70 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention: Corona bremst Integration von Geflüchteten nur kurz – Sprachförderung erreicht nicht alle Jugendlichen
Nicht reibungslos verläuft auch die Integration minderjähriger Flüchtlinge aufgrund von Sprachproblemen.
Foto: dpaBerlin. Siebzig Jahre wird die Genfer Flüchtlingskonvention in dieser Woche alt. Sie garantiert Menschen Schutz, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder politischen Überzeugung verfolgt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat 2015 ganz im Sinne der Konvention gehandelt, als sie die Grenzen für Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak öffnete, die in Ungarn festsaßen. Ihr „Wir schaffen das“ wird ein prägender Satz ihrer Amtszeit bleiben.
890.000 Asylsuchende kamen 2015 nach Deutschland, ein Jahr später waren es 280.000. Seither sind die Zahlen gesunken, im vergangenen Jahr wurden hierzulande gut 122.000 Asylanträge gestellt. Das sind immer noch fast doppelt so viele wie im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2014.
Rund drei von vier Geflüchteten, die heute in Deutschland leben, haben inzwischen einen Schutzstatus. Und das Gros wird auch dauerhaft bleiben, erwartet Herbert Brücker, Migrationsexperte beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Natürlich könne man einen Schutzstatus auch wieder aufheben, wenn die Fluchtgründe entfallen. „Aber dass man jetzt Syrer oder Afghanen nach Hause schickt, halte ich angesichts der Situation in ihren Heimatländern für sehr unwahrscheinlich.“ Außerdem habe sich der Aufenthaltsstatus bei vielen mittlerweile verfestigt, weil sie bereits viele Jahre hier seien. „Umso wichtiger ist deshalb die Integration“, sagt Brücker.
Bis zum Ausbruch der Pandemie lag das IAB mit seiner Annahme, dass etwa die Hälfte der Geflüchteten fünf Jahre nach ihrer Ankunft eine Arbeit gefunden haben wird, ziemlich richtig. Doch das Virus hat die Integration gebremst. Stieg die Beschäftigungsquote der Menschen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern vor Corona um etwa fünf Prozentpunkte pro Jahr, so war es 2020 nur ein Prozentpunkt.
Geflüchtete bekommen häufig nur befristete Verträge
Im April lag die Beschäftigungsquote für Geflüchtete bei gut 37 Prozent. Hier sind aber auch Personen erfasst, die deutlich kürzer als fünf Jahre in Deutschland leben. Die Arbeitslosigkeit bei Geflüchteten ist im ersten Lockdown 2020 überdurchschnittlich stark gestiegen, danach hat sich die Beschäftigungsquote aber schnell erholt. Ein Grund für den Anstieg ist, dass Flüchtlinge oft nur befristete Verträge haben oder in krisenanfälligen Branchen wie der Zeitarbeit oder der Gastronomie arbeiten.
„Zwei Drittel der Zugänge in Arbeitslosigkeit waren aber darauf zurückzuführen, dass weniger Maßnahmen wie Sprachkurse stattfanden“, erläutert Brücker. Im Juni waren bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) knapp 258.000 Arbeitslose aus den Kriegs- und Krisenländern registriert, rund 21.000 weniger als im Vorjahr.
Ein Problem sieht das IAB noch bei der Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Frauen. Hier gebe es nach wie vor einen „erheblichen Gender Gap“, auch wenn man aus Befragungen wisse, dass die Erwerbsneigung bei Frauen durchaus groß sei, sagt Brücker.
Nicht reibungslos verläuft auch die Integration minderjähriger Flüchtlinge. Von den Kindern, die zwischen 2014 und 2016 nach Deutschland kamen, haben die meisten weiter große Sprachprobleme – auch weil nur knapp ein Drittel bisher spezielle Förderung bekam. Das zeigt die erste Langzeitstudie zur Integration junger Geflüchteter ins deutsche Bildungssystem des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg.
Der Gründungsdirektor des Instituts, Hans-Günther Roßbach, nannte es „alarmierend“, dass 65 Prozent der Jugendlichen zum Erhebungszeitpunkt an keinerlei speziellem Deutschunterricht teilnahmen. Damit seien die Jugendlichen keinesfalls für eine Berufsausbildung gerüstet.
Zwar gaben 90 Prozent an, gut Deutsch zu sprechen. Bei Nachfragen zeigte sich jedoch, dass nur gut 40 Prozent einen einfachen Zeitungsartikel verstehen oder TV-Sendungen problemlos folgen können. Weniger als ein Fünftel kann Literatur oder Sachbücher lesen.
Zu wenig Sprachförderung für Geflüchtete
Die befragten Jugendlichen hatten durch die Flucht im Schnitt mindestens ein Schuljahr verloren – und auch in Deutschland dauerte es weitere sieben Monate, bis sie in eine Schule aufgenommen wurden. Von den Vorschulkindern besuchten 80 Prozent eine Kita – die Eltern der übrigen gaben überwiegend an, sie hätten keinen Platz gefunden.
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die die Studie finanzierte, sieht „Handlungsbedarf“, weil die Sprachförderung nicht alle Kinder erreiche. Die migrationspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Filiz Polat, hat darüber hinaus noch andere Erwartungen an die nächste Bundesregierung: „Die deutsche Integrationspolitik braucht endlich einen Paradigmenwechsel.“
Statt Arbeitsverboten und Abschiebungen müsse es darum gehen, den Zugang zu Bildung und Arbeit zu verbessern, Diskriminierung systematisch abzubauen und Teilhabe aktiv zu fördern, sagt Polat. Neben sicheren Bleiberechten für langjährig Geduldete gehöre dazu auch ein früher Zugang zu Sprachkursen für alle.