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Morning BriefingSchwierige Marktlage: Die neue Realität der Weltwirtschaft

Teresa Stiens 27.10.2023 - 06:29 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Schwierige Marktlage: Die neue Realität der Weltwirtschaft

27.10.2023
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

der globale Finanzmarkt spannt sich wie ein unsichtbares Netz um unsere Welt und nimmt auf, was in ihr passiert. Geopolitische Großereignisse verändern dieses Geflecht an Beziehungen und Transaktionen. Viele davon verstehen wir, andere wiederum nicht.

Im Moment, so scheint es, ist etwas Großes im Gange. Die Weltwirtschaft tritt in eine neue makroökonomische Ära ein – mit drei zentralen Risiken, deren Auswirkungen noch nicht absehbar sind:

  • Da sind erstens die geopolitischen Verwerfungen: der drohende Flächenbrand im Nahen Osten, der Krieg in der Ukraine, die wachsenden Spannungen zwischen China und den USA. Abschottung, Protektionismus, industriepolitischer Egoismus sind die Konstanten einer neuen Wirtschaftspolitik – im Westen wie im Osten.
  • Da sind zweitens die hohen Schulden: In der Euro-Zone hat sich die Staatsverschuldung seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 von 6,2 auf 12,9 Billionen Euro verdoppelt. Das entspricht fast hundert Prozent der Wirtschaftsleistung.
  • Und da sind drittens die schwachen Wachstumsperspektiven: Europa und die USA erleben einen Abschwung und auch aus China kommen zunehmend alarmierende Konjunktursignale.

Über all diesen Warnzeichen schwebt die Problematik, dass Geld nach langen Jahren wieder teuer geworden ist. Die Zinswende, sie bedeutet für die Märkte eine Zeitenwende. Unser Wochenendtitel analysiert die komplexe neue Realität des weltumspannenden Finanzsystems – mit Auswirkungen auf alle Bereiche der Ökonomie.

Kriege und Konflikte, Schuldenberge und eine ausgeprägte Wachstumsschwäche – das ist das Gemisch, das die Finanzmärkte in Alarmstimmung versetzt.

Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson

Das politische Büro der palästinensischen Terrororganisation Hamas befindet sich in der katarischen Hauptstadt Doha. Ein Fakt, der viel aussagt über Verknüpfungen in der arabischen Welt. Im Ringen um das Leben der 220 Geiseln, die sich in der Gewalt der Hamas befinden, kommt Katar jetzt eine wichtige Vermittlerrolle zu. Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al Thani, Premierminister von Katar, gilt als einer der größten Unterstützer der Terrororganisation – ausgerechnet er soll auf die Freilassung der Gefangenen hinwirken.

Katar redet mit Akteuren, mit denen sonst niemand spricht. Eine Politik, die den Wüstenstaat zum international gefragten Mediator in Konflikten werden lässt. Auch zwischen dem Iran und den USA hat das Emirat bereits erfolgreich vermittelt. Das Land habe eine klare Vision von seiner Rolle in der Welt, sagt Mehran Kamrava, von der Georgetown University in Katar. Das Selbstverständnis eines zentralen globalen Players, der für mehr bekannt sein soll als nur für Reichtum. Selbst wenn das bedeutet, islamistischen Terror zu unterstützen.

Sie waren die großen Profiteure der Coronapandemie: digitale Bezahldienste wie Paypal, Nexi oder Worldline. Angesichts des Onlineshopping-Booms hatten Anleger große Hoffnungen ins Wachstum der Unternehmen gesetzt. Zuletzt wurde aber immer deutlicher, dass sie diesen Erwartungen nicht gerecht werden.

Paypals Kurs liegt derzeit 80 Prozent unter dem einstigen coronabedingten Rekordhoch. Im Gegensatz zu anderen Tech-Werten erholten sich Aktien von Zahlungsfirmen momentan kaum. Ihr Kurs liegt sogar unter dem Wert von Anfang April 2020 zum Ausbruch der Pandemie. Am Mittwoch hatte der französische Zahlungskonzern Worldline die Investoren mit schwachen Ertragsaussichten geschockt. Die Aktie stürzte zeitweise um fast 60 Prozent ab. Schuld an den enttäuschten Erwartungen ist auch das Gewohnheitstier Mensch: Denn Zahlungsgewohnheiten – wie die Vorliebe der Deutschen für Bargeld – verändern sich nur sehr langsam.

Wie geht es weiter bei Siemens Energy? Eine Frage, die gestern nicht nur den Staat und den einstigen Mutterkonzern Siemens umtrieb, sondern auch den deutschen Aktienmarkt. Angesichts hoher Verluste verhandelt Siemens Energy derzeit mit dem Bund über mögliche Staatshilfe in Form milliardenschwerer Garantien.

Nach Informationen des Handelsblatts aus Finanzkreisen geht es um Garantien über 15 Milliarden Euro. Der Aktienkurs von Siemens Energy brach angesichts der möglichen Stützungsaktion drastisch ein. Der Kursverlust belastete den ganzen deutschen Aktienmarkt.

Die Bundesregierung drängt vor allem auf eine Beteiligung des Großaktionärs Siemens. Doch Siemens-CEO Roland Busch will das Engagement bei der Ex-Tochter eigentlich verringern. Denn seit seiner Abspaltung hat Siemens Energy nur Verluste geschrieben. Verantwortlich dafür ist das Geschäft mit erneuerbaren Energien: Der Windkraftmarkt gilt als schwierig, keiner der Anbieter verdient Geld.

In Zeiten, in denen Veränderung Alltag ist und Transformation ein ständiger Begleiter, ist es nicht einfach, Entscheidungen zu treffen. Verständlich, die Verantwortung zu scheuen. Umso wichtiger ist es, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Menschen mit Visionen in Unternehmen die Führung übernehmen, die auch vor unangenehmen Entscheidungen nicht zurückschrecken.

Das Handelsblatt hat – in Kooperation mit der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group und mit Hilfe einer externen Jury – 29 Köpfe ausfindig gemacht, die Deutschland in die Zukunft führen könnten. Wer es auf die Liste geschafft hat, welche Visionen die Führungskräfte von morgen haben und wie sie diese in ihren Unternehmen voranbringen, lesen Sie in unserem Ranking.

Zum Abschluss noch der Hinweis, dass am Wochenende die Uhren eine Stunde zurückgestellt werden. Eine Prozedur, die längst abgeschafft sein sollte. Das zumindest war das Ergebnis einer Bevölkerungsumfrage in der EU vor fünf Jahren. Doch so bald wird das nicht passieren, denn die EU-Staaten konnten sich bisher nicht darauf einigen, in welcher Zeit sie künftig leben wollen.

Mein Vorschlag: Jede EU-Bürgerin und jeder EU-Bürger darf selbst entscheiden, in welcher Zeit er oder sie leben möchte. So entkämen Nachteulen wie ich dem Diktat der Frühaufsteher. Auch frühes Zubettgehen, Zuspätkommen oder ein frühes Feierabendbier wären gesellschaftlich akzeptiert. Schließlich könnte man argumentieren, man lebe eben in einer anderen Zeit. Ich sehe da wirklich nur Vorteile.

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Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Extra-Stunde weise zu nutzen wissen.

Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, wie Sie auf Sahra Wagenknechts Partei-Pläne blicken. Unsere Leserdebatte dazu finden Sie hier.

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