Gasversorgung: Klimaschützer sehen Habecks Einsatz für LNG-Terminals kritisch – und fordern Alternativen
Bislang gibt es in Deutschland kein LNG-Terminal.
Foto: action pressBerlin. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) gerät wegen seines Einsatzes für den Bau von Terminals zur Verarbeitung von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) unter Druck. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert, ein LNG-Terminal komme nur als letzte Möglichkeit in Betracht.
DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner sagte dem Handelsblatt: „Klimaschutzminister Habeck muss sich nach unserer Einschätzung noch intensiver mit der Frage befassen, ob es nicht Alternativen gibt.“ Die Frage, ob Deutschland ein LNG-Terminal brauche, sei „mit großen Fragezeichen zu versehen“.
Angesichts der aktuellen Gasversorgungskrise gewinnt der Import von LNG an Bedeutung. Deutschland verfügt bislang nicht über ein LNG-Terminal.
Das Thema LNG ist zum festen Bestandteil der energiepolitischen Reden Habecks geworden. Im Januar sagte er im Bundestag, wenn nicht genug Erdgas über Pipelines ankomme, müsse man das flüssige Erdgas einkaufen. „LNG setzt voraus, dass es eine Infrastruktur gibt“, erklärte er. Die beiden projektierten Terminals in Brunsbüttel und Stade seien aber „bisher nicht privat finanzierbar.“ Habeck kündigte an: „Dieser Frage werden wir uns jetzt energisch zuwenden.“
DUH-Chef Müller-Kraenner sieht das kritisch. Er will die Errichtung von LNG-Terminals zumindest mit strikten Einschränkungen verknüpfen. „Sollte am Ende aller Überlegungen die Erkenntnis stehen, dass der Bau eines LNG-Terminals in Deutschland unverzichtbar ist, dann müsste der Bau an bestimmte Bedingungen geknüpft werden, die dem Ziel der Klimaneutralität bis 2045 gerecht werden“, sagte Müller-Kraenner. Dazu gehöre die Begrenzung der Betriebsdauer eines LNG-Terminals. Außerdem müsse ein solches Terminal auf grünen Wasserstoff umrüstbar sein.
Habeck steht vor einem Dilemma
Müller-Kraenner hält es für naheliegender, über einen Ausbau bestehender Gasleitungskapazitäten nachzudenken, die beispielsweise vom LNG-Terminal im niederländischen Rotterdam nach Deutschland führen. Trotz erhöhter LNG-Importe seien die europäischen LNG-Terminals noch immer nicht ausgelastet. „Es besteht also die Möglichkeit, die LNG-Importe noch weiter zu erhöhen, um eine akute Engpasssituation zu vermeiden“, sagte er.
Der DUH-Chef weist zudem darauf hin, dass es noch mehrere Jahre dauern würde, ehe ein LNG-Terminal zur Verfügung stünde – egal welches Projekt man betrachte. „Das hilft bei der Bewältigung der aktuellen Engpasssituation nicht.“
Der Wirtschafts- und Klimaschutzminister setzt sich für LNG-Terminals ein – und erhält dafür von vielen Seiten Kritik.
Foto: ReutersDer Streit um den Bau von LNG-Terminals, dem Habeck sich nun zu stellen hat, offenbart ein Dilemma. Als Wirtschaftsminister muss er dafür sorgen, dass Deutschlands Energieversorgung sicher, klimaschonend und zugleich möglichst kostengünstig bleibt. Als Grünen-Politiker dagegen muss Habeck insbesondere die Kernklientel der Partei bedienen, die den Klimaaspekt in den Vordergrund aller Betrachtungen rückt.
Die Deutsche Umwelthilfe ist nicht unumstritten. Viele Wirtschaftsakteure, etwa große Teile der Autoindustrie, fürchten die DUH wegen ihrer kompromisslosen Vorgehensweise. Die Organisation hat die Unternehmen in den vergangenen Jahren mit Klagen und Kampagnen massiv unter Druck gesetzt. Mit Blick auf LNG-Terminals munitioniert sich die DUH bereits mit Rechtsgutachten. Einen offenen Brief zum Thema LNG erhielt Habeck von der DUH bereits.
Grünen-Politiker kritisieren Habecks Pläne
Die Gaswirtschaft hält den Bau von LNG-Terminals für sinnvoll. „Wir werden weiterhin Energieimporte benötigen, um unseren Bedarf zu decken“, sagte Timm Kehler, Chef des Branchenverbandes Zukunft Gas. Dazu gehöre auch die aktive Auseinandersetzung mit Erdgasimport-Infrastrukturen wie Pipelines und LNG-Terminals, um die wachsende Importlücke zu schließen.
Doch ist dafür ein LNG-Terminal in Deutschland tatsächlich unverzichtbar? Michael Stoppard, Chefstratege für Gasthemen beim Beratungsunternehmen IHS Markit, bezweifelt das: „Wir reden über einen europäischen Markt. Deutschland ist umgeben von LNG-Terminals“, sagte er dem Handelsblatt.
Auch in der eigenen Partei wird Habecks Eintreten für LNG-Terminals kritisch beobachtet. Der Landesvorsitzende der niedersächsischen Grünen, Hanso Janßen, sagte dem „Spiegel“, er halte einen LNG-Neubau für „energiepolitisch verfehlt“. Es sei „ökonomisch und ökologisch sinnvoller“, direkt über Importstrukturen für grünen Wasserstoff nachzudenken.
Flüssiggas-Terminals nachträglich „Wasserstoff-ready“ zu machen sei zu kostspielig. Auch Schleswig-Holsteins grüner Energiewendeminister Jan Philipp Albrecht hält ein Terminal nur dann für eine „sinnvolle Brückentechnologie“, wenn sie „von Anfang an auf den Handel emissionsfreier Gase wie etwa grüner Wasserstoff“ ausgerichtet sei.