1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Koalitionsvertrag: Die linguistische Analyse des Ampel Papiers

AmpelregierungSprachwissenschaftliche Analyse: Was sich aus dem Koalitionsvertrag herauslesen lässt

Weniger Freiheit, mehr Klima und mehr Verbindlichkeit – die linguistische Analyse des Koalitionsvertrags zeigt, welche Handschrift die Einigung der Ampelparteien wirklich trägt.Teresa Stiens 27.11.2021 - 15:36 Uhr Artikel anhören

Die linguistische Analyse zeigt die Stoßrichtung der neuen Koalition.

Foto: imago images/Bildgehege

Berlin. Die neue Koalition scheint sich ihrer Sache sicher – zumindest auf dem Papier. Denn SPD, Grüne und FDP benutzen in ihrer Absichtserklärung zur Bildung einer neuen Regierung vor allem die Formulierung „Wir werden“, wenn sie über ihre Zukunftsprojekte sprechen. Das Vorgängermodell von CDU und SPD hingegen hatte an ähnlicher Stelle noch meist von „Wir wollen“ gesprochen.

Das Versprechen, etwas zu tun, statt des Versprechens, etwas zu beabsichtigen – so lässt sich auf den Punkt bringen, was die Ampel sprachlich suggeriert, im Gegensatz zur bald vergangenen Großen Koalition.

Das ist jedenfalls das Ergebnis einer linguistischen Auswertung des Koalitionsvertrags, die ein Team von Sprachwissenschaftlern an der Universität Dresden für das Handelsblatt vorgenommen hat. „Wenn man den aktuellen Vertrag mit dem von 2018 vergleicht, fallen zahlreiche neue Schlagwörter auf“, beobachtet Simon Meier-Vieracker, Professor für Angewandte Linguistik an der Universität Dresden, außerdem.

Viele dieser neuen Formulierungen tragen die Handschrift der Grünen, wie etwa „Kohleausstieg“ und „erneuerbare Energien“. Das Wort „Klima“ etwa kommt doppelt so häufig vor wie noch 2018.

Da die deutsche Sprache neue Konstruktionen erlaubt, wird es in den unterschiedlichsten Konstellationen verwendet, etwa bei der „Klimaresilienz“ (dreimal erwähnt) oder „Klimaanpassungsstrategie“ (zweimal erwähnt).

Aufbruch durch Sprache

Die Auswertung der Adjektive zeigt, dass durch die Sprache auch ein neuer Politikstil zum Ausdruck gebracht werden soll. So finden sich bei der Ampel einige Wörter, die 2018 noch kaum verwendet wurden: etwa „vorausschauend“, „flexibel“, „konstruktiv“ und „agil“.

Während beispielsweise das Wort „vorausschauend“ im aktuellen Vertrag sechsmal benutzt wird, kam es 2018 noch gar nicht vor. „Damit soll beiläufig ein neuer Politikstil zum Ausdruck gebracht werden, der auf Fortschritt abzielt“, analysiert Meier-Vieracker.

Einen ähnlichen Rückschluss lassen auch die Verben zu. Der aktuelle Vertrag sei geprägt von Aktionswörtern wie „konzentrieren“, „dynamisieren“, „beschleunigen“ und „vereinfachen“, so das Ergebnis der Universität Dresden. Um ihr eigenes Vorgehen zu beschreiben, wählte die Koalition also Begriffe, die sehr gut zu dem Motto „Mehr Fortschritt wagen“ passen, das der kommende Kanzler Olaf Scholz für die Koalition ausgerufen hatte.

Auffällig ist auch, dass die Ampel einige bereits bestehende Konzepte sprachlich neu verpackt hat. Dazu zählt etwa die Kindergrundsicherung oder das Bürgergeld. „Es scheint den Parteien wichtig, die Neuheit der Maßnahmen auch durch eine Neuheit der Bezeichnungen zu unterstützen – oder herbeizureden“, sagt dazu Sprachwissenschaftler Meier-Vieracker.

Freiheit hat weniger Bedeutung

Ein Rebranding scheint auch beim Thema Cannabis stattgefunden zu haben. Während die Legalisierung in der parlamentarischen Debatte noch vorwiegend mit wirtschaftlichen Argumenten wie Steuereinnahmen und der Entlastung der Ermittlungsbehörden begründet wurde, spricht der Koalitionsvertrag von Vorteilen beim Jugend- und Verbraucherschutz als primäre Beweggründe.

Im Vergleich zu den Wahlprogrammen scheint die Freiheit im Koalitionsvertrag allerdings an Bedeutung verloren zu haben – jedenfalls was die sprachlichen Prioritäten angeht. „Das Wort ‚frei‘ ist vom ersten auf den vierzigsten Platz gerutscht“, analysiert Leander Baumgertel, der an der Auswertung beteiligt war. Dafür finden sich im Gegensatz zum Wahlprogramm mehr Adjektive, die im Zusammenhang mit staatlichen Bereichen stehen wie „national“ oder „gesetzlich“.

Verwandte Themen
FDP
SPD
Koalition
Berlin
Cannabis
Bürgergeld

Verloren hat auch die von den Grünen geforderte „Mobilitätswende“. Der Begriff findet sich im Koalitionspapier ebenso wenig wieder wie die von der FDP propagierte „Eigenverantwortung“.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt