Pandemie: Die Corona-Erklärer: Diese 19 Experten beraten die Bundesregierung
Alena Buyx (Vorsitzende Deutscher Ethikrates/im Uhrzeigersinn von oben links), Viola Priesemann (Max-Planck-Institut), Lothar Wieler (RKI-Präsident), Christian Karagiannidis (Divi-Intensivregister), Thomas Mertens (Stiko-Chef), Hendrik Streeck (Leiter Virologisches Institut Uniklinik Bonn), Christian Drosten (Chefvirologe Berliner Charité), Melanie Brinkmann (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung) sowie elf weitere Experten sollen die Bundesregierung beraten.
Foto: Imago (4), dpa (3), PRBerlin. Ein neues Expertengremium soll die wissenschaftliche Beratung der Bundesregierung auf eine breitere Basis stellen. Am Dienstag kam die hochkarätig besetzte 19-köpfige Runde aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Kinderärzten sowie Bildungsforschern zum ersten Mal zusammen. An der Auftaktsitzung nahmen Bundeskanzler Olaf Scholz, Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt und Gesundheitsminister Karl Lauterbach (alle SPD) teil.
Lauterbach hatte angekündigt, die Pandemiebekämpfung stärker auf wissenschaftliche Expertise zu stützen. Der Expertenrat soll deshalb jede Woche beraten. Die Expertise des Gremiums sei sehr wichtig, sagte der Minister. „Der Expertenrat macht keine Politik, die Politik machen wir“, machte Lauterbach zugleich deutlich. Die Runde sei ausgewogen zusammengesetzt. Er erwarte, dass sie gemeinsame Voten abgeben könne. Scholz erwartet von den Experten nach eigenen Worten Vorschläge, die die Regierung ihren Entscheidungen mit zugrunde legen kann.
Die Aufgabe ist gewaltig. Im Fokus steht aktuell die Pandemiebekämpfung vor und nach Weihnachten. Und damit verbunden die Frage, wie sich Deutschland gegen die drohende Omikron-Welle wappnen kann. In Großbritannien verdoppeln sich die Infektionszahlen schon jetzt alle zwei bis drei Tage, weil sich auch dreifach Geimpfte anstecken.
Lauterbach sagte, der Expertenrat werde noch vor Weihnachten eine Einschätzung zur Gefährlichkeit der Omikron-Virus-Variante vorlegen. Ob die Politik dann handeln müsse, hänge von der Einschätzung ab. Die Experten würden voraussichtlich schon am Freitag erneut zusammenkommen, um über Omikron zu beraten.
Dem „Expertengremium zur wissenschaftlichen Begleitung der Covid-19-Pandemie“, so der offizielle Titel, gehört überraschend neben dem Chefvirologen der Berliner Charité, Christian Drosten, auch der Leiter des Virologischen Instituts der Uniklinik Bonn, Hendrik Streeck, an. Anders als Drosten war Streeck unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht zu Corona-Beratungen hinzugezogen worden.
Die beiden hatten sich in der Vergangenheit immer wieder öffentlich sehr unterschiedlich zur Bewältigung der Krise geäußert. Drosten sprach sich mehrfach für harte Maßnahmen aus, darunter umfassende Lockdowns, Streeck hingegen plädierte für weniger rigide Eingriffe und die schnellstmögliche Rückkehr zur Normalität.
„Der Spitzenmann unter den Seuchendetektiven“
Christian Drosten ist als Spezialist für neu auftretende Infektionskrankheiten in der Pandemie zu einem der präsentesten Köpfe geworden. Das Magazin „Der Spiegel“ nannte ihn einmal den „Spitzenmann unter den Seuchendetektiven“. Aus gutem Grund. Drosten war 2003, damals am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg, einer der Mit-Entdecker des Sars-Coronavirus – eines engen Verwandten des aktuell pandemischen Erregers Sars-CoV-2.
Er ist Direktor am Institut für Virologie der Charité in Berlin.
Foto: dpaSeit das Coronavirus Deutschland erreicht hat, ist auch Hendrik Streeck gefragt. Früh schon hat er sich auf die Fährte des Virus begeben, als er begann, im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen zu forschen, einem der ersten Corona-Hotspots der Republik. Als der damalige Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet (CDU), im Frühjahr 2020 einen Pandemierat einsetzte, war Streeck mit dabei.
Dem neuen Expertengremium der Bundesregierung gehört auch die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung an. Mit dabei sind zudem die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut, Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), der Intensivmediziner Christian Karagiannidis (Divi-Intensivregister), Alena Buyx (Vorsitzende des Deutschen Ethikrates) sowie elf weitere Experten.
Die Professorin Melanie Brinkmann hat sich seit jeher für harte staatliche Eingriffe ausgesprochen. Unter ihrer Federführung forderten im November 35 führende Mediziner und andere Fachleute in einem dreiseitigen Aufruf von der Politik, ihrer Verantwortung für ein Brechen der vierten Welle „umfassend“ gerecht zu werden. „Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben“, heißt es in dem Text.
Sie ist Professorin für Virologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und an der TU Braunschweig.
