Fachkräftemangel: Heil wirbt um weitere Fachkräfte aus Indien
Berlin. Sichtbar angestrengt hält Hubertus Heil den Cricketschläger in der Hand. Zuvor hat er sich noch schnell ein Trikot über sein Hemd gezogen. Als der indische Botschafter nun Heil den Ball zuwirft, lehnt er sich nach vorne, holt aus – und schlägt knapp am Ball vorbei. Trotzdem applaudieren ihm Zuschauer und Zuschauerinnen später auf dem Olympiagelände in Berlin.
Cricket hat in Indien Kultstatus. Wohl deswegen müht sich Heil an diesem Oktobernachmittag redlich. Vor den Augen deutscher Cricketmannschaften, den Mitarbeitern der Botschaft und Vertretern der indischen Diaspora will der Arbeitsminister (SPD) wohl signalisieren: Die Bundesregierung heißt Inder- und Inderinnen in Deutschland willkommen – und will noch mehr von ihnen für die deutsche Wirtschaft gewinnen.
Denn Deutschland fehlen in vielen Bereichen Fach- und Arbeitskräfte. Und der demografische Wandel sorgt dafür, dass sich der Mangel in den kommenden Jahrzehnten verschärfen wird. Bereits vor zwei Jahren hat die Bundesregierung daher ein bisher einzigartiges Migrationsabkommen mit Indien abgeschlossen.
„Eine Million neue Menschen auf den Arbeitsmarkt“
Der Fokus auf einen einzelnen Staat lohnt sich in diesem Fall: Indien hat als bevölkerungsreichstes Land der Welt eine junge, wachsende Bevölkerung. „In Indien kommen pro Monat eine Million neue Menschen auf den Arbeitsmarkt“, sagt Heil.
Seit 2020 hat sich die Zahl indischer Fachkräfte, die jährlich nach Deutschland kommt, sogar schon verdoppelt. Doch noch immer hindern vor allem bürokratische Hürden junge Menschen daran, sich einen Arbeits- oder Studienplatz hierzulande zu suchen. Eine neue Strategie soll es ihnen nun erleichtern, ins Land zu kommen. Der Handlungsdruck ist groß: Bislang ist Deutschland bei internationalen Fachkräften nicht für seine Willkommenskultur, sondern für seine Bürokratie berüchtigt.
Das neue Vorgehen hat das Bundeskabinett diesen Mittwoch beschlossen. Um Indern und Inderinnen den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern, soll unter anderem die Visa-Vergabe vereinfacht werden. Insbesondere für Studenten-Visa hat die Regierung die Prozesse bereits beschleunigt. In Zukunft soll die Visa-Vergabe über das Auswärtige Amt digitalisiert erfolgen – bis Ende des Jahres für indische Staatsbürger und dann auch für alle anderen Länder.
Insgesamt erhält Heils Fachkräftestrategie dreißig Einzelmaßnahmen. „Wir müssen Bürokratie zerstören, damit wir die richtigen Leute für Deutschland finden“, sagt der Arbeitsminister dazu während des Pressetermins.
Um die demografische Lücke auszugleichen, braucht die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine Netto-Zuwanderung von mindestens 400.000 Fach- und Arbeitskräften pro Jahr. In der Strategie der Bundesregierung heißt es deshalb: „Allein Migration aus der Europäischen Union (EU) ist nicht in der Lage, die Fachkräftebedarfe vollumfassend abzudecken.“
So gilt Indien dahingehend als perfekter Partner. Weil das Land selbst für seine Masse an jungen, gut gebildeten Arbeitskräften nicht genügend Arbeitsplätze bieten kann, bestehen laut deutscher Fachkräftestrategie „keine Bedenken hinsichtlich eines Brain-Drains“ – anders als in anderen Drittstaaten. Wie jung die indische Bevölkerung ist, belegt das dortige Medianalter von 28 Jahren. Zum Vergleich: Der Wert in Deutschland liegt bei 45 Jahren.
Bundesagentur für Arbeit will in Indien werben
Doch um die jungen Fachkräfte ins Land zu locken, gilt es nicht nur, die Visa-Vergabe zu digitalisieren. Um die Bearbeitungszeiten zu senken, muss auch das zuständige Personal aufgestockt werden. Darüber hinaus plant die Bundesagentur für Arbeit (BA), präsenter in Indien zu sein und sich zum Beispiel gemeinsam mit deutschen Unternehmen auf indischen Jobmessen zu zeigen. Auch eine eigene Kommunikationsstrategie auf Social Media soll dafür sorgen, in indischen Medien für Arbeitsplätze in Deutschland zu werben.
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Des Weiteren sollen die Anzahl der Sprachkurse und das Personal in den zehn indischen Goethe-Instituten und -Zentren erhöht werden. Schon können Menschen in Städten wie Delhi, Chennai oder Mumbai dort Deutsch lernen. Nun sollen weitere Standorte hinzukommen.
Bei der besseren Integration der Fachkräfte in Deutschland sollen künftig auch zum Beispiel die Industrie- und Handelskammern helfen. Das hätte man in der Vergangenheit meist versäumt, sagt Heil. Schon in der kommenden Woche will er die neue Strategie gemeinsam mit der indischen Regierung in Delhi präsentieren.
Indische Fachkräfte: 40 Prozent mehr Visa seit 2019
In den vergangenen Jahren ist die Zahl indischer Arbeitskräfte in Deutschland bereits stark gewachsen. Im Februar 2024 waren laut Arbeitsministeriums 137.000 Inderinnen und Inder auf dem deutschen Arbeitsmarkt sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 2015 waren es nur 23.300 gewesen.
Bereits vor zwei Jahren hatte Deutschland mit Indien ein bisher einmaliges Migrationsabkommen mit Modellcharakter abgeschlossen. Schon das hatte sich ausgewirkt. So teilte das Auswärtige Amt dem Handelsblatt auf Anfrage mit, dass 2023 insgesamt 52.000 indische Staatsangehörige ein Visa erhielten – 40 Prozent mehr als vor der Coronapandemie 2019.
Das Außenministerium gibt sich daher optimistisch. „Auch für dieses Jahr zeichnet sich erneut eine Steigerung ab“, heißt es. Bis Mitte Oktober hätten bereits 48.000 Menschen ein Visum erhalten, darunter seien 17.000 Fachkräfte gewesen, Menschen mit Berufsausbildung, Studenten, Familienangehörige oder weitere arbeitswillige Kräfte.
In Deutschland lebende Inder und Inderinnen zeichnen sich durch eine deutlich niedrigere Arbeitslosenquote aus als die Gesamtbevölkerung. Im Februar 2024 lag sie bei 3,7 Prozent im Vergleich zu 7,1 Prozent. Außerdem sind sie deutlich häufiger in hoch qualifizierten Berufen tätig und verdienen daher überdurchschnittlich gut.
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Zu den indischen Fachkräften, auf die Hubertus Heil bei seinen Cricket-Versuchen trifft, zählen auch Rutika Ranade und Ruchita Mor. Beide Frauen kommen aus der indischen Millionenstadt Pune, nahe Mumbai.
Ruchita Mor ist vor fünf Jahren zusammen mit ihrem Ehemann nach Berlin gezogen. „Uns hat ein Urlaub in Europa und insbesondere Deutschland so gut gefallen, dass wir hierher kommen wollten“, sagt sie. Doch bis damals ihr Visum bewilligt worden sei, habe es viele Monate gedauert. Derzeit arbeitet Mor als Datenanalystin für den Essenslieferdienst Lieferando. Ihr zweites Kind wurde bereits in Berlin geboren und Mor hofft, ihre Deutschkenntnisse nun weiter zu verbessern.
Erst vor zwei Jahren ist dagegen Rutika Ranade für ihr Masterstudium nach Deutschland gekommen. Sie hat in Berlin studiert, arbeitet nun als Financial Consultant. Bereits seit der achten Klasse hatte Ranade in Indien Deutsch gelernt. Was ihr hier gefällt? „In Deutschland gibt es eine bessere Work-Life-Balance“, sagt sie. In Indien dagegen hätten viele Akademiker keinen richtigen Feierabend.