Klimaneutralität: Gasbranche plädiert für gesetzliche Grüngas-Quote
Berlin. Branchenvertreter wollen mit einer gesetzlichen Grüngasquote die Verwendung von klimafreundlichem Gas voranbringen. Der CO2-Fußabdruck des in Deutschland verwendeten Gases soll so bis 2045 schrittweise auf null sinken.
Die gesetzliche Regelung solle die Nachfrage nach neuen Gasen jeden Ursprungs anregen und damit Anreize für Investitionen schaffen, sagte Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbandes „Zukunft Gas“. Ab 2025 soll die Quote Jahr für Jahr steigen.
„Zukunft Gas“, dessen Mitgliedsunternehmen die gesamte Wertschöpfungskette von der Erzeugung über den Transport, die Verteilung bis hin zum Vertrieb von Gas repräsentieren, hat zur Einführung einer Grüngas-Quote ein Konzept entwickelt. Das Positionspapier liegt dem Handelsblatt vor.
Demnach sollen die sogenannten Inverkehrbringer von Gas, also in der Regel die Gashändler, für die Quotenerfüllung verantwortlich sein. Das soll für eine kontinuierlich steigende Nachfrage nach klimafreundlichen Gasen sorgen, was Produzenten und Importeuren Sicherheit gibt.
„Grüngas“ ist der Sammelbegriff für gasförmige Energieträger, die aus erneuerbaren Quellen stammen. Dazu zählen aus Biomasse hergestellte Biogase, aber auch grüner Wasserstoff oder synthetisches Methan, das auf Basis von grünem Wasserstoff hergestellt wird.
„Zukunft Gas“ plädiert für eine möglichst breite Definition des Begriffs. So sollen auch blauer und orangener Wasserstoff anrechenbar sein. Blauer Wasserstoff wird auf Erdgasbasis hergestellt. Das bei der Herstellung freiwerdende CO2 wird abgeschieden und unterirdisch verpresst (Carbon Capture and Storage, kurz CCS).
Strafzahlung bei Nichterfüllung der Quote
Orangener Wasserstoff entsteht per Elektrolyse. Der für den Prozess eingesetzte Strom stammt aus Anlagen der Abfallwirtschaft, etwa Müllverbrennungsanlagen. Bei grünem Wasserstoff stammt der Strom dagegen aus erneuerbaren Quellen.
Sollten die Händler die Quote verfehlen, schlägt die Branche eine Strafzahlung vor, die „angemessen oberhalb der Kosten der Quotenerfüllung festgesetzt wird“.
Die vorgeschlagene Quotenregelung ist nicht mit einer Beimischungspflicht oder einer Beimischungsquote zu verwechseln, wie Kehler erklärte. Vielmehr geht es darum, dass die Inverkehrbringer die Quote, auf das gesamte von ihnen gehandelte Gas gerechnet, erfüllen, und zwar national wie auch EU-weit und insbesondere auch über die Trennung von Erdgas- und Wasserstoffnetzen hinweg.
Wenn zum Beispiel ein Gashändler mit dem von ihm eingekauften Biomethan seinen Teil der Quote übertrifft, kann er den Überschuss verkaufen. Der Käufer muss dann selbst kein Biogas mehr beschaffen, um die Vorgaben zu erreichen.
Der Quotenvorschlag ist nicht ohne Vorbild. Im Bereich der Kraftstoffe gibt es bereits die Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote). Sie verpflichtet Mineralölunternehmen, alternative, klimaschonende Kraftstoffe wie Biodiesel oder Bioethanol einzusetzen. Die THG-Quote steigt von Jahr zu Jahr.
Vorschlag basiert auf Idee aus der SPD-Fraktion
„Zukunft Gas“ bezieht sich mit dem Konzept ausdrücklich auf einen Vorschlag, den die beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Bengt Bergt und Andreas Rimkus im Sommer vergangenen Jahres gemacht hatten.
Allerdings steht eine Grüngas-Quote nicht auf der Agenda der Ampelkoalition, im Koalitionsvertrag findet sich dazu kein Satz. Dennoch ist das Thema in den vergangenen Monaten, ausgelöst durch den Vorschlag, immer wieder aufgegriffen worden.
In der Union stößt die Idee auf Zustimmung. „Eine Grüngas-Quote hätte eine Reihe von Vorteilen. Sie reduziert die Regulierung auf ein Minimum und sorgt zugleich für einen verlässlichen und planbaren Anstieg des Anteils klimaneutraler Gase im Gesamtsystem“, sagte der Unions-Bundestagsabgeordnete Oliver Grundmann (CDU) dem Handelsblatt.
Macht uns die Energiewende unabhängig von Despoten?
Grundmann sieht insbesondere beim Biogas Chancen, die sich Deutschland zunutze machen sollte: „Es lohnt sich, beim Thema Biogas über Europas Grenzen hinauszuschauen.“ Für Nicht-EU-Länder mit starkem Agrarsektor zeigten sich enorme Potenziale, die im Vergleich zum Aufbau einer Wasserstoffproduktion recht niedrigschwellig seien.
Aus Agrar-Reststoffen hergestelltes Biomethan biete diesen Ländern verlässliche Einnahmequellen und der europäischen Wirtschaft raschen Zugriff auf klimaneutrale Gase. „Es profitieren beiden Seiten“, sagte Grundmann.
Durch die im Aufbau befindliche Infrastruktur für verflüssigtes Erdgas (liquefied natural gas, kurz LNG) entstünden „beste Importmöglichkeiten für klimaneutrale Energieträger von übermorgen“, sagte Grundmann. Biomethan hat dieselben chemischen Eigenschaften wie konventionelles Erdgas. Die LNG-Infrastruktur lässt sich daher eins zu eins für Biomethan nutzen. Das verhält sich bei reinem Wasserstoff anders: Er erfordert eine separate Infrastruktur.