Foto: imago images/Jürgen HeinrichWie Brinkmann hat auch Viola Priesemann den Ernst der Coronalage früh erkannt. Beide waren im Januar 2021 an einem Aktionsplan renommierter Wissenschaftler beteiligt. Darin warnten die Forscher vor den ansteckenderen Virusvarianten und forderten einen „Plan für sofortiges paneuropäisches Handeln“.
Priesemann warb kürzlich auch für eine Art Not-Schutzschalter und andere weitreichende Maßnahmen. „Gerade in Hinblick auf die neue Omikron-Variante ist eine solche Vorsorge dringend erforderlich“, heißt es in einer Stellungnahme verschiedener Experten um die Physikerin und Modelliererin.
In dem neuen Expertenrat dürfte auch die von der neuen Regierung angestrebte allgemeine Impfpflicht ein Thema sein – und womöglich für Streit sorgen. Das Ratsmitglied Thomas Mertens ist strikt gegen eine solche Pflicht. „Es ist mir immer lieber, wenn es durch Überzeugung gelingt, die Menschen zu etwas Sinnvollem wie der Impfung zu bewegen“, sagte der Stiko-Chef.
Die Impfkommission stand immer wieder in der Kritik. Aus der Politik wurde dem unabhängigen Gremium, nach dessen Empfehlungen sich viele Arztpraxen richten, ein zu langsames Agieren vorgeworfen. Mertens selbst räumte kürzlich ein, mit seiner persönlichen Aussage zur Ablehnung einer Kinderimpfung gegen Corona einen Fehler gemacht zu haben. Mertens hatte in einem Podcast der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Anfang Dezember erklärt, wenn er ein sieben- oder achtjähriges Kind hätte, würde er es „wahrscheinlich jetzt nicht impfen lassen“.
Ernstes Problem auf den Intensivstationen
Die Impfpflicht treibt auch Alena Buyx um. Die Ethikratschefin berät die Politik in Grundsatzfragen, bei Gentechnik, der Sterbehilfe und Corona. Zuerst hatte die Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München sich gegen eine berufsbezogene Impfpflicht positioniert. Dann erklärte sie, die Impfung dürfe nicht nur als Privatsache gesehen werden, weil sie „Effekte auf uns alle“ habe.
Sie ist die Vorsitzende beim Deutschen Ethikrat.
Foto: dpaDas zeigt sich auf den Intensivstationen. Nach RKI-Angaben mussten im November in allen untersuchten Altersgruppen weniger geimpfte als ungeimpfte Covidfälle dort behandelt werden. Dass kann ein ernstes Problem werden, wenn das Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät. Im Expertenrat wird deshalb Christian Karagiannidis eine wichtige Stimme sein. Der Intensivmediziner leitet das Divi-Intensivregister und weiß, wie viele Intensiv- und Beatmungsbetten in Deutschland noch frei sind. Die Zahl sei auf den niedrigsten bisher erfassten Stand gesunken, erklärte er. Das mache ihm Sorgen, insbesondere in Hinblick auf die Variante Omikron, die sich mit hoher Geschwindigkeit durchsetzen werde.
Das sieht Lothar Wieler ähnlich. Der RKI-Chef leitet eine Behörde, deren Aufgabe es ist, frühzeitig vor Epidemien und gefährlichen Erregern zu warnen. Mit Blick auf Corona wählt er deutliche Worte. „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage. Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern“, warnte er im November. Die Prognosen seien „superdüster“. Den Politikern warf Wieler schwere Fehler vor. Für ihn wurde zu schnell und in zu vielen Bereichen geöffnet. Was geschehen muss, liegt für ihn auf der Hand: „Jeder, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“
Hier alle 19 Expertinnen und Experten im Überblick:
- Reinhard Berner (Kinder- und Jugendmediziner, Universität Dresden)
- Cornelia Betsch (Expertin für Gesundheitskommunikation, Forschung zu Impfgegnern, Universität Erfurt)
- Melanie Brinkmann (Virologin, TU Braunschweig)
- Alena Buyx (Medizinethikerin, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats)
- Jörg Dötsch (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin)
- Christian Drosten (Virologe, Charité)
- Christine Falk (Immunologin, Medizinische Hochschule Hannover)
- Ralph Hertwig (Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung)
- Lars Kaderali (Direktor des Instituts für Bioinformatik der Universitätsmedizin Greifswald)
- Christian Karagiannidis (Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin)
- Heyo Kroemer (Pharmazeut, Vorstandsvorsitzender der Charité)
- Thomas Mertens (Vorsitzender der Ständigen Impfkommission)
- Michael Meyer-Hermann (Immunologe, Universität Braunschweig)
- Johannes Niessen (Gesundheitsamt Köln)
- Viola Priesemann (Expertin für Modellierung komplexer Systeme, Max-Planck-Institut)
- Leif Erik Sander (Impfstoffforscher, Charité)
- Stefan Sternberg (Landrat Ludwigslust-Parchim)
- Hendrik Streeck (Virologe, Universität Bonn)
- Lothar Wieler (Präsident des Robert Koch-Instituts)