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ArbeitsmarktVerdienstunterschied liegt bei 678 Euro – mit oder ohne Tarif

Tarifbeschäftigte verdienen nach Angaben der Bundesregierung im Mittel deutlich mehr als Kolleginnen und Kollegen ohne Tarifvertrag. Und die Tarifbindung ist stark zurückgegangen.Frank Specht 24.01.2024 - 09:29 Uhr

Berlin. Seit November vergangenen Jahres streiken Beschäftigte beim Recycling-Unternehmen SRW Metalfloat in Espenhain bei Leipzig für einen Tarifvertrag. Sie verdienen knapp über dem  Mindestlohn – und damit im Schnitt rund 600 Euro weniger als Beschäftigte in vergleichbaren Betrieben der Schrott- und Recyclingbranche.

Die Gewerkschaften würde solche Unterschiede gerne einebnen und die Tarifbindung in Deutschland wieder erhöhen. „Die Kolleginnen und Kollegen in Espenhain streiken für Verlässlichkeit und gute Arbeit in Form eines Tarifvertrags“, sagte IG-Metall-Chefin Christiane Benner vergangene Woche, als sie den Standort besuchte. „Die IG Metall steht solidarisch hinter ihnen.“

>> Lesen Sie hier das Interview mit IG-Metall-Chefin Benner: „Rauft euch zusammen! Soll es aussehen wie im Rust Belt?“

Dass ein Tarifvertrag für die Beschäftigten in der Regel mit höherer Bezahlung verbunden ist, zeigt auch die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage, die noch die inzwischen aufgelöste Linksfraktion im Bundestag gestellt hat.

Demnach verdienten Vollzeitbeschäftigte in tarifgebundenen Betrieben im April 2022 ohne Sonderzahlungen im Mittel 4429 Euro brutto im Monat – und damit 678 Euro mehr als Kolleginnen und Kollegen ohne Tarifvertrag. Die Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld oder Inflationsausgleichsprämien lagen in Tarifbetrieben im Mittel um 412 Euro im Monat höher.

Doch profitieren immer weniger Beschäftigte davon, weil die Tarifbindung stark zurückgegangen ist. Waren im Jahr 2003 noch 42 Prozent der Betriebe an einen Tarifvertrag gebunden, so ist der Anteil bis 2022 auf 25 Prozent zurückgegangen. Während im Jahr 2003 noch gut zwei Drittel der Beschäftigten nach Tarif entlohnt wurden, waren es 2022 nur noch gut die Hälfte. Dabei nimmt die Tarifbindung mit der Betriebsgröße zu. 

Zwar hat sich die Tarifbindung in Ostdeutschland zuletzt stabilisiert, doch liegt sie mit 18 Prozent der Betriebe und 45 Prozent der Beschäftigten weiter deutlich unter den Werten im Westen. Dort galt 2022 für rund 27 Prozent der Betriebe und für 52 Prozent der Beschäftigten ein Tarifvertrag.

„Tarifverträge schützen nicht nur, sie sorgen auch für deutlich höhere Löhne“, sagt der Linken-Abgeordnete Pascal Meiser, der die Anfrage gestellt hatte. „Umso besorgniserregender ist es, dass sich über die Jahre hinweg immer mehr Unternehmen durch Tarifflucht ihrer sozialen Verantwortung entzogen haben.“

Meiser fordert Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) auf, endlich den Entwurf für das angekündigte Bundestariftreuegesetz vorzulegen. Geplant ist, dass Aufträge des Bundes nur noch an Unternehmen vergeben werden, die nach Tarif zahlen. Dass allein werde aber nicht reichen, glaubt der Linken-Abgeordnete.

EU macht sich für 80 Prozent Tarifbindung stark

Denn nach der EU-Mindestlohnrichtlinie müssen EU-Staaten mit weniger als 80 Prozent Tarifbindung unter den Beschäftigten einen Aktionsplan vorlegen, wie sie den Anteil erhöhen wollen. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen weiter zu erleichtern, schlägt Meiser vor. Dazu steht allerdings nichts im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP.

Außerdem gibt es auch Kritiker, die sagen, dass die Tarifbindung allein noch wenig über die Arbeitsbedingungen in den Betrieben aussagt. So hat die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) kürzlich unter Berufung auf Daten der Forschungsinstitute INIFES und IAB mitgeteilt, dass 2022 für gut 43 Prozent der Beschäftigten im Freistaat ein Flächentarif und für neun Prozent ein Haustarifvertrag galt.

Darüber hinaus orientierten sich aber die Arbeitsbedingungen von einem weiteren Viertel der Beschäftigten am Flächentarifvertrag, sodass für 78 Prozent der Beschäftigten direkt oder indirekt tarifvertragliche Regelungen angewandt wurden. „Eine Erosion der Tarifbindung ist in Bayern nicht festzustellen“, sagte dazu VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam kürzlich zudem zu dem Schluss, dass der Einfluss der Tarifbindung auf die Lohnhöhe kleiner sein könnte als von den Gewerkschaften behauptet.

Denn anders als bei den meisten Erhebungen zur Tarifbindung, die auf Betriebsbefragungen beruhen, griffen die IW-Forscherinnen auf Daten aus Haushaltsbefragungen zurück. So konnten sie auch Faktoren wie das Qualifikationsniveau von Beschäftigten einbeziehen, die neben der Tarifbindung bei der Bezahlung natürlich auch eine Rolle spielen. Nach der IW-Studie liegt die bereinigte Lohnlücke zwischen Beschäftigten mit und ohne Tarif bei 5,2 Prozent.

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Den Linken-Abgeordneten Meiser stellt das nicht zufrieden. Er sieht einen „Zwei-Klassen-Arbeitsmarkt“ zwischen Beschäftigten mit und ohne Tarifbindung. Und dieser sei „eine ernsthafte Gefahr für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land“.

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