Pandemie: Wer sich gesund fühlt, soll wieder arbeiten gehen? Ärzte reagieren entsetzt auf den Gassen-Vorstoß
Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat sich für eine Aufhebung aller Corona-Isolations- und Quarantänepflichten ausgesprochen.
Foto: dpaBerlin. Ärzte- und Klinikvertreter haben sich vehement gegen die geforderte Aufhebung aller Corona-Isolations- und -Quarantänepflichten ausgesprochen. „Die Hoffnung, dass eine kürzere Isolation oder ihr Wegfall automatisch Personalausfälle mindert, ist möglicherweise ein Trugschluss“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Henriette Neumeyer, dem Handelsblatt.
Ein kompletter Wegfall der Isolation könne vielmehr zu höheren Infektionszahlen und damit auch zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen führen. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich positiv Getestete mit Symptomen gesellschaftlich unter Druck gesetzt fühlen, dennoch arbeiten zu gehen. Perspektivisch solle man aber überlegen, „ob man symptomlosen Mitarbeitenden in Arbeitsbereichen ohne Gefahr der Infektion für Patienten und Kollegen die Möglichkeit zu arbeiten einräumt, wenn sie dieses wollen.“
Am Wochenende hatte sich der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, für ein Ende der Quarantäne- und Isolationsregeln ausgesprochen, um Personalnot zu lindern. Zuspruch erhielt Gassen aus der FDP. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kritisierte einen solchen Ansatz hingegen als gefährlich.
Ärztegewerkschaft: „Völlig falsches Signal“
Derzeit gilt für die allgemeine Bevölkerung, dass die vorgeschriebene Isolation für Coronainfizierte nach fünf Tagen enden kann – mit einem „dringend empfohlenen“ negativen Test zum Abschluss. Beschäftigte im Gesundheitswesen müssen 48 Stunden symptomfrei sein und einen negativen PCR-Test vorweisen, der frühestens am fünften Tag nach der Infektion abgenommen wurde.
Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, nannte ein Ende der Isolations- und Quarantänepflichten in Kliniken im Gespräch mit dem Handelsblatt „das völlig falsche Signal“. Patientinnen und Patienten müssten sich darauf verlassen können, nicht zusätzlichen Gefahren ausgesetzt zu werden. „Das wäre aber bei einer Behandlung durch akut Corona-infiziertes Personal der Fall, denn auch Ärztinnen und Ärzte müssen während der Arbeitszeit einmal die Schutzmaske abziehen und etwas essen und trinken können“, sagte Johna.
Zwar biete eine FFP2-Maske eine hohe Sicherheit, diese würde aber nicht 100 Prozent der Aerosole filtern. Wenn der Träger stark schwitze, nehme die Filterleistung zusätzlich ab. Akut infizierte Mitarbeiter im Gesundheitswesen würden das Virus zudem auch in der Belegschaft weitertragen. „Arbeitsverbote bei Infektionskrankheiten kennen wir auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Campylobacter-Infektionen und einer Tätigkeit im Lebensmittelbereich“, sagte Johna. „Niemand käme auf die Idee, solche Maßgaben dort infrage zu stellen.“
FDP-Politiker beharren auf „Eigenverantwortung“
Ähnlich argumentiert der Epidemiologe Timo Ulrichs am Lehrstuhl für Globale Gesundheit der Akkon-Hochschule Berlin. Die Isolation und Quarantäne „noch weiter zu verkürzen oder ganz aufzugeben, ist nicht sinnvoll, sondern eher kontraproduktiv bis fahrlässig“, warnte er. „Es sind nämlich die einzigen wirksamen Maßnahmen, die noch in Kraft sind.“
Dem Argument, durch Isolation würden Menschen am Arbeitsplatz fehlen, müsse entgegengehalten werden, dass ohne sie noch viel mehr Menschen gleichzeitig betroffen wären, die mit Covid-19 ausfallen würden.
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Neben dem Chef der Kassenärztlichen Vereinigung hatten sich auch mehrere FDP-Politiker für ein Ende der Pflichten ausgesprochen. Eine Diskussion darüber sei richtig, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen nimmt im dritten Coronajahr bereits im Sommer zu.
Foto: dpa„Aus meiner Sicht ist es sowohl epidemiologisch als auch aus Gründen der Eigenverantwortung überfällig, den Menschen diese Entscheidung wieder zu überlassen – so wie es andere europäische Länder schon längst getan haben.“ Ähnlich äußerte sich FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai. Er warnte vor Personalausfällen durch Isolationspflichten.
Die Gewerkschaft Verdi zeigte sich angesichts dieser Äußerungen entsetzt. Die Forderung aus der FDP „zeugt von wenig Verantwortungsbewusstsein“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler dem Handelsblatt. „Infektiöse Menschen gehören nach Hause und nicht in den Betrieb oder die Öffentlichkeit, egal ob im Einzelhandel, im ÖPNV oder in der Gastronomie.“
Alles andere würde die bisherigen Maßnahmen konterkarieren, die zum Schutz von Menschenleben ergriffen worden seien. „Ohne Quarantäne droht das, was von Anfang an verhindert werden sollte: die Überforderung der Gesundheitsinfrastruktur“, warnte Bühler. Gegenüber den Beschäftigten im Gesundheitswesen sei die Forderung besonders zynisch. „Sie leiden seit mehr als zwei Jahren unter den extremen Belastungen durch Corona, haben das größte Ansteckungsrisiko und würden dann unter der steigenden Auslastung in den Kliniken doppelt leiden.“