1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Zwischen Profilierung und Pragmatismus: Die schwierige Doppelrolle von FDP-Fraktionschef Dürr

Christian DürrZwischen Profilierung und Pragmatismus: Die schwierige Doppelrolle von FDP-Fraktionschef Dürr

Christian Dürr muss mit den Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen die Ampelkoalition am Laufen halten. Gleichzeitig will er die liberalen Standpunkte herausstellen. Begleitung eines Gratwanderers.Jan Hildebrand 18.07.2022 - 04:05 Uhr Artikel anhören

Der FDP-Fraktionschef gehört zum marktwirtschaftlichen Flügel seiner Partei. 

Foto: dpa

Berlin. Über dem Kopf von Christian Dürr schweben zwei vier Meter lange silberne Pinguine, als elegante Ballons. Der FDP-Fraktionschef zückt sein Handy und macht Aufnahmen. „Die wollen alle fotografieren“, sagt Olaf Brandes. Er ist Geschäftsführer der Ideen-Expo, einer Messe in Hannover, auf der 280 Aussteller neun Tage lang junge Menschen für Technik und Naturwissenschaften begeistern und so Fachkräfte für die Zukunft finden wollen.

Brandes führt den FDP-Fraktionschef durch die drei Messehallen mit 720 „Mitmach-Exponaten“. Die beiden fliegenden Pinguine gehören zum Stand des Arbeitgeberverbandes Niedersachsen-Metall, der damit Neugierde auf Bionik, sozusagen die Ideenschmiede der Natur, wecken möchte. Im Fall des 45-jährigen Politikers scheint das zu klappen, er schaut den kegelförmigen Pinguin-Ballons fasziniert hinterher, während Brandes ihn zur nächsten Station lotsen möchte. Der Zeitplan ist eng getaktet.

Für Dürr ist der Messebesuch vorletzte Woche eine Abwechslung vom Koalitionsalltag in Berlin. Als Fraktionschef muss er mit seinem SPD-Kollegen Rolf Mützenich sowie mit Katharina Dröge und Britta Haßelmann von den Grünen das Ampelbündnis am Laufen halten. Kanzler und Minister müssen sich auf die Regierungsfraktionen verlassen können, in Krisenzeiten erst recht. „Wir sind sturmsicher aufgestellt“, sagt Dürr.

Der FDP-Fraktionschef befindet sich allerdings in einer schwierigen Doppelrolle: Neben dem möglichst reibungslosen Koalitionsmanagement wird von ihm erwartet, die liberale Stimme im Ampelbündnis hörbar zu machen. Diese Gratwanderung gilt für Fraktionschefs grundsätzlich, bei den Liberalen ist der Druck aber wegen schwacher Umfragewerte noch etwas größer.

„Mach doch einfach“, steht in großen Buchstaben auf einem Plakat neben Dürr. Es ist das Motto der Ideen-Expo in Hannover. „Das passt vielleicht ganz gut zur FDP“, findet Geschäftsführer Brandes. Unter den Besuchern sind jedenfalls auffällig viele liberale Politiker. Vor Dürr war schon Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger dort. Und mit Dürr zusammen ziehen Abgeordnete der FDP-Fraktion aus dem niedersächsischen Landtag über die Messe.

>> Lesen Sie hier: Christian Lindner: Der Zauberlehrling und der Schuldenberg

Die Landesparlamentarier kennt Dürr bestens. Zwischen 2009 und 2017 war er Vorsitzender der FDP-Abgeordneten in Hannover. „Der Landtag war eine hervorragende Vorbereitung“, sagt er im Rückblick. In den ersten Jahren regierte in Niedersachsen eine schwarz-gelbe Koalition. Während es dort ordentlich lief, zerstritten sich in Berlin Union und FDP, die Liberalen flogen schließlich 2013 aus dem Bundestag.

Es ist das große Trauma der FDP. Und ein Grund, warum die sinkenden Umfragewerte in Fraktion und Partei für Nervosität sorgen. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind die Liberalen kürzlich aus der Regierung geflogen. Im Oktober muss die FDP bei der Landtagswahl in Niedersachsen, Dürrs Heimat, bestehen.

Ein Fraktionschef als „Firmengründer“

Dürr ist nun seit gut acht Monaten Fraktionschef im Bundestag. Die Anfangszeit beschreibt er als „Firmengründung“. „Ich musste in eineinhalb Wochen einen neuen Fraktionsvorstand zusammenstellen“, sagt er. Solche Personalentscheidungen bringen auch immer Enttäuschte mit sich, die leer ausgegangen sind. Trotzdem wurde Dürr mit 94 Prozent zum Fraktionschef gewählt.

