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BAVC-Präsident„Wenn die Chemie abwandert, ist das irreversibel“

Der Präsident der Chemiearbeitgeber erhofft sich vom Koalitionsausschuss einen Durchbruch beim Brückenstrompreis und weniger Bürokratie. Sonst sieht er schwarz für den Standort.Frank Specht 21.10.2023 - 09:52 Uhr Artikel anhören

Der Standort Deutschland wird für die Chemieindustrie zusehends unattraktiv.

Foto: dpa

Berlin. An diesem Freitag treffen sich die Spitzen von SPD, Grünen und FDP erneut zum Koalitionsausschuss. Drängende Themen gibt es viele, die Liste reicht von bezahlbaren Energiepreisen über den Umgang mit der irregulären Migration bis hin zu den Konsequenzen aus den für die Ampelparteien desaströsen Landtagswahlen in Hessen und Bayern.

Der Präsident des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), Kai Beckmann, hofft vor allem darauf, dass sich die Koalition endlich zu dem geforderten „Brückenstrompreis“ durchringt. Sonst drohten Arbeitsplatzverluste und Standortverlagerungen in der Industrie. Bei anderen Themen sollte sich die Ampel dagegen lieber durch Unterlassen als durch Handeln auszeichnen, findet der Vorstand des Chemiekonzerns Merck.

Lesen Sie hier das Interview mit BAVC-Präsident Kai Beckmann

In einem „Weckruf“-Brief an Abgeordnete haben die Chemie-Sozialpartner und der Branchenverband VCI gerade Entlastungen beim Strompreis gefordert, um Standorte und Arbeitsplätze zu retten. Wie ernst ist die Lage?
Die Chemieindustrie neigt nicht zum Dramatisieren. Aber die negativen Standortfaktoren häufen sich aktuell dermaßen, dass Investitionsentscheidungen nur noch selten zugunsten von Deutschland ausfallen. Da sind die hohen Energiepreise nur ein Faktor.

Kritiker sagen, die Industrie wolle nur Subventionen abgreifen …
Subventionen sind nie eine Antwort, um ein Problem strategisch und langfristig zu lösen. Aber wir müssen kurzfristig auf den sich klar abzeichnenden Trend „weg vom Standort Deutschland“ reagieren.

Gibt es dafür wirklich schon klare Belege?
Ja, Investitionen werden in unserer Branche immer weniger in Deutschland getätigt. Außerdem gibt es bereits Beispiele dafür, dass Produktionen geschlossen werden. Es wurde bereits darüber berichtet, dass die Ammoniakproduktion in Deutschland auf der Kippe steht. Unternehmen schränken hierzulande die Investitionen ein und bauen Stellen ab.

Die deutsche Chemieproduktion ist von 2018 bis zur ersten Hälfte dieses Jahres um 20 Prozent zurückgegangen. Und das Minus ist nicht allein durch einen entsprechenden Nachfragerückgang bedingt, sondern spiegelt auch Verlagerungen ins Ausland wider.

Investitionen an anderen Standorten hat es immer schon gegeben …
Aber wenn die Chemie abwandert, ist das irreversibel. Merck kommt auf sieben Prozent Umsatzanteil in Deutschland, die Chemiebranche insgesamt auf unter 30 Prozent. Das heißt, unsere Kunden und Lieferanten sind ohnehin längst im Ausland. Und dennoch hat die Chemie in den vergangenen Jahrzehnten entgegen der Marktdynamik immer stark in Deutschland investiert. Doch das ändert sich gerade.

Wenn es mit der Chemiebranche hierzulande so abwärtsgeht – warum zeigt sich das dann nicht am Arbeitsmarkt?
Die Chemieindustrie zeigt Verantwortungsbewusstsein, indem sie nicht überstürzt reagiert. Aber irgendwann wird sich der Leerlauf in der Produktion auch am Arbeitsmarkt niederschlagen. Unsere Studie „Chemie-Arbeitswelten 2030“ zeigt, dass sich der Arbeitskräftebedarf bis dahin um über 60.000 Stellen oder 15 Prozent verringern könnte, wenn die Transformation nicht gelingt. So haben wir uns die Lösung des Fachkräfteproblems nicht vorgestellt. Aktuell mache ich mir eher Sorgen, ob wir das Beschäftigungsniveau halten können, als dass wir genügend Fachkräfte finden.

BAVC-Präsident Kai Beckmann warnt vor Arbeitsplatzverlusten.

Foto: Merck

Am Freitag tagt der Koalitionsausschuss. Was erhoffen Sie sich – neben wettbewerbsfähigen Strompreisen – noch von der Ampel?
Wir müssen schneller werden in den Verfahren. Ein Beispiel: Sie wollen in der Chemieindustrie eine Anlage bauen, um für einen Kunden Muster eines neuen Materials produzieren zu können. Dann dauert es ein halbes Jahr, bis die Behörden den Eingang der vollständigen Antragsunterlagen bestätigen. Und der eigentliche Genehmigungsprozess dauert dann noch einmal zwölf Monate. Eineinhalb Jahre – das versteht doch kein Kunde mehr. Da bin ich in anderen Ländern schon in der Serienfertigung.

Und was müssen SPD, Grüne und FDP noch anpacken?

Sie sollten vor allem weglassen. Jede zusätzliche Komplexität für die Wirtschaft, die momentan im Gespräch ist, würde ich mir überlegen. Lieferkettengesetz, Arbeitszeiterfassung, Nachweisgesetz – sind das die Probleme, die wir heute lösen müssen?

Bundeskanzler Olaf Scholz hat die Länder und die demokratische Opposition zu einem „Deutschlandpakt“ eingeladen, um beispielsweise Planungsbeschleunigung zu erreichen und die Transformation der Industrie hinzubekommen. Ist das der richtige Ansatz?
Wir brauchen auf jeden Fall parteiübergreifende Unterstützung für den Standort Deutschland. Bisher ist es so, dass wir auf die Probleme hinweisen und mahnen – aber noch nicht ausreichend gehört werden.

Auch die Mahnung der Arbeitgeber, die 40-Prozent-Grenze bei den Sozialversicherungsbeiträgen einzuhalten, ist verhallt. Die Marke wurde längst gerissen, weitere Beitragserhöhungen stehen an. Können wir uns unseren Sozialstaat noch leisten?

Auf jeden Fall können wir uns den Sozialstaat nur dann leisten, wenn wir eine leistungsfähige Industrie in Deutschland erhalten. Denn daher kommen große Teile des Beitragsaufkommens, gut bezahlte Jobs und wichtige Impulse für die gesamte Wertschöpfung.

Die IG Metall fordert in der Stahlindustrie die Viertagewoche mit Lohnausgleich – und findet dafür viel Anklang bei Beschäftigten. Erwarten Sie, dass die IG BCE irgendwann mit einer ähnlichen Forderung kommt?
Dass Beschäftigte sich flexiblere Arbeitszeiten wünschen, kann ich nachvollziehen. Nur gibt es dafür Instrumente, die wir in der Chemie längst nutzen und im gemeinsamen Dialog mit den Sozialpartnern entwickelt haben.

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Ein Irrweg ist aber die Forderung nach vollem Lohnausgleich. Dass in einer Situation, in der es in der Industrie wirklich ans Eingemachte geht, ernsthaft darüber diskutiert wird, wie viel teurer Arbeit noch werden kann, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Erstpublikation: 20.10.2023, 7:20 Uhr.

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