Nathalie von Siemens im Interview: „Bei Mint-Berufen müssen wir auf Innovationshunger statt Angst setzen“
Die Ururenkelin des Siemens-Gründers ist Sprecherin des nationalen MINT-Forums.
Foto: PressefotoBerlin. Frau von Siemens, der Mangel an MINT-Arbeitskräften eilt von Rekord zu Rekord.
Das Thema ist dringlicher denn je, aber die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit lässt nach. Wir haben viele großartige MINT-Initiativen mit Erfahrungswissen darüber, was wirkt. Aber es fehlt die Erforschung, was nicht nur Interesse weckt, sondern auch zu einer Lebensentscheidung für einen MINT-Beruf führt. Wir brauchen Hilfe vom Bund, um die Wirksamkeit von MINT-Initiativen wissenschaftlich zu erforschen.
Im Koalitionsvertrag stehen fünf Zeilen zu MINT. Versprochen wird aber ein MINT-E-Portal – eine gute Idee?
Eine Art digitales Telefonbuch für MINT-Projekte der Republik kann Angebotstransparenz schaffen, hilft aber den Akteuren vor Ort in ihrer täglichen Arbeit nicht. Es fehlen systematische und gendersensible Qualitätskriterien. Wir wünschen uns eine Qualitätsallianz aus Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft um diese Kriterien zu erarbeiten. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit sektorübergreifender Zusammenarbeit, zum Beispiel in den sogenannten MINT-Regionen. Diesen Netzwerken wäre sehr geholfen, wenn es eine bundesweite MINT-Servicestelle gäbe, die Erfahrungsaustausch zwischen Schulen und außerschulischen Lernorten unterstützt, Vernetzung stärkt und neue Projekte anregt. Bei beidem, Qualitätsallianz und MINT-Servicestelle, könnte uns die Bundesbildungsministerin sehr helfen.
Frauen meiden MINT-Berufe noch immer.
Richtig. Andere Länder sind da weiter. Frauen wählen Berufe, die sie für sozial relevant halten. Diesen Ruf haben viele MINT-Berufe nicht. Das ist in Zeiten von Klimawandel und Digitalisierung einfach tragisch, denn was hat hier gesellschaftliche Relevanz, wenn nicht MINT? Leider hakt es in der Berufsorientierung an den Schulen. Wir müssen viel stärker zeigen, dass diese Berufe die Welt verändern können.
Wie kann man das Thema drehen?
Indem wir auf Innovationshunger setzen statt auf Angst. „Fachkräftelücke“ klingt immer so, als ob die böse Wirtschaft nur Mitarbeiter für ihre Gewinnmaximierung sucht. Dabei geht es um die ökonomische Grundlage des guten Lebens von allen in Deutschland. Und: Wer einen MINT-Beruf ergreift, hat die große Chance, das 21. Jahrhundert und seine Paradigmenwechsel aktiv mitzugestalten.