Interviews veröffentlicht: Darunter ein Gespräch mit Wolfgang Schäuble, der seit 50 Jahren dem Deutschen Bundestag angehört. In einem langen Gespräch, das von vielen anderen Medien zitiert wurde, beklagt Schäuble die deutsche Arroganz im Umgang mit europäischen Partnern, spricht über Putsch-Pläne gegen Angela Merkel und erklärt, weshalb er Merkel derzeit nicht zu den großen Kanzlern zählt.

Der CDU-Politiker ist seit einem halben Jahrhundert Bundestagsmitglied. Im Handelsblatt-Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Foto: Reuters (2), Getty (3)

Indiens Premier Modi (l.), Indonesiens Staatschef Widodo, chinesischer Präsident Xi: Endet Chinas ökonomische Vormachtstellung in Asien?

Foto: AP, dpa, Imago, Reuters (2)

Ich möchte Ihnen aber noch ein Gespräch empfehlen. Seit Monaten versuchen Catiana Krapp und Jürgen Flauger einen Mann zu sprechen, dessen Unternehmen so eng mit der russischen Energiewirtschaft verbunden ist wie kaum ein anderes: den Chef von Deutschlands größtem Öl- und Gasförderer Wintershall Dea, Mario Mehren. Nun war es endlich soweit, und Mehren sprach mit den beiden sehr offen über seine Fehler im Umgang mit Russland, weshalb der Konzern dort immer noch Geschäfte macht – und warum für ihn am 24. Februar eine Welt zusammenbrach.

Und dann hat mein Kollege Mathias Brüggmann noch mit dem litauischen Außenminister gesprochen. Gabrielius Landsbergis glaubt, dass Russland am Rande des Chaos stehe. „Die russische Elite hat begriffen, dass es zu Ende geht“, sagt er. Deshalb warnt er auch vor Verzweiflungstaten des Regimes in Moskau.

Das Handelsblatt war diese Woche mit einem ganzen Team in Asien unterwegs. Martin Greive hat den Kanzler auf seiner Reise zum G20-Gipfel begleitet, Julian Olk war mit Robert Habeck in Südostasien unterwegs – und Mathias Peer covert dieses Wochenende den Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec), ein für die deutsche Wirtschaft immer wichtigerer Wirtschaftsraum. Wie sich dort die Kräfteverhältnisse ändern, zeigen übrigens diese Grafiken auf beeindruckende Weise.

Das Handelsblatt hat Statistiken ausgewertet und mit Gründern, Investoren und Bankern gesprochen, um herauszufinden, wie es um Deutschlands insgesamt 36 Einhörner wirklich steht.

Foto: Foreal

Der Autozulieferer Continental ist Opfer eines höchst kritischen Cyber-Angriffs geworden, wie Handelsblatt-Recherchen schon vergangene Woche ergaben. Nun haben Michael Verfürden und Roman Tyborski neue Details: Im Darknet finden sie Dokumente, die zeigen, wie gravierend das Leck bei dem Dax-Konzern ist – und welche Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner betroffen sind. 

Nach den Crash bei Tech-Aktien wird die Szene jetzt von Entlassungswellen erschüttert. Nach Twitter und Facebook will nun auch Amazon Tausende Mitarbeiter rauswerfen – betroffen davon ist sogar die Sparte der virtuellen Assistentin Alexa. Was der Kahlschlag für das Silicon Valley bedeutet, welche Technologiefirmen gerade noch wachsen – und welche Folgen der Tech-Crash für Deutschland hat, bespreche ich in der aktuellen Ausgabe meines Podcasts mit unserem Silicon Valley-Reporter Stephan Scheuer und Tech-Reporterin Larissa Holzki.

Vielleicht sind die Einschläge bei den Tech-Firmen auch einfach eine Normalisierung. Die verrückten Wetten werden gekappt. Und es wird immer deutlicher: Geld spielt eben doch eine Rolle. Das zeigt sich auch bei den jungen deutschen Tech-Start-ups. Hier sind die Zeiten vorbei, in denen Investoren ihr Geld allen Ideen hinterherwarfen, Hauptsache, sie waren irrwitzig genug. Unser Tech-Team hat die Substanz aller 36 deutschen Start-ups mit Milliardenbewertung im Detail analysiert. Und ich sags mal so: Das Ergebnis wird nicht jedem gefallen. Aber es hilft nichts. So fühlt er sich eben an, der Kater nach der Einhornparty.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Verwandte Themen
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Russland
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Asien

Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

PS: Und dann noch ein Nachtrag zu letzter Woche, als mir zu später Stunde eine Zahl verrutschte: Ich schrieb darüber, dass nur noch 25 Prozent der Deutschen sagen, dass sie mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Später muss es natürlich heißen: „Was ist das für eine Gesellschaft, in der nur noch jeder Vierte zuversichtlich in die Zukunft schaut?“. Ich bitte, diesen Fehler zu entschuldigen und bedanke mich für das aufmerksame Lesen und die vielen Hinweise.

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