„Für ein Einzelkind bin ich ein guter Teamplayer“, hat Dürr einmal über sich gesagt. Er ist nicht der polternde Politikertyp, sondern pflegt eher den unprätentiösen Auftritt. Mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er in Ganderkesee, einer kleinen niedersächsischen Gemeinde in der Nähe von Delmenhorst, wo er auch aufgewachsen ist.

Kritik an ihm ist wenig zu hören, am ehesten begleitet Dürr noch der Vorwurf, er mache nur, was Lindner wolle. Was richtig ist: Dem Vertrauensverhältnis zu Parteichef Christian Lindner verdankt er den Job als Fraktionsvorsitzender.

Für Konflikte zwischen der liberalen Fraktion und den FDP-Regierungsmitgliedern sieht Dürr keinen Anlass. Dafür gäbe es in der Öffentlichkeit wohl kaum Verständnis, zumal es zwischen SPD, Grünen und FDP ausreichend Reibereien gibt. Und hier mischt auch der Fraktionschef mit: Ob bei der Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, der Verhinderung eines Tempolimits oder der Verteidigung der Schuldenbremse – Dürr trägt die liberalen Positionen durchaus pointiert vor.

Zwischen den Fraktionschefs der Koalitionsparteien herrscht ein professionelles Verhältnis. Auf der Rückfahrt von Hannover nach Berlin klingelt immer wieder Dürrs Handy. Es ist die letzte Sitzungswoche vor der Sommerpause, und Dürr stellt sicher, dass bei den Abstimmungen alles glatt läuft. Er gilt auch bei den Koalitionspartnern als verlässlich. Absprachen werden eingehalten. Daneben bleibt noch ausreichend Spielraum für Profilierung.

Nachholbedarf in der Außenpolitik

In Niedersachsen war Dürr einst für Energiepolitik zuständig, im Bundestag hatte er sich die vergangenen Jahre um die Finanzpolitik gekümmert. Als Fraktionschef muss er nun alle Themen bespielen. Als er vor einigen Monaten zu einer Talkshow eingeladen war, wurde das Thema kurzerhand geändert, statt um die Coronapandemie ging es um den Ukrainekrieg. Die anderen Gäste wurden getauscht, Dürr durfte bleiben. „Bei Finanzthemen, Inflation aber auch Energiepolitik bin ich ohnehin sattelfest“, sagt er. In andere Bereiche musste er sich einarbeiten. „Auf den Krieg war ich nicht vorbereitet. In der Außenpolitik hatte ich Nachholbedarf.“

Nach dem Abitur am Gymnasium Ganderkesee und dem Zivildienst beim Blutspendedienst in Bremen studierte Dürr Wirtschaftswissenschaften in Hannover. Seine Diplomarbeit schrieb er über den CO2-Emissionshandel. In einer Koalitionsarbeitsgruppe bezeichnete Dürr sich mal scherzhaft als „Emissionshandel-Taliban“. Für marktwirtschaftliche Instrumente zum Klimaschutz hat er viel, für staatliche Verbote wenig übrig. Das Tempolimit bekämpft er wie auch das gesetzliche Verbrenner-Aus. Auch in der Finanzpolitik vertritt der Fraktionschef die reine Lehre der FDP.

Bei anderen Themen gibt es durchaus Schnittmengen mit den Grünen, bei der Einwanderung etwa. Schon vor Jahren forderte Dürr, dass jährlich 500.000 Menschen nach Deutschland kommen sollten, um den Fachkräftemangel zu lindern.

Mitglied in der „Kartoffelküche“

Ein geborener Fan der Ampel ist Dürr aber nicht. Die Zeit im niedersächsischen Landtag mit der schwarz-gelben Koalition hat ihn geprägt. Er ist Mitglied der sogenannten Kartoffelküche, einem Kreis von Politikern aus CDU und FDP. Trotzdem ging er in seinen Bundestagsreden zuletzt auch Friedrich Merz und die Union härter an, was ihm einige in der CDU übel nehmen.

Verwandte Themen
FDP
SPD
Berlin
Christian Lindner
CDU
Koalition

Dürr sieht das professionell, so ist die Rollenverteilung zwischen Koalition und Opposition nun mal. Einen Schlagabtausch nimmt er sportlich, ähnlich wie die Rangeleien in der Ampel.

Beim Rundgang über die Ideen-Expo darf Dürr sich auf dem Stand von Continental an einem lasergesteuerten Hau-den-Lukas-Spiel versuchen. Er lässt den Hammer heruntersausen, dann erscheint auf dem Bildschirm „Platz 171: Christian“. Der Blick des FDP-Fraktionschefs sagt: Da ginge noch mehr. Der Zeitplan aber sagt: Er muss weiter. Die Disziplin siegt, aber die nächste Profilierungschance kommt bestimmt.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt