Energie: Diese Regionen profitieren zuerst vom Wasserstoff-Kernnetz
Berlin. Die Betreiber der Gasfernleitungen haben ihren Antrag für den Bau des Wasserstoff-Kernnetzes bei der Bundesnetzagentur eingereicht. Die Regulierungsbehörde hat nun zwei Monate Zeit für die Prüfung und Genehmigung. Nach der Genehmigung des Antrags beginnt der Aufbau des Kernnetzes. Erste Leitungen sollen bereits im kommenden Jahr in Betrieb gehen.
Der Antrag sieht eine Leitungslänge von 9666 Kilometern vor, davon sind rund 60 Prozent bestehende Erdgasleitungen, die auf Wasserstoff umgestellt werden sollen. Die Kosten belaufen sich auf 19,7 Milliarden Euro. Das Kernnetz soll möglichst 2032 fertiggestellt sein, das Energiewirtschaftsgesetz ermöglicht allerdings eine zeitliche Streckung bis 2037 für den Fall, dass sich der Wasserstoffbedarf anders entwickelt als geplant.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nannte den Antrag einen entscheidenden Schritt zum Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur. „Er enthält die Autobahnen der Wasserstoffnetze.“ Dies schaffe Planungssicherheit für die Erzeuger von Wasserstoff, die Betreiber von Kraftwerken und Speichern und die Abnehmer von Wasserstoff.
Barbara Fischer, Geschäftsführerin der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB Gas), sagte, mit dem Kernnetz werde der Grundstein für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft gelegt. „Das Kernnetz ist das Angebot an den Markt, es kommt für den Markt und entwickelt sich mit diesem weiter“, sagte Fischer.
FNB Gas ist der Zusammenschluss der deutschen Fernleitungsnetzbetreiber, also der großen überregionalen und grenzüberschreitenden Gastransportunternehmen.
Das Wasserstoff-Kernnetz gilt als wichtiger Baustein für die Transformation der Industrie zur Klimaneutralität. Ziel ist es, künftige Abnahmezentren in den Industrieregionen, Einspeisepunkte an der Küste, künftige Speicher und mit Wasserstoff betriebene Kraftwerke miteinander zu verbinden. Außerdem umfasst das Kernnetz Übergabepunkte an den Grenzen. Sie sollen den grenzüberschreitenden Wasserstoffaustausch und den Import von Wasserstoff aus anderen Weltregionen ermöglichen.
„GetH2“ in NRW und Niedersachsen als Nukleus der Wasserstoff-Infrastruktur
Zu den Vorhaben, die nach Angaben von FNB Gas schon recht früh erste Teile in Betrieb nehmen werden können, zählt das Projekt „GetH2“ in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
„GetH2“ versteht sich als Nukleus der deutschen Wasserstoff-Infrastruktur. Geplant ist ein etwa 300 Kilometer langes Leitungsnetz, das Wasserstoff-Elektrolyseanlagen im Megawattbereich und Wasserstoffabnehmer in Raffinerien, in der Stahlindustrie oder im Schwerlastverkehr miteinander verbindet.
Projektpartner aufseiten der Gasnetzbetreiber sind OGE, Thyssengas, Gascade und Nowega. Aufseiten der Wasserstoffproduzenten und der Wasserstoffabnehmer sind beispielsweise RWE, Uniper, BP, Thyssen-Krupp und Evonik dabei.
Der Südwesten fühlt sich abgehängt
„GetH2“ gehört zu den 22 Wasserstoffprojekten, die in der vergangenen Woche von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) einen Förderbescheid erhalten hatten.
Erste Teile der „GetH2“-Infrastruktur sollen möglichst schon 2025 in Betrieb gehen. Jahr für Jahr soll „GetH2“ dann schrittweise wachsen. Damit haben der Großraum Rhein-Ruhr und Niedersachsen gute Chancen, beim Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur eine Vorreiterrolle zu spielen.
Andere Regionen werden dagegen noch eine Weile warten müssen, ehe das Kernnetz auch bei ihnen angekommen ist. Einige Regionen wiederum kritisieren seit Wochen, sie fühlten sich abgehängt, weil gar nicht erst geplant sei, das Kernnetz bis in ihre Nähe zu führen. Insbesondere aus dem Südwesten gab es deswegen Kritik.
Die EU-Kommission hatte Deutschland Ende Juni grünes Licht für milliardenschwere Beihilfen zur Entwicklung des Wasserstoff-Kernnetzes gegeben. Die geplante Förderregelung in Höhe von drei Milliarden Euro diene den Zielen der EU-Wasserstoffstrategie und des Klimaschutz-Pakets „Fit für 55“, hatte die Behörde mitgeteilt.
Modell für die Finanzierung des Netzes steht
Der Bundestag hatte im April den Finanzierungsweg für das Wasserstoff-Kernnetz beschlossen. Das Kernnetz soll grundsätzlich vollständig über Gebühren der Nutzer finanziert werden. Damit die ersten Nutzer nicht mit extrem hohen Entgelten konfrontiert werden, wird ein Amortisationskonto eingerichtet. Darüber will der Bund die zu Beginn zu geringen Einnahmen der Betreiber ausgleichen, die wegen zu weniger Nutzer des Netzes entstehen. So können sehr hohe Netzentgelte verhindert werden und die Betreiber dennoch wirtschaftlich arbeiten.
Wenn im Laufe der Jahre mehr und mehr Nutzer an das Netz angeschlossen werden und die Einnahmen aus Netzentgelten die Kosten für Netzaufbau und -betrieb übersteigen, sollen die entstandenen Ausgaben über das Amortisationskonto schrittweise ausgeglichen werden.
Erstpublikation: 23.07.2024, 21:18 Uhr